AnalyseWie man die Kulturnation umbringt

Die SPÖ wanderte mit ihrem Maiaufmarsch ins Netz. Die Kulturbranche ging in Wien auf die Straße. Sie wehrt sich dagegen, weniger systemrelevant als Baustellen oder Friseure zu sein.

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Corona Demo Filmschaffende Kuenster by Akos Burg
Auch ein Wutkünstler kam zur Demo mit Zwei-Meter-Sicherheitsabstand © Akos Burg
 

Demonstrieren in Zeiten von Corona ist eine seltsame Angelegenheit. Handschuhe machen aus wilden Klatschern patscherte Pascher und Jubelschreie oder Buh-Rufe schaffen es bei verpflichtendem Mund-Nasen-Schutz nur in abgedämpfter Form an die Öffentlichkeit. Pfiffe fehlen gänzlich. Und Musik ist auch nicht genehmigt. Zumindest war sie das nicht bei der 1.- Mai-Demo von Vertreterinnen und Vertretern der Kulturbranche am frühen Abend am Wiener Heldenplatz. „Für mich ist das keine Eintagsfliege“ sagte der Initiator, Musiker und Veranstalter León de Castillo ins Mikrofon. Man wolle, erklärte er, so lange zusammenkommen, wie es notwendig sei. „Bis uns endlich jemand zuhört.“

Wachsender Unmut


Der Unmut in der Szene ist groß. Während viele Branchen mit der Erklärung, sie seien systemrelevant, seit gestern reglementiert wieder hochfahren durften, es für andere einen exakten Fahrplan zur Orientierung gibt, dominiert im kulturellen Bereich weiterhin der Lockdown. Und abgesehen von Museen, Galerien und Bibliotheken (siehe rechts) oder 1:1-Probesituationen sind die Infos über die Rückkehr einer Branche, die von Leidenschaft und Selbstausbeutung lebt, an die Öffentlichkeit dürr.

Die Bestimmungen im Kulturgeschehen

Seit 16. März sind Kulturveranstaltungen stillgelegt. Ausnahme: Seit Mitte April dürfen z.B. Galerien mit weniger als 400 m2 unter strengen Sicherheitsauflagen öffnen.
Ab 18. Mai werden Museen, Archive und Bibliotheken wieder zugänglich. Auch die bereits reihum verhöhnten „Einzelproben“ dürfen dann abgehalten werden.
Ab 1. Juni darf in professionellen Kultureinrichtungen wieder normal geprobt werden, im Amateurbereich bleiben Proben und Aufführungen vorerst untersagt.
Ab 1. Juli könnte der Kinobetrieb wieder aufgenommen werden. Klärung: Mitte Mai.
Bis 31. August sind alle Großveranstaltungen im Kulturbereich untersagt.


Es ist paradox. Denn gerade jetzt, im Krisenmodus, sind die Kunst- und Kulturschaffenden mit ihren Arbeiten für uns da. Sie nähren den Intellekt, stillen die Sehnsucht, sie lassen uns über die Aktualität nachdenken und sorgen für Entertainment in ereignislosen Wochen: Wir streamen Filme, unterhalten uns bei Wohnzimmerkonzerten, tanzen beim Digital-Clubbing, lenken uns mit Serien-Binge-Watching ab, besuchen virtuell Museen oder Theaterpremieren und lesen erste Corona-Texte oder gar -Bücher. Als systemrelevant werden ihre Erzeuger nicht wahrgenommen, als wichtige Wirtschaftsfaktoren auch nicht.

"Eine Gesellschaft ohne Kultur ist eine tote Gesellschaft"


"Ich mache mir wirklich Sorgen um unsere Gesellschaft“, betonte die Journalistin und Autorin Susanne Scholl bei ihrer Brandrede eingangs vor rund 300 Menschen in Wien. Und weiter: „Eine Gesellschaft ohne Kultur ist eine tote Gesellschaft, eine kaputte Gesellschaft.“ Applaus.

Corona Demo Filmschaffende Kuenster by Akos Burg
Susanne Scholl Foto © Akos Burg


Die Plakate und Transparente unterstreichen das Dilemma der Branche: „Auch Kunst und Kultur können Leben retten“ und „Art Feeds Our Freedom. But Who Feeds the Artists?“ Oder: „Vielfalt ist Demokratie, auch Kleinkunst muss leben“ ist darauf zu lesen. Theatermacher Dieter Boyer sagt: „Kulturschaffen ist auch Arbeit, die Menschen für die Gesellschaft verrichten.“ Vehementer appellierte er: Die Künstlerinnen und Künstler seien dafür verantwortlich, dass Österreich als „Kulturnation“ wahrgenommen werde. Aber: „Auch die müssen essen und Miete zahlen.“ Viele fallen aktuell trotz Härtefallfonds und Künstler-Sozialversicherungsfonds durch das Netz.


Haben Sie uns vergessen?“, fragte Schauspielerin Alina Schaller, die einen Protestbrief der Filmbranche vorlas, in Richtung Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek. „Die Kunst- und Kulturbranche lässt sich nicht wie ein Lichtschalter an- und ausschalten. Es braucht nicht nur viele Wochen Vorlaufzeit, um die funktionierende Logistik eines Filmdrehs oder einer Theaterinszenierung gewährleisten zu können, es braucht vor allem Personal.“

Corona Demo Filmschaffende Kuenster by Akos Burg
Demonstrieren in Zeiten von Corona Foto © Akos Burg


Obwohl der digitale Protest in Form von Online-Petitionen zuletzt zunahm – es gibt kaum eine Aktivität, die so vom Live-Ereignis lebt wie eine Demo. Sit-ins, Märsche und Besetzungsaktionen von Bäumen, Häusern oder dem öffentlichen Raum – all das schreit förmlich danach, im Analogen zu passieren. Und einige Profi-Aktivisten haben an diesem Frühsommertag auch sichtlich Freude daran, nach Wochen mit Ausgangsbeschränkungen wieder für etwas auf die Straße zu gehen.


Auf dem Heldenplatz wurde schon vielfach Geschichte geschrieben, hier zementierte Adolf Hitler das dunkelste Kapitel des Landes im vorigen Jahrhundert ein. Hier leuchtete auch einst die größte Demo des Landes. 1993 nahmen bis zu 300.000 Menschen am Lichtermeer von SOS Mitmensch teil. Zuletzt mahnten die jungen Klimaaktivisten von „Fridays for Future“ hier ihre Ziele ein. Dieses Mal war „Für Kunst & Kultur“ dran. Fortsetzung? Folgt.

 

 

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altbayer
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Kunst

Ist es österreische Kultur, wenn z.B. ein nackerter Künstler im runden Raum in die Ecke scheisst? Blöd ist nur, wenn er vorher kein Geld bekommen hat- und sich daher bei den Helden des Alltags nichts zu ESSEN kaufen konnte- dann wird das Kunstwerk eher klein ausfallen. Als Zuschauer kommen vielleicht ein Paar Fliegen, die um das Kunstwerk kreisen - die werden aber auch nicht die hier beschriebene Wertschöpfung für Österreich bringen.
Vielleicht könnte der Kunstler ja in Eigeninitiative selbst z.B .Gemüse anbauen und ernten, oder einen Bauern finden, dem das Kunstwerk gefällt und der das Werk abkauft - dann könnte der Künstler im runden Raum, ohne staatlich Hilfe, sein Kunstwerk herstellen.

jaenner61
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lst doch alles kein problem

klebt eine banane mit einem gewebeband an die wand, und verkauft dieses kunstwerk an die kunstkenner! die zahlen (wie man vor gar nicht so langer zeit lesen konnte) unsummen dafür, und allen ist geholfen 👍
ps: versucht auch andere früchte zu verwenden, damit der markt nicht überschwemmt wird 😂

Nixalsverdruss
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Kultur und Kunst ist wichtig!

