Filmfestspiele VenedigAlmodóvars Eröffnungsfilm als ungenutzte Möglichkeit

Stars auf dem roten Teppich zu feiern? Das bleibt für Fans auch in diesem Jahr auf dem Filmfestival in Venedig wieder nur ein sehnsuchtsvoller Traum. Wer vor dem Premierensaal Sala Grande losjubeln will, muss das vielmehr vor einer weißen Wand tun.

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Pedro Almodovar, Penelope Cruz
Machen in „Madres paralelas“ gemeinsame Sache: Regisseur Pedro Almodovar und Schauspielerin Penelope Cruz. © Joel C Ryan/Invision/AP
 

Anders als auf dem Festival in Cannes vor knapp zwei Monaten, wo der Kinoglamour mit Fanansammlungen wie vor der Pandemie abgefeiert wurde, geht man in Venedig deutlich verantwortungsvoller vor. Wie im vergangenen Jahr wurde ein Sichtschutz aufgebaut, um Menschenmengen am Teppich zu verhindern. Als Penélope Cruz also gestern mit dem spanischen Filmemacher Pedro Almodóvar („Leid und Herrlichkeit“) vorfuhr, um mit dessen neuem Werk „Madres paralelas“ die 78. Ausgabe der Filmfestspiele zu eröffnen, konnte sie sich ganz aufs Posieren für die Fotografen konzentrieren. Fans mussten sich mit bewegten Bildern des Glamourauftritts begnügen – oder eben den Film anschauen, um sie auf der Leinwand zu sehen.

Was sich 2020 mit dem Kurzwerk „The Human Voice“ mit Tilda Swinton andeutete, bestätigt sich nun. Statt nach Cannes, wo zuvor sehr viele seiner Filme Premiere feierten, kommt Almodóvar zur Konkurrenz nach Venedig. Die Muse aber ist geblieben, mit der der Melodrama-Maestro zuvor Meisterwerke wie „Alles über meine Mutter“ drehte: Cruz, die in „Madres paralelas“ die Fotografin Janis spielt, die mit knapp 40 unbeabsichtigt schwanger wird. In der Klinik trifft sie auf die 20 Jahre jüngere Ana (Milena Smit), die ebenfalls ungewollt ein Kind erwartet. Die beiden Frauen, das zeigt sich in einer der überraschenden Wendungen später, sind durch ihren Nachwuchs schicksalhaft verbunden. Männer kommen dabei bis auf eine Ausnahme einmal mehr aus ganz verschiedenen Gründen kaum vor. Stattdessen konzentriert sich der Filmemacher wie so oft auf die Frauen. Genauer: auf die Mütter, die ihre Rollen ganz unterschiedlich füllen, mal überaus liebe- und verantwortungsvoll darin aufgehen, mal aber auch abwesend und egoistisch sind.

Natürlich gibt es in „Madres paralelas“ wieder die für Almodóvars Werke typischen, eleganten Bildkompositionen. Auch Cruz, sowie an ihrer Seite die junge Neuentdeckung Smit, holen das emotional Mögliche aus ihren durchaus komplex angelegten Figuren. Doch während die Musik von Almodóvars Langzeitkomponisten Alberto Iglesias eine Mischung aus Drama und schwelendem Psychothriller suggeriert, gelingt es dem Regisseur diesmal nicht, das in seiner Geschichte auch wirklich freizulegen – geschweige denn zu entfesseln. Vielmehr verzettelt er sich bisweilen mit seinem Drehbuch und lässt manch vielversprechende Möglichkeit ungenutzt. Eine im Grunde zentrale Vergewaltigungsgeschichte verfolgt er beispielsweise nicht. Dafür schlägt er einen Bogen in die Vergangenheit und wie sie, so lang sie auch zurückliegen mag, bewältigt werden will. Es geht dabei um familiäre Vorfahren aus Janis‘ Heimatdorf, die von den Faschisten während des Bürgerkriegs in den 1930ern ermordet und verscharrt wurden. Das Thema ist die erzählerische Klammer des Films, die für ein paar bewegende Bilder in den letzten Momenten sorgt.

„Wir sind bereit, bis zum letzten Festivaltag zu kämpfen“, sagte Regisseur Bong Joon-ho („Parasite“), der diesjährige Jury-Präsident, lachend über die anstehende Jury-Arbeit gestern in Venedig. Ob es sich für „Madres paralelas“ aber lohnt, heftig zu kämpfen? Das wird sich zeigen, wenn die anderen Wettbewerbsfilme gelaufen sind. Es ist sicher nicht der beste Film, der in diesem Stoff steckt. Almodóvar hat aber auch nicht den schlechtesten daraus gemacht.

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