Es war viel von Perspektiven, von Ausblicken und von Nachhaltigkeit die Rede: Am Montagvormittag wurden in Gmunden die Schwerpunkte zur Kulturhauptstadt Salzkammergut 2024 präsentiert. Zum ersten Mal wird eine ganze Region den Titel tragen und noch vor Tartu in Estland (26. Jänner) und Bodø in Norwegen (8. Februar) ins Kulturjahr starten. 23 Gemeinden aus Oberösterreich und der Steiermark sind beteiligt, mehr als 1000 Projekte wurden im Vorfeld eingereicht. Die Auswahl und Ausrichtung sorgte mitunter für ziemliche Misstöne in der Region. Bisweilen hat man sich sogar mit öffentlichen Briefen die zum Teil sehr gegensätzlichen Positionen ausgerichtet. Nicht zuletzt entzündete sich die Debatte um die Frage: Ist das Programm der Kulturhauptstadt Salzkammergut zu wenig regional und zu viel europäisch?

Die europäische Komponente müsse in den Kulturhauptstädten mitgedacht werden, so die Position der künstlerischen Leiterin Elisabeth Schweeger bei der Pressekonferenz, aber auch um den regionalen Raum weiterzuentwickeln: „Der ländliche Raum ist nicht nur ein Möglichkeitsraum, sondern ein Zukunftsraum. Es geht hier nicht darum, den regionalen Raum zu urbanisieren. Es geht darum, unsere Lunge, den ländlichen Raum, zu erhalten!“ Ins gleiche Horn stößt auch der steirische Landeshauptmann Christopher Drexler (ÖVP), für den die Attraktivierung regionaler Räume im Vordergrund steht und Kultur könne hier der Motor sein: „Der Ort, wo man sitzt, um etwas zu bewerkstelligen, tritt zunehmend in den Hintergrund. Wir denken viel zu statisch – ideal wäre es, wenn man mehrere Orte im Leben erlebt“, plädiert er für eine Attraktivierung der ländlichen Orte und in deren Rückkehr.

Das Kulturhauptstadtjahr beginnt offiziell am frühen Abend des 19. Jänner mit der Eröffnung durch Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Das künstlerische Programm des Festakts bestreiten u. a. der „Chor der 1000“ unter der Leitung von Hubert von Goisern und Tom Neuwirth aka Conchita. Davor gibt es bereits tagsüber zahlreiche Interventionen im öffentlichen Raum samt Kinderprogramm, 23 „Lichtgestalten“ der Künstlerin Isa Stein zeigen dem Publikum, wo etwas los ist, zudem wird bereits die zentrale Themenausstellung der Kulturhauptstadt – „sudhaus – kunst mit salz & wasser“ im Alten Sudhaus – eröffnet.

Im Lehár-Theater wird das historische „Ballet Mécanique“ von einem Maschinenorchester aufgeführt. Am Abend gastiert im Kongress- und Theaterhaus die Komische Oper Berlin mit der Operette „Eine Frau, die weiß, was sie will“ von Oscar Straus. An diversen Locations kann man feiern und abtanzen – etwa im Kurpark mit Camo & Krooked, im Pfarrsaal bei der „New Salt Festival Club Night“ oder bei einem Open Air vor der Johann-Nestroy-Schule.

Tags darauf gibt es ein „Katerfrühstück“ beim Frühschoppen mit dem Trachtenverein D’Ischler im Pfarrsaal. Im „Weltsalon“ in den Stallungen der Kaiservilla wird zum Thema „Europa im Umbruch“ diskutiert, danach warten Fiston Mwanza Mujila, Patrick Dunst und Grilli Pollheimer mit einer „Konzert_Performance“ auf und der „Große Welt-Raum-Weg“ – vom Badezimmer über die Pfarrkirche Bad Ischl ins Tote Gebirge – kann erforscht werden. Das Wirtshauslabor, in dem sich Kochprofis und Auszubildende mit der Zukunft der Wirtshauskultur befassen, nimmt seinen Betrieb auf. In Gmunden entsteht am Areal der ehemaligen Stadtgärtnerei das „KunstQuartier“ als Ort für Zeitgenössische Kunst und Impuls für die Stadtentwicklung.

