Man kennt solche Szenen eigentlich nur von Pop-Konzerten: Gedränge beim Einlass, bis zum allerletzten Platz gefüllter Saal, ein begeistertes Publikum, und das Dargebotene wird mit Begeisterungsstürmen und Standing Ovations goutiert. Die Szenen haben sich Montagabend aber im Grazer Literaturhaus abgespielt. Hausherr Klaus Kastberger hatte zum „Fest für Natascha Gangl“ eingeladen – und hätte das Haus mehrfach füllen können, so groß waren Interesse und Andrang. Graz wurde seinem Ruf als Österreichs Hauptstadt der Literatur wieder einmal eindrucksvoll gerecht.
Klaus Kastberger, auch Juryvorsitzender beim Bachmann-Preis, zeigte sich hocherfreut darüber, dass der „nicht einfache und sehr politische Text“ von Natascha Gangl in Klagenfurt gewonnen hat. „Und noch dazu waren sich Jury und Publikum einig über die Qualität des Textes – das soll uns der ESC einmal nachmachen.“ Kulturlandesrat Karlheinz Kornhäusl griff in seiner Rede eher in die Worthülsen-Kiste und sprach von der „Strahlkraft der Literatur“ und der „Wichtigkeit des Zuhörens.“ Im Vergleich nahm sich Kulturstadtrat Günter Riegler in seinem kurzen Statement wohltuend zurück: „Weder die Politik noch die Stadt Graz haben Anteil an diesem Preis“, so Riegler in die Richtung von Natascha Gangl. „Da war ganz allein Ihr Verdienst.“ Auch dafür gab es Applaus.
Nach einer gewohnt gewitzten Literatur-Performance von Max Höfler, der heuer ebenfalls beim Bachmannbewerb auftrat, las Natascha Gangl ihren Siegertext „Da Sta“. Zuvor hatte sie betont, dass dieser Text „schon viel mit der Steiermark und den letzten Wahlergebnissen“ zu tun habe. Plötzlich war es dann mucksmäuschenstill im Saal, und im Vorlesen entfaltete sich die große Wirkmächtigkeit dieses Textes, in dem es um Sprachformen, Dialekt, Identitäten, Verdrängung und Erinnerungskultur geht. Die Zeilen klangen wie Musik, vielschichtig, melodisch, immer wieder gegen den Strich gebürstet, grandios mäandernd in Form und Rhythmik, fließend, dann wieder fordernd – ein mehr als würdiger Siegertext. Und ein Beispiel dafür, dass beim Bachmannbewerb auch Literatur fernab des Mainstreams gewürdigt wird. Standing Ovations und Begeisterungsrufe vom Publikum.
Auf dem Podium diskutierte Klaus Kastberger dann noch mit dem Bachmann-Preisträgerinnen-Triumvirat Natascha Gangl, Nava Ebrahimi (2021) und Ferdinand Schmalz (2017) sowie Literaturkritikerin Brigitte Schwens-Harrant, die Gangl nach Klagenfurt eingeladen hatte, über Auswirkung und Bedeutung des Bewerbs. Einhellige Meinung herrschte darüber, dass der Bachmannpreis ein Karriere-Booster sein kann; erfreut zeigt man sich darüber, dass mitunter auch Texte mit komplexer Form- und Spracharbeit Gewinnchancen haben. Natascha Gangl ist ein beeindruckendes Beispiel dafür. Ans Buffet schaffte sie es ziemlich spät, zuvor musste sie zahlreiche Bücher signieren. Applaus auch für das literaturbegeisterte Grazer Publikum!