Hommage an Alfred KolleritschDer Lichthof, um den sich die Schreibenden scharten

Im Grazer Schauspielhaus fand Samstagabend eine würdige, berührende und informative Hommage an Alfred Kolleritsch, den im Mai dieses Jahres im Alter von 89 Jahren verstorbenen Doyen der Grazer und österreichischen Literaturszene statt.

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Markus Schirmer spielte bei der "Hommage an Alfred Kolleritsch" ein Stück von Franz Schubert
Markus Schirmer spielte bei der "Hommage an Alfred Kolleritsch" ein Stück von Franz Schubert © (c) Manuel Hanschitz
 

Wo beginnen bei dieser prägenden Figur, die so viele wichtige Rollen einnahm? Herausgeber der wegweisenden Literaturzeitschrift "manuskripte", Mitbegründer und Präsident des Forum Stadtpark, allseits beliebter Deutsch- und Philosophielehrer am Akademischen Gymnasium und - das tritt leider oft in den Hintergrund - selbst Autor von drei Romanen und zwölf Lyrikbänden. Im Zuge einer großen Hommage an Alfred Kolleritsch wurde Samstagabend im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung von Literaturhaus Graz, dem Forum, den "manuskripten" und der Familie Kolleritsch versucht, diesem bis ans Ende seines Lebens so leidenschaftlichen Wortmenschen gerecht zu werden. Durch den Abend führten Katja Gasser, ORF-Literaturchefin, und Klaus Kastberger, Leiter des Literaturhauses Graz.

Andreas Unterweger, der Nachfolger von Alfred Kolleritsch als "manuskripte"-Herausgeber Foto © (c) Manuel Hanschitz

Alfred Kolleritsch ist am 25. Mai dieses Jahres nach langer Krankheit in Graz gestorben. Und gleich bei der Eröffnung des "Festes für Fredy" im Schauspielhaus, in einer filmischen Collage von Markus Mörth, wurde offensichtlich, warum es ihm buchstäblich bis zum letzten Atemzug ging. Um das Sichten von Texten, um das Entdecken von neuen Autoren und Sprachlandschaften, um das Zulassen und Ermöglichen. Der Film fängt wiederholt die Augen von Kolleritsch ein, wie er mit kritisch-liebevollem Blick über die Manuskriptseiten gleitet, wie seine schon zittrigen Finger fast zärtlich den geliebten Buchstaben folgen. Später am Abend wird dieser Satz fallen: "Alfred Kolleritsch war von grundlegender Freundlichkeit. Aber ein großes Übel war für ihn das Fehlen von Poesie."

Literaturhaus-Chef Klaus Kastberger, Kulturlandesrat Christopher Drexler und Kulturstadtrat Günter Riegler Foto © (c) Manuel Hanschitz

Aber es war nicht nur ein Abend der Erinnerung und Würdigung. Als Klaus Kastberger Kulturlandesrat Christopher Drexler und Kulturstadtrat Günter Riegler auf die Bühne bat, konnten beide Politiker mit konkreten Projekten aufwarten, die in die Zukunft weisen und die Nachhaltigkeit von Kolleritsch belegen. Drexler kündigte an, dass das Land Steiermark das "manuskripte"-Archiv ankaufen und der Forschung zur Verfügung stellen werde. Und Riegler versprach die Auslobung eines "Alfred-Kolleritsch-Literaturpreises", der mit 7500 Euro dotiert sein wird.

Schauspieler verlasen rund um den legendären Schreibtisch von Alfred Kolleritsch Texte von ihm Foto © (c) Manuel Hanschitz

Die aktuelle Ausgabe der "manuskripte" (Nr. 229) steht ganz im Zeichen von Alfred Kolleritsch. Daraus haben die Schauspieler Lisa Balzer, Mathias Lodd, Franz Solar und Susanne Konstanze Weber Widmungstexte vorgetragen. Das Setting muss vielen im Saal Anwesenden bekannt vorgekommen sein - und auch wehmütige Erinnerungen hervorgerufen haben. Es handelte sich um jenen legendären Schreibtisch und Sessel aus dem "manuskripte"-Büro, an dem Kolleritsch im Laufe von vielen Jahrzehnten Abertausende Textseiten gesichtet hat.

ORF-Literaturchefin Katja Gasser als Moderatorin Foto © (c) Manuel Hanschitz

 

Der Abend war unterteilt in Gesprächsgruppen, die das vielfältige Wirken von Kolleritsch beleuchteten. Zu Wort kamen unter vielen die aktuelle "Forum"-Chefin Heidrun Primas, der Verleger Max Droschl und Andreas Unterweger, der Nachfolger von Kolleritsch als "manuskripte"-Herausgeber. Andere Wegbegleiter wie Barbara Frischmuth oder Klaus Hoffer mussten aus gesundheitlichen oder anderen Gründen absagen.

Julian Kolleritsch verlas einen Brief an den Vater Foto © (c) Manuel Hanschitz

Mit einem berührenden Brief an den Vater von Julian Kolleritsch und einer musikalischen Hommage von Markus Schirmer, selbst acht Jahre lang Schüler von Alfred Kolleritsch, ist ein Abend ausgeklungen, der von Respekt, Dankbarkeit und Zuneigung für diese große, bescheidene Persönlichkeit geprägt war. Das letzte Wort soll hier aber Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek haben, deren Abschiedstext ebenfalls in der aktuellen "manuskripte"-Ausgabe abgedruckt ist:

"Wer am Fredy Kolleritsch angestreift ist, hat sofort etwas davon abgekommen. Jetzt haben die Wurzeln nachgeben müssen, sehr traurig. Eigentlich ist er unerklärlich gewesen und auch etwas Seltenes dazu: ein gütiger Mensch zu andren. Zu sich selbst war er wahrscheinlich weniger gütig, wenn er seine Texte geschrieben hat. Aber zu mir war er es immer, liebevoll und witzig. Ich werde immer seine leicht steirisch gefärbte Stimme hören. Ja, ich höre sie jetzt gerade, ich muss ihn nur einschalten, und schon ist er da."

Alfred Kolleritsch: 16. Februar 1931-29. Mai 2020 Foto © (c) KANIZAJ MARIJA-M. | 2016

 

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