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Musikrückblick 2020Im Schatten von Donald Trump

Die Scheuklappen scharf gestellt auf die USA: Zwölf mal amerikanische Musik aus dem Jahr 2020, fast ausschließlich Hip Hop, Neo Soul und R 'n' B.

Kanye West bei einer seiner merkwürdigen Pressekonferenzen 2020 © AP
 

2020 war nicht nur Corona, es war auch das Jahr der Black Lives Matter-Proteste, die durch die für viele als schicksalshaft empfundenen Präsidentenwahl in den USA weiter Brisanz gewonnen haben. Das ist hier bedeutsam, weil diese Musikauswahl sich ausschließlich mit amerikanischer Musik auseinandersetzt, die von BLM und der Wahl entscheidend mitgeprägt worden ist. Wobei wir uns - fast - ganz auf Hip Hop und R 'n' B fokussieren wollen.

Drake - Toosie Slide

Ein vermummter Schwarzer, allein in einer monströsten Villa? Kein Grund, gleich die Polizei zu rufen. Der Mann ist kein Eindringling, er ist der Besitzer des Anwesends. Im Video zu „Toosie Slide“ bewegt sich Drake durch seine pompöse Wohnanlage im heimatlichen Toronto. Die Aufnahmen entstanden während des ersten Coronalockdowns, während der Multimillionär sich in heimatlicher Quarantäne befand. Dem Song liegt ein harmloses Tänzchen zugrunde, aber die Assoziationen, die Drakes Video hinterlässt sind tiefgründiger: Das rassistische Schreckensbild einer afroamerikanischen Home Invasion wird da herbeizitiert, zugleich ist die ökonomische Macht des Künstlers omnipräsent. Er ist reich und schämt sich deshalb nicht.

Future - Life is Good feat. Drake

Drake war 2020 auch Kollaborationspartner von Future. Das Duo legte noch vor Corona mit „Life is Good“ ein Stück vor, in dem sie zwar ausdauernd vom süßen Leben rappen, sich im Video dagegen als Working Class Heroes inszenieren. Ein doppelbödiger musikalischer Geniestreich im widersprüchlichen Feld zwischen Erfolgsstreben, Ausbeutung, Hedonismus und falschen Versprechen.

Kanye - Wash Us in The Blood feat. Travis Scott

Kanye West ist auch 2020 verhaltensauffällig geworden, der Produzent, Designer, Rapper und Trumpfan gilt einer linken Kulturcommunity schon lange als suspekt, sein erratisches Verhalten wird gern mit seiner bipolaren Störung erklärt, also auch verharmlost. Tatsählich reagiert der Künstler auf die afroamerikansiche Lebensrealität immer wieder mit großartigen Stücken. Sein Black Lives Matter-Track „Wash us in the Blood“ war 2020 eines der eindrucksvollsten künstlerischen Echos der neuen Bürgerrechtsbewegung.

Pharrell Williams - Black Entrepreneur feat. Jay-Z

Rap ist schon seit seinen Anfängen vor bald 50 Jahren in New York Sprachrohr und Instrument der afroamerikanischen Emanzipation. Um die ökonomische Emanzipation geht es in „Black Entrepreneur“, in dem Pharrell Williams, mit der Unterstüzung von Jay-Z, Willenskraft, Engagement, Durchsetzungsvermögen und Erfindungsgeist ein kleines Denkmal setzt.

Beyonce, Shatta Wale, Major Lazer - Already

Noch ein bisschen aufwändiger geht Beyoncé ihre Black-Contiousness-Projekte an. „Black is King“ heißt ihr „visuelles Album“, das 2020 auf der Streamingplattform Disney+ angelaufen ist. Aus dem Soundtrack zur Neuauflage des „König der Löwen“ fabrizierte sie einen Film, in dem Hochglanzpop, Identitätssuche, Kunst, Feminismus, Afrofuturismus, Bürgerrechtsbewegung und Surrealismus zu einem unglaublichen Hybrid verschnitten werden. Das wirkt eher wie eine Nachreichung zu „Black Panther“ als zu „König der Löwen“.

Cardi B - WAP feat. Megan Thee Stallion

Drastischer als der Feminismus von Königin Beyoncé ist jener von Cardi B und Megan Thee Stallion. Mit „WAP“ gelang ihnen der Track des Jahres - feministische Pornografie, die sich um politische Korrektheit ebensowenig schert, wie um guten Geschmack und männliche Machtfantasien auf originelle Weise bloßstellt. Im Video wird grotesk überhöhte Weiblichkeit gewissermaßen zum Gegenbild einer phallokratischen Welt. Der Loop des Jahres, der dem Song unterlegt ist, stammt übrigens vom House-Track „Whores in the House“ von Frank Ski (der wiederum auf einen britischen Acid-Track basiert). Nicht ganz so stark, aber ähnlich geschnitzt ist das aufgesexte „Body“ von Megan Thee Stallions Debütalbum.

Megan Thee Stallion - Body

The Weeknd - Blinding Lights

Der einzige ernstzunehmende Konkurrent von „WAP“ in der Kategorie "Song des Jahres" war das eigentlich schon Ende November 2019 erschienene „Blinding Lights“ von The Weeknd, zugleich auch der kommerziell erfolgreichste Track 2020. Perfekter kann der Pop zur Zeit kaum klingen. Es ist gewissermaßen das "Billie Jean" des Jahres 2020.

Run the Jewels - "Ooh LA LA" feat. Greg Nice, DJ Premier

Noch einmal zurück zu dezidiert Politischem: Das Konsensalbum 2020 war "4" von Run the Jewels. Für die New Yorker bestehen zwischen Rassismus, Materialismus und Finanzkapitalismus keine großen Unterschiede. In „Ooh-LA-LA“ geben sie den Revolutionären auf den Straßen eine Runde Champagner aus. Klingt nach New Yorker Old School und Native Tongues und tatsächlich steht Legende Premier an den Turntables.

Mourning (A) BLKstar - Be

Nicht weniger politisch, aber musikalisch anders gestrickt, ist "Be" von Mourning (A) BLKstar. Das Künstlerkollektiv aus Ohio führt Trip Hop und New Soul zusammen. Heiliger Zorn, heißkalt serviert. Obwohl die Gruppe mit "The Clycle" das bereits fünfte Album vorlegt, bleibt der geniale Sountentwurf ein Indie-Geheimtipp, der auf Youtube höchstens ein 10.000-stel der Visits der sonst in dieser vertretenen Liste erreicht.

Alicia Keys - So Done feat. Kalid

Apropos New Soul: Alicia Keys zeigte auf „So Done“ 2020 den Frank Oceans dieser Welt, wo der Bartel den Most holt. Noch zartschmelzender als dieses Duett mit dem vokalen Wunder Khalid ist nur „My Future“ der musikalischen Zauberkünstlerin Billie Eilish mit einem Musikvideo, das eindeutig von der Wunderwelt des japanischen Zeichentrickstudios Ghibli inspiriert worden ist.

Billie Eilish - My Future

 

 

 

 

 

 

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