Das kann ich voll unterstützen. Ob Kultur und Kunst systemrelevant ist, ist schon eine andere Sache.
Ich verstehe auch, dass viele Kunstschaffende momentan existenzielle Sorgen haben - ich glaube aber, dass gerade Kunst und Kultur einer Alleinerziehenden (mit oder ohne Job) mit schulpflichtigen Kinder momentan absolut nicht interessiert.
Das betrifft in Österreich mehr als 100.000 Frauen - die oft gar nicht wissen, wie sie die Kinder ernähren oder ihre Miete bezahlen...
Das sind wirkliche Probleme...

huetteka1
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Sie

haben absolut Recht! Vielleicht sollte man auch überlegen ob wir wirklich 1,2% BIP nur für Förderungen in diesem Bereich verbrennen (wo vieles davon leider einfach irgendwo versickert) und ob wir nicht 0,5% davon auf wirklich systemrelevante Personen umleitet die sich jeden Tag, Tag für Tag, den A**** aufreißen, vom harten Pflegeberuf bis Katastrophenschutz. Und nur so nebenbei werden auch diese wieder mehr für Kunst und Kultur ausgeben.

Es ist halt so dass wenn die Zeiten schwieriger werden wird zuerst bei Kunst/Kultur und teuren Urlauben eingespart, weil eben nicht wirklich lebensnotwendig. Auch wenn alle wieder aufsperren werden wir relativ leicht merken wo die Leute anfangen einzusparen. Und nein Österreich wird ob der Durststrecke für Künstler nicht untergehen oder eine faschistische Diktatur werden.

MS80
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Künstler und andere Taugenichtse...

Wertige und damit nachhaltige Kunst ist allzeit erwünscht und stets ein wichtiger Teil unserer Volkes, unsrer Gesellschaft!
Nicht aber wildgewordene linksradikale Wirrköpfe, mitunter Verbrecher und Anarchisten (z. Bsp. ANTIFA, Linisblock etc.)
welche mit Chaos und mutwilliger Zerstörung fremden Eigentums sowie mit kranken Perversionen als angebliche Kunst getarnt in Erscheinung treten!
Leider hat man diesen Typen aufgrund einer politisch links aufgeweichten Judikatur noch immer nicht den Gar ausgemacht.

herwig67
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Maßlose Selbstüberschätzung

Bittere Wahrheit für die Künstler: sie sind nicht systemrelevant und die meisten gehen niemandem ab. So gesehen sollten sie mal etwas Produktives für die Gesellschaft leisten ( arbeiten;)) und nicht nur von Fördergelder leben.

carlottina22
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Ihr Beitrag

zeugt von maßloser Selbstüberschätzung, da Sie offensichtlich der Meinung sind, etwas zu dem Thema beitragen zu können, obwohl Ihnen nichts weiter möglich ist, als die Phrasen Ihrer Gesinnungsgenossen nachzuplappern.

Georg.Lenger
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Herwig67,

Seien wir froh, dass wir im Jahr 2020 leben und nicht 1940, damals haben ihre Meinung fast alle geteilt. Heute stehen sie mit wenigen Neoliberalen und ein paar Freiheitlichen und ein paar alten Nazis ziemlich alleine da und das ist gut so. Was ist schon Systemrelevant? Denken Sie einmal etwas länger über diese Frage nach.

unicorn13
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herwig67: wenn man keine ahnung hat- Klappe halten!

In Österreich setzt sich die Unternehmenslandschaft überwiegend aus EPU, Klein- und Mittelunternehmen zusammen. In Summe erwirtschaftet die Event- und Kulturbranche 8,9 Milliarden Euro an Wertschöpfung und damit 2,9 Prozent des gesamtösterreichischen Betrages. Durch diese Umsätze werden 140.000 Arbeitsplätze gesichert, was rund 3,4% aller Erwerbstätigen im Land entspricht (Quelle: Studie IHS 2017).