Nehmen wir an, es gibt einen Maler, der mit der Kultur indianischer Völker in Berührung kommt. Er ist nicht nur fasziniert von ihrer Spiritualität und Kultur, sondern auch von ihren künstlerischen Techniken. Er beginnt, diese zu adaptieren und in sein Werk einfließen zu lassen. Diese Einflüsse verändern sein Werk, er wird zu einem der großen Maler der Gegenwart. Bleibt er den Menschen, auf deren Kultur er sich bezogen hat, etwas schuldig?

Den Maler hat es natürlich gegeben. Er hieß Jackson Pollock und gilt heute als einer der bedeutendsten Vertreter der abstrakten Malerei. Seine berühmte Maltechnik und auch seine spirituellen Vorstellungen dürften von indianischer Kultur zumindest stark mitinspiriert worden sein. Wobei Pollock kein Einzelfall ist, in der Malerei der Moderne wimmelt es von Einflüssen der „primitiven Kunst“. Das Werk von Jackson Pollock ist deshalb schon vor Jahren unter dem Blickwinkel der „kulturellen Aneignung“ diskutiert worden. Wenn man den Begriff aber ernsthaft diskutieren möchte, zeigt dieser „Fall“ vor allem, was nicht zur Diskussion steht.

Weder ist die Diskussion als Kritik an Jackson Pollock zu verstehen, noch soll sie seine geniale Kunst diskreditieren. Es ist nur der Hinweis auf rassistische Muster in unserer Gesellschaft: Jackson Pollock wurde allmählich zu einem Superstar der Kunst, dessen Gemälde in den wichtigsten Museen der Welt hängen. Sein Gemälde „Nr. 5“ wurde immerhin um 140 Millionen Euro verkauft. Dagegen sind die Künstler, von deren Praktiken sich Pollock inspirieren ließ, marginalisiert: Die Kultur der Indianer war auch in der US-Nachkriegszeit von Repressionen geprägt, für eine Künstlerin und Künstler aus diesem Kulturkreis wäre es schier unmöglich gewesen, solche Erfolge zu feiern. Wenn man nun eben auf die Inspirationsquellen Pollocks hinweist, ist das also nicht als Kritik am Maler zu sehen, sondern als Kritik an den Institutionen, die einen solchen Rassismus (egal ob bewusst oder unbewusst) hervorbringen: Museen, Galerien, Verwaltungsbehörden, Medien, Regierungsämter usw. All diese schufen einen Diskurs, in denen ein Subjekt zum Genie ausgerufen wird, ein anderes zum sozialen Problemfall.