Machen Frauen die härteren Filme? Mit dieser Aussage wurde die deutsche Filmemacherin Isa Willinger konfrontiert, als sie in jungen Jahren die ukrainische Regisseurin Kira Muratowa interviewte. Eine Grande Dame des sowjetischen und postsowjetischen Kinos, zu der Willinger schon früh in ihrem eigenen Filmschaffen aufgeschaut hatte. Ihre Filme, eine Symbiose aus expressionistisch überhöhten Werken, Melodrama, Satire und Absurdismus, widerstanden regelmäßig der Zensur, erkundeten das sowjetische Leben in unterdrückenden politischen, sozialen und häuslichen Systemen und hatten oft weibliche, „provokativ“ agierende Protagonisten.

Eine cineastische Legende

Muratowa mag eine cineastische Legende sein. Doch wie viele Frauen vor und nach ihr, geht ihr Erbe im Mainstream einer männlich geprägten Kinolandschaft unter. Ihr Tod sei Zeitungen nur eine kleine Notiz wert gewesen, beklagte sich etwa die Schauspielerin Tilda Swinton bei den Filmfestspielen in Cannes. Die männlichen Pendants bekämen Doppelseiten. Eine Schieflage, die Willinger nun mit einem filmischen Nachruf wettmachen will? „Ich glaube, das ist es tatsächlich geworden,“ erklärt Willinger im Interview mit der Kleinen Zeitung. „Das war nicht geplant, dass sie so wichtig werden würde. Das ist dann im Schneideraum passiert.“

Da Muratowa bereits 2018, lange vor der Produktion von Willingers letzte Woche im Kino angelaufenen Dokumentation „No Mercy“, verstarb, muss letztere nun mit anderen Regisseurinnen diese Fragestellung aufgreifen. Machen Frauen die härteren Filme? Céline Sciamma, Virginie Despentes, Nina Menkes, Catherine Breillat, Apolline Traoré, Joey Soloway, Ana Lily Amirpour, Alice Diop, Marzieh Meshkini, Mouly Surya,  Monika Treut oder Mascha Schilinski, denen das Stadtkino Wien übrigens zum Kinostart von „No Mercy“ auch eine Retrospektive widmet, offenbaren unterschiedliche Zugänge. Das, was ihre weiblichen Figuren erleben, sei nur eine Annäherung an das, was wirklich passiere, meint etwa Traoré. Sciamma erklärt, sie habe sich schon lange von Gewalt abgewendet. Sie wolle Welten erschaffen, die „ohne Konfliktdynamiken“ leben. Gewalt sei eine Kinosprache der Männer.

Regisseurin Isa Willinger: „Es gibt auch innerhalb des Feminismus ganz unterschiedliche Ansätze“.
Regisseurin Isa Willinger: „Es gibt auch innerhalb des Feminismus ganz unterschiedliche Ansätze“. © Imago/ BeckerBredel

„Frauen sind Sklaven“

Reproduzieren Frauen also einfach männlich gelesene Eigenschaften? „Frauen sind Sklaven, also machen sie rachsüchtige Filme“, wird nochmals die Meisterin Muratowa zitiert. Aber das ist keine Brutalität. Vielmehr ist es Ehrlichkeit. „Sie sagen es, wie es ist.“ „Starke Frauen“ war ein Begriff, den Muratowa hasste. Auch Ana Lily Amirpour reibt sich an der Idee. „Ich habe einfach Figuren.“ Kein Mann habe sich jemals so einem Attribut unterwerfen müssen. Auch Willinger hat ein ambivalentes Verhältnis zum Begriff Härte. „Der Begriff war ungewohnt in Bezug auf Frauen und daher provokant zu benutzen und damit zu spielen.“

„No Mercy“ spielt auch mit dem Werkzeugkasten, der Frauen zur Verfügung steht, um Geschichten zu erzählen. Wie habt ihr es mit dem „Female Gaze“, ist eine solche Gretchenfrage Willingers. Also jenem Gegenstück zum „Male Gaze“, der Männer zu agierenden Subjekten und Frauen zu sexuell begehrbaren Objekten macht. Sie lehne ihn ab, meint die Amerikanerin Nina Menkes. Man müsse ein exkludierendes narratives Mittel nicht umdrehen. Dadurch sei nichts gewonnen, er sei ein weiteres „monolithisches Werkzeug“. Alice Diop hingegen sieht darin einen Weg, Sichtweisen und männlich geprägte Blicke zu dekonstruieren.

Unterschiedliche Ansätze im Feminismus

„Für mich war ziemlich klar, dass nicht alle einer Meinung sein würden“, kommentiert Willinger. „Ich habe versucht, irgendwie klarzumachen, dass es keine homogene Gruppe ist. Es gibt auch innerhalb des Feminismus ganz unterschiedliche Ansätze.“ Für Filmemacherinnen wie Diop fließt auf einer intersektionalen Ebene auch noch einmal die zusätzliche Objektifizierung als schwarze Frau mit hinein. Diops „Saint Omer“, erwähnt auch Menkes lobend, sei einer jener wenigen Filme, in denen jede Frau als Subjekt agieren darf.

Ist Härte nun einfach Ehrlichkeit? Der schonungslose Blick, mit dem Frauen aus ihrem Leben erzählen? Ist jede Frau, die nicht den weiblichen codierten Eigenschaften entspricht, gleich so viel härter? Warum wurde ihr Film „Mona Lisa and the Blood Moon“ als feministisch eingestuft, fragt Willinger Amirpour an einem Punkt. „Sag du es mir“, ist die Antwort. Diese wäre wohl einfach, weil es eine weibliche Hauptfigur gibt.

Auch Muratowa wird es bei Härte kaum um Kriegerinnen und gewaltvolle Bilder gegangen sein. Aber wenn es um Gewalt und Härte geht, so Willinger „gehen Regisseurinnen mit einem sehr anderen Bewusstsein an dieses Erbe heran“. Um nochmals auf Sciammas ablehnende Haltung zurückzukommen: „In einer Zartheit kann auch sehr viel Härte stecken“, ist sich Willinger sicher.