Insgesamt stehen mehr als 300 Veranstaltungen im finalen Programmbuch, das am Montag präsentiert wurde, darunter eigene Projekte und assoziierte mit anderen Kulturträgern oder Festivals. Das Programm gliedert sich in vier große Linien: „Macht und Tradition“ betrachtet die Basis der lokalen Identität, „Kultur im Fluss“ hinterfragt sie, „Globalokal – Building the New“ will regionale Strategien für globale Herausforderungen entwickeln und „Sharing Salzkammergut – Die Kunst des Reisens“ widmet sich der Zukunft des für das Salzkammergut so wichtigen, aber oft auch belastenden Tourismus.

Im Februar startet die „Hausmusik Roas“ von Franz Welser-Möst und den Salzkammergut Festwochen, von 17. bis 25. Februar ist im Papiermachermuseum in Laakirchen die Kinderoper „Saltice“ von Ruben Zahra zu sehen – ein poetisches Ökostück mit Ausstattung aus Papier. Anfang März soll dann das virtuelle Museum Salzzeit.at online gehen, das mittels App die Museen der Region vernetzt und 7000 Jahre Salzgeschichte erlebbar macht.

Am 19. März beginnt ein inhaltlicher Schwerpunkt der Kulturhauptstadt fernab des Salzkammerguts im Linzer Lentos: Die Schau „Die Reise der Bilder“ befasst sich mit von den Nazis geraubter, in Salzstollen im Ausseerland gebunkerter und in einer spektakulären Aktion vor der Vernichtung geretteter Kunst und mit dem von Adolf Hitler in Linz geplanten Führermuseum, wo dieser seine Beute auszustellen gedachte. Flankierend dazu zeigt das Kammerhofmuseum Bad Aussee ab 27. März eine Ausstellung über den Kunsthändler Wolfgang Gurlitt und seine jüdische Geschäftspartnerin Lilly Christiansen. Im Alten Marktrichterhaus in Lauffen/Bad Ischl setzen sich ab 20. April zeitgenössische Künstler mit dem Thema Kunstraubs auseinander („Das Leben der Dinge. Geraubt – verschleppt – gerettet“). Ebenfalls zum Themenkreis zählt die Ausstellung „Verborgen im Fels. Der Berg, das Salz und die Kunst“ des Comiczeichners Simon Schwartz, die am 22. März im Steinberghaus in Altaussee eröffnet wird.

K&k ganz ohne Sisi-Kitsch und Kaiser-Nostalgie – das will die am 11. Mai mit einer Ausstellung im Kurpark Bad Ischl startende Veranstaltungsreihe „kritisch und kontrovers“ bieten. In der ehemaligen Kaiserstadt wird der Niedergang des Habsburger-Reiches verhandelt, hat sich doch Franz Joseph in Bad Ischl zum Waffengang entschlossen, was in den Ersten Weltkrieg mündete.

Auch eine Reihe von Konzerten steht am Programm: Hubert von Goisern, der bereits als Botschafter für die Kulturhauptstadt Linz09 unterwegs war, wird von Mai bis September als Straßenmusikant durch die Lande ziehen und spontan aufspielen. Am 15. Juni gastiert das Bruckner Orchester Linz unter seinem Chefdirigenten Markus Poschner mit zahlreichen Chören aus Oberösterreich in der Saline Ebensee, Titel des Konzerts: „Bruckners Salz“. Im Juli bestreiten „Frau Thomas und Herr Martin“ – Tom Neuwirth und Martin Zerza – in Bad Mitterndorf und in Steinbach Varietéabende. Im August und September sind im Parzival-Dom der Dachstein-Rieseneishöhle mehrere „Eisklang“-Konzerte geplant, und am 31. August steigt auf der Schönbergalm am Dachstein ein Attwenger-Gig. Ihren Abschluss findet die Kulturhauptstadt – gemeinsam mit dem ebenfalls 2024 stattfindenden Brucknerjahr – am 30. November in Laakirchen, wo unter dem Titel „Carte Blanche“ ein großes Fest steigt.