Dass bei Erscheinen des Buches „Die Inkommensurablen“ gerade wieder ein Krieg in Europa ausgebrochen sein würde, hätte sich die Autorin beim Schreiben wohl nicht gedacht. Gespenstisch wirken manche Passagen im neuen Roman der 32-jährigen Wienerin Raphaela Edelbauer, die nach ihrem vor zwei Jahren erschienenen Buch zum Thema künstliche Intelligenz („Dave“) jetzt mit einem historischen Stoff rund um den Vorabend des 1. Weltkriegs überrascht: „Der ganze Krieg. Eine einzige Idee erfasst ganze Länder, und jeder denkt, dass er von allein auf die Idee gekommen ist, die Russen zu hassen, obwohl er persönlich keinen Grund dazu hat.“

Der Tiroler Knecht Hans, der nach Wien gekommen ist, um die Psychoanalytikerin Helene aufzusuchen, der sanfte Adelige Adam und die Mathematikerin Klara, die vor ihrem Rigorosum steht, verbringen gemeinsam den letzten Abend vor der Mobilmachung. Sie diskutieren und philosophieren, sprechen über kollektive Träume: „Überall, in England, Italien, Deutschland, Preußen lodern die Menschen unter denselben Ideen. Leute, die einander niemals gesehen haben, träumen teilweise Nacht für Nacht dasselbe.“ Wie Schlafwandler taumeln die drei durch eine fiebrige Wiener Nacht, die von Drogen und Alkohol, homosexuellen Erlebnissen, verstörenden Begegnungen, Magie und Okkultismus getränkt ist.

Wie Raphaela Edelbauer diese Stimmung rund um das Massenphänomen Kriegsbegeisterung einfängt, ist gekonnt atemlos und atmosphärisch. Wenn die Suffragette Klara ihre Freunde am Morgen ins Tröpferlbad drängt und das Lumpenproletariat in der Vorstadt keift, erlebt man die Erschöpfung der drei hautnah mit.

Der sperrige Buchtitel leitet sich von irrationalen Zahlen ab: „Ach Hans“, sagte Klara und lächelte. „Wenn ich dir erzählen würde, dass ich ein schlechtes Verhältnis zu meinen Eltern habe, dann wäre das gelogen. Ich habe gar kein Gemeinsames mit ihnen, wir sind inkommensurabel.(...) Kein gemeinsames Maß. Wir reden nicht einfach nicht miteinander, es gibt kein Reden, das für uns Reden wäre.“

Buchtipp: Raphaela Edelbauer. „Die Inkommensurablen“.
Klett-Cotta. 352 Seiten, 25,70 Euro.

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