Umstrittene Doku"Ein deutsches Leben": Ein Gesicht ohne Reue

Bedrückendes Zeitdokument: Die einstige Goebbels-Sekretärin Brunhilde Pomsel erzählt ihre Geschichte – eine des kollektiven Mitläufertums. Neu im Kino.

„Es geschah mit uns“, sagt Brunhilde Pomsel an einer Stelle der Dokumentation © (c) Blackbox Film & Medienproduktion
 

Die Kamera zoomt auf ihr scharf ausgeleuchtetes Gesicht, auf 103 Jahre Leben. Es ist, als blicke man auf eine Landschaft voller Furchen, Abgründe und Erhöhungen. Auf eine, die von zwei Weltkriegen, der deutschen Teilung und Wiedervereinigung, von EU, AfD und vielem mehr erzählt.

Das Gesicht gehört Brunhilde Pomsel. Sie zählte als eine von sechs Stenotypistinnen von Propagandaminister Joseph Goebbels von 1943 bis Ende 1945 zum inneren Zirkel der nationalsozialistischen Macht. Ihre Biografie steht symptomatisch für das Mitläufertum sowie den jahrzehntelang befeuerten Opfermythos.

Am 27. Jänner 2017, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, starb Pomsel 106-jährig im Altersheim. Drei Jahre davor hatte sie Christian Krönes, Florian Weigensamer, Olaf S. Müller und Roland Schrotthofer erstmals umfassend ihre Geschichte erzählt.

 


„Ein deutsches Leben“ ist ein bedrückendes Zeitdokument, berichtet von persönlicher Bereicherung im NS-System, von Goebbels als Mann mit schicken Anzügen und manikürten Händen. „Nichts haben wir gewusst“, sagt die adrett frisierte Frau mit den dicken Brillengläsern einmal. Oder: „Es geschah mit uns.“ Und: „Ich könnte keinen Widerstand leisten.“ Sätze, die Gänsehaut produzieren. Pomsel ist eine nicht unsympathische, scharfsinnige Erzählerin.

Aber: Wenn es um die Frage von Schuld geht, verschwimmen ihre Erinnerungen, fehlt das Bekenntnis. Das Warten darauf schmerzt angesichts der eingeblendeten Goebbels-Zitate, der NS-Propandavideos oder Archivdokumente. Der Film bleibt bei ihrer Version der Geschichte, hakt kaum nach. Das war, zuletzt bei der Diagonale, nicht ganz unumstritten, steigert aber die Wirkung des Films als wichtige Mahnung wider das Mitläufertum. Einst – aber noch viel mehr aktuell.

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