Der wohl klügste Satz, der fällt gegen Ende: „Die Notwendigkeit ist die Schwiegermutter der Erfindung“ und natürlich sagt ihn einer, der sein Glück für gewöhnlich in der hedonistischen Erfindung sucht: der schrullige Entwickler Wallace, der mit seinem Hund Gromit im beschaulichen Städtchen Wigan wohnt. Der mit seinen Erfindungen dem Eskapismus frönt: der Aufsteh-O-Mat, der Anzieh-O-Mat, der Tätschel-O-Mat. Nichts muss, alles kann. Und dann sieht er aus seiner Sicht eine Notwendigkeit, die es so nicht gibt: Wallace erfindet für Gromit, passionierter Hobbygärtner mit Hang zum imperfekten Chaosgarten, einen KI-gesteuerten Roboter in Gartenzwergform – Norbot. Und er ist gekommen, um zu bleiben. Was mit dem gruselig perfekten Garten anfängt, baut sich wie eine Monsterwelle auf. Doch der erste Anstieg wird noch als Erfolg gefeiert: Die umliegenden Nachbarn sind begeistert und Wallace erkennt die ökonomische Wundertüte, die er da erfunden hat. Während bei Gromit schon alle Alarmglocken läuten, analysiert der Erfinder kristallklar, was Norbot so außergewöhnlich macht: „Das ist fast so, als würde er wissen, was wir brauchen, bevor wir wissen, was wir brauchen.“
Apropos kristallklar: Im städtischen Zoo sinnt der dort einkasernierte Feathers McGraw, ein knopfäugiger Pinguin mit astronomisch krimineller Energie auf Rache, nachdem Wallace und Gromit seinen Diebstahl des Blauen Diamanten vereitelt haben. Es kommt, wie es kommen muss: Es kann die freundlichste KI nicht in Frieden leben, wenn es der böse Pinguin nicht will. Norbot („Ich bin Norbot, ich mache, was du willst!“) klont sich und wird zum Horrorzwerg mit Terrorpotenzial.
Die beiden Masterminds Nick Park und Merlin Crossingham, die mit allerhöchstem Aufwand ihren Plastilinfiguren Leben einhauchen, haben sich in „Wallace & Gromit: Vergeltung mit Flügeln“ dem Thema Künstliche Intelligenz angenommen. Sie sezieren zunächst einmal grob die Diskrepanz zwischen Fortschrittsbegeisterung und einer Welt, die nicht nur von jenen bevölkert wird, die der Welt Gutes wollen. All das wird mit viel Klugheit und Witz auf den Punkt gebracht, aber das wäre erst der halbe Spaß. Dieses Grundgerüst wird mit einer Vielzahl von Filmzitaten – von James Bond über 20.000 Meilen unter dem Meer und Batman (Die 1960er-Jahre Serie! Stichwort: „Heiliges Kanonenrohr!) - aufgefüllt, sodass sich die Handlung enorm beschleunigt. Es pressiert: In Wigan, im Hier und Jetzt, aber auch für Gromit, der es wieder richten muss.
Park und Crossingham gelingt eine rasante Parabel auf die aktuelle Weltlage: Im Vorhof des großen KI-Durchbruchs dominiert das kurzsichtige Schulterzucken – lassen wir sie einmal kommen, dann werden wir schon schauen. Wir vergeben fünf von fünf treuherzigen Pinguinknopfaugen!
Susanne Rakowitz ●●●●●