Gleich in der ersten Geschichte erzählt eine Journalistin dem Erzähler – der unschwer als Autor zu erkennen ist – vom taiwanesischen Liebesgott Yue Lao und jenem roten Faden, mit dem jeder Mensch von Geburt an mit einem anderen Menschen verbunden sei. Das Schicksal stünde also von Anfang an fest.

Die Liebe, das Finden und der Verlust davon, die Sehnsucht danach und das ewige Verlangen nach Zweisamkeit zieht sich auch wie ein roter Faden durch diesen neuen Erzählband von Ferdinand von Schirach. Zart ist er, dieser Faden, wie es auch die Sätze und Erzählungen dieses Autors sind. Nie dogmatisch, nie endgültig, nie bindend, immer dem Leben und seinen Schwingungen und Windungen verpflichtet.

„Nachmittage“, so der Titel, ist leicht irreführend, denn es sind oft elegische Nachtstücke, die Schirach mit leiser Eindringlichkeit zur Aufführung bringt. Die Geschichten sind weltläufig, voll gescheiter Empathie und unaufdringlich weise, sie spielen in Pamplona, Oslo, Tokio, Zürich, New York, Marrakesch, Taipeh, Wien, Berlin.

Oft geht es – wie Schirach nur allzu gut aus seinem „Vorleben“ als Strafverteidiger weiß – um falsche Entscheidungen und Abzweigungen, um den großen Graubereich zwischen gut und böse, und immer wieder um die Flüchtigkeit des Glücks; etwas, das alle Menschen verbindet – von Taipeh bis Berlin.

Es sind kurze Geschichten, die meist eine überraschende Pointe enthalten, aber nie eine Belehrung oder billige Moral in sich tragen. Dazwischen streut Schirach Miniaturen ein, Aperçus, Notizen, Beobachtungen, Anmerkungen zu seinen Lieblingsliteraten Thomas Mann, Goethe, Ingeborg Bachmann, über die Schirach schreibt: „Man kann verzweifelt sein und trotzdem poetisch.“

In der letzten Geschichte geht es um Alberto Giacometti. „In der Leere tastend, versuche ich den unsichtbaren weißen Faden des Wunderbaren zu erwischen“, hat der berühmte Bildhauer einmal notiert. Da ist er wieder, der Faden, diesmal in Weiß. Aber welche Farbe er auch immer hat, Ferdinand von Schirach hat ihn erwischt.

Buchtipp: Ferdinand von Schirach. Nachmittage.
Luchterhand, 175 Seiten, 23,50 Euro. 

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