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Filmfestspiele CannesKen Loachs wütende Absage an den Kapitalismus: "Dieses System tötet"

In seinem Film "Sorry we missed you" zeichnet der britische Regie-Altmeister Ken Loach am Beispiel eines Paketfahrer das Porträt einen ungebremsten Kapitalismus - verbunden mit einer eindringlichen politschen Warnung.

Producer Rebecca O'Brien, Debbie Honeywood, Katie Proctor, Rhys Stone, Kris Hitchen, Ken Loach
Ken Loach (mit Armbinde, ganz rechts) mit seinem Filmteam in Cannes: "Dieses System tötet" © AP
 

Der britische Regisseur Ken Loach (82) hat in Cannes dazu aufgerufen, den ungebremsten Kapitalismus endlich in seine Schranken zu weisen. "Wenn wir das nicht in den Griff kriegen, übernehmen das die extremen Rechten", sagte er am Freitag bei der Pressekonferenz zu seinem Wettbewerbsfilm "Sorry we missed you". Sein Film zeigt eine englische Arbeiterfamilie im täglichen Überlebenskampf. Dieser sei nicht zu gewinnen, betonte Loach am Tag nach der Premiere. "Der Film zeigt nicht das Scheitern von Kapitalismus, sondern seine Arbeitsweise. Das wird auch immer so weitergehen, bis wir selbst Veränderungen durchsetzen, denn die Unternehmen werden es nicht machen."

Gespräche über die Verwandlung der Arbeitswelt seien der Ausgangspunkt seines neuen Films gewesen, erzählte der zweifache Gewinner der Goldenen Palme. Soziale Sicherheit werde von totaler Unsicherheit für die Arbeitnehmer abgelöst, die entweder über Leiharbeitsfirmen angestellt oder in die Schein-Selbstständigkeit gedrängt würden.

Drehbuchautor Paul Laverty betonte, dass nichts in dem Film erfunden sei: "Alles gibt es wirklich - all' dieses Outsourcing und Franchising lädt Last und Risiko auf den Arbeitnehmer." Gedreht wurde in Newcastle, einer Stadt mit hohem Armutsanteil. "Es ist ein Mikrokosmos von Großbritannien. Die Mehrheit der Menschen dort kämpft schlicht ums Überleben", so Loach. Exemplarisch dafür ist der Protagonist, der Lieferwagenfahrer Ricky (Kris Hitchen), der in eine Mühle aus Zeitdruck und Schulden gerät, die ihn zerreibt. "Sein Lieferwagen ist sein Gefängnis. Es gibt keinen Ausweg."

Warnung vor den Rechtsextremen

Es gebe Beispiele für Menschen, die wie Ricky vor ihrer Entlassung aus dem Spital flüchteten, weil sie arbeiten gehen müssten. Ein besonders bekannter Fall habe mit dem Tod geendet. "Dieses System tötet!" Viel Hoffnung auf eine Veränderung durch herkömmliche Politik hat Loach nicht. "Wir hatten falsche Linkspolitiker, die uns was 'Caring Capitalism' erzählt haben. Wo ist der? Niemand hat den je gesehen!" Kleiner Lichtblick sei einzig die prononciert linke Politik von Jeremy Corbyn. Es sei aber dringend notwendig, dass die Linke aktiv werde, sonst erhalte die extreme Rechte noch mehr Zulauf. "Die Rechte baut auf Angst, die Linke baut auf Vertrauen. Das aufzubauen ist immer schwieriger."

Diesen kämpferischen Tönen hatte Loachs Darstellerriege nur wenig hinzuzufügen. Sie brachten aber echten Working Class Appeal in das auch auf Glanz und Schick setzende Filmfestival an der Cote d'Azur. Und die 12-jährige Katie Proctor, die von der Schulbank weg als Tochter gecastet wurde, eroberte mit natürlichem Charme und Verschmitztheit die Journalistenherzen, als sie bekannte: "Ehrlich, als ich das Drehbuch gelesen habe, habe ich geweint."

Tränen bei "Rocketman"

Tränen gab es auch bei der emotionalen Gala für "Rocketman", das Biopic über Elton John, das am Donnerstag außer Konkurrenz seine Premierebeim Festival in Cannes feierte. Schon vor Beginn kam es zu vielsagenden Szenen: Mitten auf dem roten Teppich kniete Hauptdarsteller Taron Egerton (29) plötzlich vor Sir Elton John nieder - und band ihm die Schuhbänder zu. Eine kleine Geste, die viel ausdrückt. Schließlich ist der 72-jährige John eine Musiklegende. Und kam - nach einer Knöchelverletzung - humpelnd an der Croisette an.

Die Gala-Gäste jubelten dem Musiker zu, der neben einer Brille in Herzform und mit rotgefärbten Gläsern dem Anlass angemessen auch eine kleine, rote Rakete auf dem Revers seines Smokings trug. Doch allzu lange feiern lassen wollte sich Elton John nicht: Er nahm schon bald im Kinosessel Platz und machte klar, dass er jetzt lieber erst einmal den Film sehen möchte.

Der startet ziemlich düster. Denn Elton John, im flamboyanten Outfit in grellem Orange, ist am Ende. "Ich bin ein Alkoholiker, drogenabhängig, sexsüchtig und kaufsüchtig", so stellt er sich vor, bevor der Film zurückgeht in Johns Kindheit: Der Vater ist fast nie da, die Mutter unglücklich. Die Großmutter aber erkennt das Talent des kleinen Reginald Dwight, wie er eigentlich heißt, und unterstützt seine musikalische Ausbildung.

Regisseur Dexter Fletcher, der nach dem Rauswurf Bryan Singers auch schon beim Oscar-prämierten Drama "Bohemian Rhapsody" über die Band Queen und deren Frontmann Freddie Mercury hinter der Kamera stand, hakt alle wichtigen Stationen von Johns Karriere ab. Die enge Zusammenarbeit mit dem Liedtexter Bernie Taupin, ihre ersten Erfolge, der Durchbruch in den USA, die Beziehung zu seinem Manager John Reid und der Absturz mit Alkohol und Drogen - trotz der Dramatik alles eher konventionell erzählt.

Die Stärke des Films aber sind die Musical- und Musiksequenzen, voller Energie und mitreißend inszeniert. Den Auftakt macht "The Bitch Is Back", dann folgen Songs wie "Saturday Night's Alright for Fighting" und "I'm Still Standing". Zu den emotionalen Höhepunkten gehören "I Want Love" und "Your Song", für den es während der Cannes-Premiere spontanen Szenenapplaus für Egerton gab.

Vianney Le Caer/Invision/AP Taron Egerton, Elton John, David Furnish, Dexter Fletcher,
Große kleine Geste auf dem roten Teppich: Taron Egerton bindet Elton Johns Schuh © Vianney Le Caer/Invision/AP

Überhaupt ist Egertons Leistung bemerkenswert, in einigen Szenen glaubt man, die Musikikone auf der Leinwand zu sehen. Ihm galt dann neben Elton John auch der größte Applaus nach Filmende - Egerton war so ergriffen, dass ihm die Tränen übers Gesicht liefen. Auch Elton John war sichtlich gerührt, setzte sich dann aber überraschend schnell mit Ehemann David Furnish ab. Während sich die Crew noch von Gala-Gästen wie Julianne Moore und Eva Longoria feiern ließ, war das Paar längst verschwunden, raus aus dem Rampenlicht.

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