"Autofiction" über Generation GastarbeiterAlem Grabovac und (s)eine schrecklich nette "Rucksack-Familie"

In seiner bewegenden Autofiktion schildert der Autor und Journalist Alem Grabovac den kurvigen Lebensweg (s)einer Gastarbeiterfamilie.

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Schrieb eine großartige Autofiktion: Alem Grabovac
Schrieb eine großartige Autofiktion: Alem Grabovac © KK
 

Sein Rucksack ist bis oben hin gefüllt. Der Inhalt: die Mutter, nach Deutschland migrierte Kroatin. Der leibliche Vater, Bosnier und abwesender Kleinganove. Der Stiefvater, prügelnder Serbe. Der Pflegevater, Deutscher, kleinbürgerlicher Nazi, aber immerhin lieb. Wie Marianne, die Pflegemutter. Und er, Alem, 1974 in Deutschland auf die Welt gekommen, Autor und Hauptfigur, schleppt sich ab, keucht, stöhnt, wird zwischen zwei Welten und zwei Familien fast zerrieben. Doch Alem (er-)trägt das Gewicht.

Mit „Das achte Kind“ hat der Autor und Journalist Alem Grabovac eine vielstimmige, lebenspralle, düstere, aber nie bittere Autobiografie geschrieben und sie durch literarische Veredelung zur sogenannten Autofiktion emporgehoben. Seine dramatische und streckenweise auch traumatische Lebensgeschichte hat gleich mehrere zeitgeschichtliche Ebenen, auf denen sie ruht: das Nachwirken der NS-Vergangenheit, die Migrationsgeschichte der Gastarbeiterfamilien aus dem ehemaligen Jugoslawien, das blutige Zerbersten des Tito-Reichs, der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands.  An einer Stelle des Buches, als er die Großeltern in „Jugo“ besucht, brüllt der junge Alem verzweifelt in die Nacht: „Das ist nicht mein Land, das ist nicht mein Krieg.“ Sein Daheim liegt in der Nähe von Stuttgart. Aber wo sein Zuhause?

Alem Grabovac hat ein zutiefst menschliches, berührendes, aber pathos- und klischeefreies Buch über sein eigenes Leben und das einer ganzen Generation geschrieben. Es geht um Weggehen, Verlorenheit und Ankommen. Um Aufwachsen, Wildwüchse und Wurzeln. Die Menschen, die er mit durchaus strenger Zuneigung porträtiert, sind keine Pappfiguren, sondern Wesen aus Fleisch und Blut aus dem eigenen Familienalbum.

Alem Grabovac ist uneitel genug, seine Geschichte, die viel Luft zum Atmen braucht, nicht mit Sprachornamentik zu erdrücken. Sein Stil ist konkret und glasklar, der Ton milde, aber bestimmt. Man spürt, dass hier nicht jemand bemüht um sein Leben schreibt, sondern ernsthaft und wohlüberlegt über sein Leben. Am Ende bringt Alem in Belgrad Blumen ans Grab des Vaters. Den Rucksack hat er vor dem Friedhof liegen lassen.

Buchtipp: Alem Grabovac. Das achte Kind.
Hanserblau, 256 Seiten, 22,70 Euro. 

KK
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