Film der Woche"Minari": Wie ein kleiner Film plötzlich groß wurde

Lee Isaac Chung erzählt im zarten Drama „Minari“ vom Ankommen in der US-Provinz in den 1980ern: wahrhaftig, schmerzvoll und mit Humor.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Ein Mann und sein Traum: Lee Isaac Chungs Drama „Minari“ skizziert das Ankommen und Fremdsein in den USA der 1980er © AP
 

Bewertung: *****

Es ist sein amerikanischer Traum: ein Stück Land, eine Farm, Gemüse anbauen, anstatt Küken zu sortieren, sein eigener Chef sein. Patriarch Jacob Li will sich etwas aufbauen, seiner Familie beweisen, dass er das kann. Er will endlich ankommen – im Amerika der Achtziger. Seine Frau hat sich diese Ankunft anders vorgestellt als ein Zuhause auf Rädern, irgendwo auf einer Wiese im US-Hinterland. Um die neue Heimat zu betreten, muss sie erstmal einen großen Schritt in den Trailer-Wagen machen. Regisseur Lee Isaac Chung hat in „Minari“ die Erinnerungen an seine eigene Einwanderer-Kindheit aufgearbeitet und erzählt die Story aus dem Blickwinkel des herzigen siebenjährigen Sohnes David. Chung kennt den Alltag der Koreanerinnen und Koreaner in erster, zweiter und dritter Generation, ihre Zweifel, Sorgen, Träume, ihre Zerrissenheit. Das verleiht dem zärtlichen, solide erzähltem Drama Tiefe, Klarheit und Wahrhaftigkeit. Bei den Golden Globes noch, vielfach kritisiert, als bester internationaler Film prämiert, war „Minari“ für sechs Oscars nominiert. Und plötzlich wuchs ein kleiner Film zu wunderbarer Größe an.

Der Traum droht zu platzen, Wunsch und Wirklichkeit klaffen in „Minari“ bald weit auseinander: das Wasser bereitet ebenso Probleme wie Davids Gesundheitszustand. Hinzu kommen finanzielle Unsicherheit und das Gefühl von Fremdheit. Das Projekt schwächt die Familie.


Der Ausweg: Die Schwiegermutter wird nach Arkansas geholt. Sie bringt Gewürze der alten Heimat, Weisheiten und den Humor in die Familie. Mit ihrer Ankunft werden die Dynamiken in jeder Szene sichtbar. David kennt die Oma nicht wirklich und kann sie nicht leiden: sie bäckt keine Cookies, flucht lieber, spielt Karten und trägt Männerunterhosen. Jede Szene, in der die koreanische Starmimin Yoon Yeo-jeong, die dafür mit einem Oscar geadelt wurde, als unkonventionelle Großmutter auftritt, sind ein Vergnügen. Sie rennt mit ihm zum Flussbett, wo sie heimlich das koreanische Kraut „Minari“ anbaut, das zunächst nicht aufgeht und dann wuchert. Sie hilft ihm, wenn der Vater David befiehlt, einen Stock zu suchen, um ihn zu schlagen. Steven Yeun („The Walking Dead“) überzeugt als Mann, den die Verantwortung für die Familie fast erdrückt  und dennoch stur an seinem Traum festhält und Han Ye-ri als seine Frau.

kino.liebe - jeden Donnerstag neu

Alle Kinoneustarts, Festival-News und Gewinnspiele: abonnieren Sie unseren kostenlosen Kino-Newsletter.


„Minari“ ist wie ein wohlgehütetes Familien-Fotoalbum. In jedem Bild und jeder Szene stecken Anekdoten, Erinnerungen, liebwerte und kränkende, die auf den ersten Blick vom Aufwachsen in einer Familie erzählen und beim zweiten Blick von vielem mehr.

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung!