Léon ist der netteste Auftragskiller der Filmgeschichte. Als die zwölfjährige Mathilda vor seiner Tür steht, weil nebenan ihre Familie von der korrupten Polizei ermordet wurde, nimmt der stille Killer mit der runden Sonnenbrille sie unter seine Fittiche und lehrt sie sein präzises Tötungs-Handwerk. Sie bringt ihm dafür Lesen und Schreiben bei und sorgt für Leben in seiner mönchischen Einsiedler-Existenz mitten in New York. An der Oberfläche eine Vater-Tochter-Geschichte, liegt darunter eine Amour Fou verborgen, die von der Beziehung Luc Bessons zu Maïwenn Le Besco inspiriert ist. Die spätere Regisseurin lernte ihn im zarten Alter von zwölf Jahren kennen und heirate ihn mit 16. Sie drehte auch das Making-of zu „Léon“ und spricht offen über die Anfänge dieser Beziehung. Das problematische Thema wird übrigens auch im Film selbst verhandelt.
Die von Jean Réno gespielte kindliche Figur wehrt sich gegen die Liebe der viel zu früh erwachsen gewordenen Mathilda. Die phänomenale Natalie Portman glänzt in ihrer allerersten Rolle am Beginn einer langen Karriere. Gerade dieses nicht verletzte Tabu bringt eine ungewöhnliche Irritation in den coolen Action-Thriller.

Der französische Blockbuster-Spezialist Besson, der mit zwei Hauptdarstellerinnen andere Filme verheiratet war, wurde 2018 der Vergewaltigung und von mehreren Frauen weiterer sexueller Übergriffe beschuldigt. Das Vergewaltigungsverfahren wurde mittlerweile eingestellt. Besson bleibt dennoch eine schwierige Figur des europäischen Kinos. Und der Klassiker von 1994 wird damit zu einem weiteren Test, wie jede und jeder Einzelne ein Meisterwerk mit diesem Kontext rezipiert. Am Dienstag im Kino zu überprüfen.