Ein Gefängnis, Gangs und Gewalt. Ein ewig revoltierender Häftling Amfortas und der brutale „Neue“, Parsifal, der gerade einen Konkurrenten auf dem Boden der Duschräume sterbend hinterlassen hat. Die Journalistin Kundry ist fasziniert von Parsifal, dem sie zum Protagonisten ihrer Fotoreportage aus dem Häfen macht. In der Redaktion sind schließlich der sinistre Herausgeber Klingsor sowie die Kolleginnen und Praktikantinnen hinter dem lässigen Youngster her.

Man könnte die erste Hälfte von Kirill Serbrennikows „Parsifal“-Inszenierung so zusammenfassen, aber man würde ihr damit nicht gerecht. Denn diese Arbeit ist keine modische Thriller- und Sozialkolportage, sondern eine tiefschürfende Auseinandersetzung mit den Themen von Richard Wagners letzter Oper: Hoffnung, Vergebung, Verzweiflung, Mitleid, Erlösung – und das alles unter mystischen Vorzeichen.

Der in Russland angefeindete, verfolgte und mit Ausreiseverbot belegte Serebrennikow meint, das Verständnis würde nur erschwert, wenn man Gralsritter und Zauberer auf die Bühne brächte. Er hat stattdessen ein Gefängnis zur zentralen Metapher der Aufführung gemacht. Einen traurigen, gewissermaßen gottfernen Ort, dessen gequälte Gefangene nach Erlösung darben. Für den Regisseur das perfekte Symbol für die Zeit, die in unendlicher Eintönigkeit hier gewissermaßen zum Raum wird. Gurnemanz, der alte Geschichtenerzähler, tätowiert die in Selbstzweifel und -aufgabe ewig gefangenen Mithäftlinge: ein Speer, ein Pokal, eine Dornenkrone aus Stacheldraht. Diese Ritter tragen ihre Sehnsüchte auf der Haut. Das Zauberschloss Klingsors – die Redaktion – dagegen ist Sinnbild für die Verführungen des Konsums und die stylische Leere des falschen Lebens, denen auch Parsifal fast erliegt.

Dieser Parsifal ist zweifach auf der Bühne: Der ältere (Jonas Kaufmann) beobachtet den jungen Toren (Schauspieler Nikolay Sidorenko) bei seinem Treiben in den ersten beiden Aufzügen, im dritten, nach langem Ringen, kehrt er zurück ins Gefängnis: Gewachsen, zum Mitleid fähig, vollbringt er das Wunder: In einem utopischen Moment gehen die Zellentüren auf und die Häftlinge/Ritter treten ins Freie – sie haben die Hölle in sich überwunden. Die entsündigte Kundry sinkt nicht entseelt zu Boden, sondern humpelt mit Amfortas ins Licht. Parsifal bleibt zurück: War alles ein Traum? Oder war sein Opfer eine Notwendigkeit?

Die beiden Opernstars Jonas Kaufmann und Elina Garanca werden von ihrem Basskollegen in den Schatten gestellt. Georg Zeppenfeld vollbringt als Gurnemanz eine virtuose rhetorisch-sängerische Leistung, und mischt seinem meisterlichen Portrait noch mehr vokale Gestik, mehr Farben und Ausdruck bei als früher. Ludovic Tézier tariert den Amfortas zwischen wilder Klage und Stimmkultur perfekt aus und brilliert in den Höhen. Wolfgang Koch legt den Klingsor als Alberichs Vetter an: ein echter Opernbösewicht.

Und die beiden Stars? Elina Garanca ist eine ungewöhnliche, aber fabelhafte Kundry: kein inbrünstiges Leidensgeschöpf, sondern eine moderne Frau. Das hat Farbe und Klasse, technische Brillanz und doch fehlt das letzte Quäntchen an Emphase, zumal ihr am Ende des zweiten Akts ein bisschen der Saft auszugehen scheint. Jonas Kaufmann hat seine allerbesten Tage als Parsifal wohl schon hinter sich, aber liefert vor allem im dritten Akt immer noch ab wie kaum ein anderer. Dirigent Philipp Jordan deckt Kaufmann manchmal zu, obwohl er eigentlich einen sehr behutsamen, moderaten Umgang mit der Partitur pflegt. Jordan ist weder Klangsensualist noch Modernist, aber ein profunder Anwalt dieser Musik, der die „schönen“, seelenvollen Passagen breit ausbuchstabiert. Das Staatsopernorchester darf dabei seinen Weltrang zeigen.