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Olga Tokarczuks "Die Jakobsbücher"Der Geniestreich der Nobelpreisträgerin

Prophet, Messias, Ketzer, Scharlatan - Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk taucht in „Die Jakobsbücher" tief ein in die Geschichte von Jakob Josef Frank. Monumental, epochal.

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Olga Tokarczuk
Die polnische Autorin und Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk © Brad Barket/Invision/AP
 

Sie sind selten, aber es gibt sie. Jene Autorinnen und Autoren, die einen Sinn haben für Dinge und Geschichten, die anscheinend nicht von dieser Welt sind. Sie spüren die kleinsten Bewegungen im großen, komplizierten Körper der Welt. Sie entdecken Geschichten an gänzlich unvermuteten Orten. Je schlimmer der Ort, desto verzweifelter glimmt der Funke, desto stärker flackert er, desto heißer ist sein Licht.

Die Auflistung all der raren dichterischen Gaben, über die Olga Tokarzcuk (57) verfügt, ließe sich noch recht lange fortsetzen. Aber wozu denn? Sie ist eine der universellsten Autorinnen der Weltliteratur. Von der Welt in einem einzigen Buch erzählen wollte sie in ihrem preisgekrönten Werk „Unrast“. Aber nun hat sich die polnische Dichterin selbst noch einmal übertroffen. Mit ihrem knappe 1200 Seiten umfassenden Opus Magnum „Die Jakobsbücher“, das zurückführt in das 18. Jahrhundert. Und doch liest sich diese enorm vielschichtige, monumentale Zeitreise wie ein emotionaler, eindringlicher Bericht einer Augenzeugin, die ein großes, aktuelles Ereignis aus nächster Nähe miterlebt.



Es wäre ganz und gar unangebracht, die „Jakobsbücher“ als historischen Roman zu bezeichnen. Obwohl der Protagonist eine der umstrittensten Figuren des 18. Jahrhunderts ist: Jakob Josef Frank, der in der einstigen Königlichen Republik Polen-Litauen anfänglich als „Luther der Juden“ galt, sich selbst zum neuen Messias ernannte und als neue Glaubenslehre den „Frankismus“ in die Welt setzte oder vom Himmel zauberte. Rund 500.000 Anhänger scharte er um sich, er gründete eine eigene Armee, um das „frankistische Reich“ abzusichern. Den einen galt er als Erlöser, den anderen als Ketzer und Scharlatan; Jabob Frank wechselte nicht nur seine Wohnsitze zwischen Konstantinopel und Offenbach, er trat auch über zum Islam und später zum Katholizismus.

Dies sind nur einige Eckdaten dieser atemberaubenden, auch reichlich düsteren Geschichte rund um Unterdrückung die Judenverfolguung, von Olga Tokarczuk versehen mit grandiosem Gespür für Lokalkolorit, pralle Atmosphäre und (verdrängten) Bezügen, die bis in die Gegenwart führen. Sie wolle zeigen, wie man in einer Welt enormer kultureller und ethnischer Unterschiede leben kann, hieß es 2015, als die Autorin nicht nur einen der wichtigsten polnischen Preise erhielt, sondern auch Morddrohungen. Für etliche Politiker galt sie als „Landesverräterin“. Von Romanen des Jahres ist allzu oft die Rede. Die „Jakobsbücher“ sind weitaus mehr – epochal.

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