Er meißelt seit sechs Jahrzehnten Songs für die Ewigkeit in die Musikgeschichte und hat für die Worte dazu 2016 den Nobelpreis für Literatur erhalten, jetzt legt Bob Dylan einen Katalog jener Songs vor, die ihn selbst geprägt haben.

„Die Philosophie des modernen Songs“ heißt das Buch, das weltweit mit großem Marketinggetöse veröffentlicht wurde. Und bereits der Titel führt in die Irre. Denn His Bobness legt kein wissenschaftliches Philosophikum der Populärkultur vor, keine trockene lexikalische Abhandlung, vielmehr ist es ein lockeres schriftliches Plaudern über die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Lieder seines Lebens.

Das darf freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Dylan ein ausgewiesener Experte in Sachen Musikgeschichte ist.
Doch wie es sich für einen wahren Meister geziemt, trumpft er mit diesem Wissen nie auf; was hingegen auf jeder Seite aufblitzt, ist die tiefe, fundamentale Leidenschaft und Liebe, mit der Dylan diesen Songs im Speziellen und der Musik im Allgemeinen verbunden ist. Songs als Kulturgut, nicht als Konsumartikel; Songs als magisches Medium der Sinnstiftung. Das ist, wenn man so will, die Philosophie, die hinter diesem Werk steht.

66 Songs sind es, die Dylan an- und ausführt, und der Mix ist wild. Ausgehend von den 50er-Jahren und noch früher, führt die Reise von Elvis Presley, Johnny Cash, Little Richard über Nina Simone und Jimmy Webb bis zu The Who, The Clash und Elvis Costello, dessen Song „Pump It Up“ Dylan so beschreibt: „Dieser Song ist gehirngewaschen und kommt mit gemeinem dreckigem Blick zu dir.“

Es sind klassische Essays, die Dylan geschrieben hat, wobei es sich anfühlt, als würde er mit dem Blatt Papier vor sich sprechen. Er lässt seinen Assoziationen freien Lauf, schlägt Hacken, gleitet vom Informativen ins Fantastische, von dort wieder ins Politische, um über Amerika, Geld, Gewalt oder Kunst nachzudenken.

Das klingt dann so: „Kunst ist keine Übereinkunft, Geld ist eine Übereinkunft. Ich mag Caravaggio, du magst Basquiat. Beide mögen wir Frida Kahlo, aber Warhol lässt uns kalt. Kunst gedeiht durch...Auseinandersetzungen. Deshalb kann es so etwas wie eine nationale Kunstform nicht geben.“ Der Ausgangspunkt für diese Überlegungen ist übrigens der Song „Money Honey“.

Es heißt, Dylan habe seine Autobiografie „Chronicles I“ nie fortgesetzt. Hat er doch, und zwar mit dieser fantastischen Meditation über den Soundtrack seines Lebens.

Buchtipp: Bob Dylan. Die Philosophie des modernen Songs. C.H.Beck, 352 Seiten, 35 Euro. 

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