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Buchmesse LeipzigÜbersetzer Ernest Wichner: "Hoffe auf Respekt für rumänische Literatur"

Mit "Oxenberg & Bernstein" für Übersetzer-Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Rumänien ist das Gastland der diesjährigen Buchmesse in Leipzig
Rumänien ist das Gastland der diesjährigen Buchmesse in Leipzig © APA
 

Rumänien steht als Gastland der Leipziger Buchmesse (ab 15.3.) derzeit im Mittelpunkt der literarischen Aufmerksamkeit. Auch in Wien werden morgen, Dienstag, gleich zwei hochgelobte Neuerscheinungen präsentiert. Varujan Vosganians "Als die Welt ganz war" und Catalin Mihuleacs "Oxenberg & Bernstein" (beide Zsolnay) wurden vom rumänisch-deutschen Übersetzer Ernest Wichner ins Deutsche übertragen.

"Sehr verschiedene Schriftsteller, Temperamente und Charaktere - beiden gemeinsam ist aber die Präsenz der Zeitgeschichte, des in der jüngeren Geschichte nicht ausreichend Bedachten, Aufgearbeiteten, Aufgeklärten", erklärt Wichner im APA-Interview. Mit Mihuleacs "Oxenberg & Bernstein" ist Wichner, seit 15 Jahren Leiter des Literaturhauses Berlin, für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse (Vergabe am Donnerstag) nominiert. Gerade dieser Roman, der als groß angelegtes Familienepos von den Verbrechen des Antisemitismus und des Holocaust in Rumänien erzählt und sie samt ausführlicher Station in Wien detailreich mit der heutigen Situation der rumänischen Diaspora in den USA verknüpft, hat dem Übersetzer ob seiner extrovertierten, blumigen Sprache allerdings Kopfzerbrechen bereitet.

"Zuerst hatte ich meinen inneren Widerstand dagegen zu überwinden", so Wichner. "Ich hatte zu begreifen, dass dies keine Respektlosigkeit des Autors gegenüber dem Geschehen ist, sondern eine bewusst gewählte und durchaus gut begründbare Entscheidung für einen gewissen Stil." Die jahrzehntelange Leugnung und die "verkorkste, verdruckste, halbe, immer noch von antisemitischen Ressentiments grundierte Wahrnehmung" der Geschichte führe bei Mihuleac zu "einem Ton, der nicht mehr sachlich, kühl, berichtend oder darstellend bleiben kann; er hat all das Schräge, Verdrängte, beim Darüber-Sprechen schon wieder Geleugnete in sich mit aufzunehmen, er hat die historischen Vorurteile, ihre barbarische Indienstnahme während der Schoah sowie ihren abgemilderten Gebrauch nach der Schoah mitzuerzählen."

Elegantes, facettenreiches Deutsch

Wichners Wiedergabe dieses eigenartigen Mix aus altertümelnder, umgangssprachlicher, frecher und verdruckster Sprache würdigt die Leipziger Jury als "elegantes, facettenreiches Deutsch", dem man genauso verfalle wie die "verbal ordentlich auf die Pauke" hauende Heldin Suzy ihrem amerikanischen Ehemann. Als Übersetzer, so Wichner, versuche er, Texte so behandeln, "wie sie es ihrer Eigenart nach verlangen". Nicht jedes belletristische Werk verwende "Sprache als Medium der Kunst", aber wenn: "dann kann ein Wort nur an der und nicht auch an jener Stelle stehen, weil die Geschichte aus der Sprache besteht, in der sie erzählt wird, ja aus der sie geschaffen wird". Als wichtigste übersetzerische Tugenden nennt er "Neugier und ein klein bisschen Fleiß".

Den Roman Mihuleacs und die leichten, das Surreale zitierenden Erzählungen des Politikers und Ex-Ministers Vosganian übersetzte Wichner geradezu gleichzeitig. "Als Übersetzer freut man sich, zwei so verschiedene Stillagen/Sprechweisen hintereinander bewältigen zu müssen - man erholt sich durch die Arbeit an dem einen von den Zumutungen des anderen, egal, was man zuerst gemacht hat." Thematisch verbinde die beiden Bücher die starke Präsenz der rumänischen Zeitgeschichte: "Der eine (Mihuleac) stellt dies provokant im Ton, drastisch mitunter sogar sarkastisch dar, der andere pflegt einen eher zurückhaltenden, schwebenden Ton und deutet die schlimmen Hintergrunderfahrungen seiner Figuren an."

Geburtsland, nicht Heimat

Allgemeine Tendenzen in der rumänischen Gegenwartsliteratur möchte Wichner dagegen nicht diagnostizieren: Da geriete man zu schnell in Plattitüden. Für die Literaten seines Geburtslandes - als "Heimat" begreift Wichner, der das Dorf seiner Kindheit im Banat im Alter von 14 Jahren verließ, Rumänien nicht - erhofft er sich durch die Einladung nach Leipzig allerdings "vor allem in Rumänien künftig mehr Respekt, der sich etwa darin ausdrücken sollte, dass die Literatur auch gelesen wird. Und ich erhoffe mir für die rumänischen Schriftsteller endlich einen Schriftstellerverband, der auch ihre beruflichen und sozialen Interessen vertritt und nicht bloß die einer kleinen korrupten Clique."

 

S E R V I C E: Catalin Mihuleac: "Oxenberg & Bernstein", Roman, Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner, 368 Seiten, Zsolnay,  24,70 Euro. Varujan Vosganian: "Als die Welt ganz war", Erzählungen, Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner, 336 Seiten, Zsolnay,  24,70 Euro. 

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