Sie berichten seit mehr als acht Wochen über die Folgen des Kriegs in der Ukraine auf die EU. Wie hat sich die Stimmung verändert?
RAFFAELA SCHAIDREITER: Wir haben gerade anfangs 24 Stunden am Tag durchgehend produziert. Daher hatten wir kaum Zeit, darüber nachzudenken und zu reflektieren, was gerade passiert. Das war sehr fordernd und hinterlässt Spuren, auch wenn wir nicht direkt am Schlachtfeld stehen wie unser Korrespondent Christian Wehrschütz in der Ukraine. Wir sind auch im engen Austausch mit Paul Krisai in Moskau.

Wie hat sich Ihr Job inhaltlich verändert?
Als Brüssel-Korrespondentin bin ich auch für NATO-Angelegenheiten zuständig. Wir haben aber nie gedacht, dass wir NATO-Kontakte so intensiv nutzen müssen wie jetzt. Wenn wir nun Informationen benötigen, geht es um Instrumente und Waffen, die Leben zerstören.

Was bekommen Sie von den Arbeitsbedingungen der ukrainischen und russischen Journalist:innen in Brüssel mit?
Die EU-Kommission hat als Teil eines Sanktionspakets die russischen Medien "Sputnik" und "Russia Today" sperren lassen, damit diese nicht als Propagandainstrument dienen. Von den ukrainischen Kolleg:innen haben wir gehört, dass es langsam finanziell eng wird.

Sie haben Forstwirtschaft sowie Theater-, Film- und Medienwissenschaften studiert. Brauchen Sie dieses Wissen bei Ihrer Arbeit als Korrespondentin?
Forstwirtschaft spielt eine Rolle in vielen Lebensbereichen, denn es gibt eine Reihe neuer Gesetzesvorhaben, die Klimaschutz und Umweltschutz indirekt betreffen und Auswirkungen auf unser aller Leben haben: wie wir leben, wo wir bauen, womit wir uns fortbewegen. Mein naturwissenschaftlicher Zugang hilft mir auch in Interviews mit Politiker:innen, denn ich kann Dinge anders hinterfragen.

Würden Sie sich selbst als EU-Expertin bezeichnen?
Wir holen uns immer wieder Expert:innenwissen, was in Brüssel einfach ist, da es ein großes Sammelsurium von Wissensquellen wie Think-Tanks, Organisationen und Politiker:innen gibt, aber natürlich bekommt man mit der Zeit ein Gespür und Verständnis für die Prozesse, die sich innerhalb der EU abspielen.

Othmar Karas klagt, dass es zu wenig Berichterstattung über die EU gibt. Teilen Sie diese Meinung?
Im internationalen Vergleich wird in Österreich viel über die EU berichtet, denn für den ORF hat Europapolitik einen hohen Stellenwert. Meine französischen Kolleg:innen erzählen mir immer wieder, dass sie Probleme haben, überhaupt in die Hauptnachrichten zu kommen.
Ich sehe mich jedoch nicht als Anwältin der EU.

Wo sehen Sie Ihre Aufgabe?
Meine Aufgabe ist es, zu beobachten und Entwicklungen aufzuzeigen, damit meine Zuseher:innen sich eine eigene Meinung bilden können. Wenn ich sowohl positive als auch negative Rückmeldungen bekomme, dann weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Wie erleben Sie Ihre Stellung als Frau in Brüssel – ist eine Gleichbehandlung von Männern und Frauen 2022 selbstverständlich?
Frauen werden immer sichtbarer. Das ist eine Entwicklung, die wir in vielen Unternehmen sehen. Der ORF steht im Vergleich zu anderen gut da, es wird immer ausgewogener. Ich bin aber die erste Frau, die das Büro in Brüssel leitet. Dass mehr Frauen an die Spitze kommen, hängt auch mit dem Generationenwechsel zusammen und es wird immer selbstverständlicher. Meine Kollegin Katharina Wagner übernimmt das Büro in Istanbul.

Sie leben und arbeiten nun schon eine Zeit lang in Brüssel. Was bedeutet die EU für Sie persönlich?
Ich nehme die EU einerseits als mein Arbeitsumfeld war, andererseits bin ich aber auch ein Kind der Generation ERASMUS. Ich bin in Salzburg nahe der deutschen Grenze aufgewachsen. Wenn wir Verwandte in Bayern besuchen wollten, mussten wir den Pass herzeigen.