Vor zehn Jahren, in seinem 87. Lebensjahr, wollte Nikolaus Harnoncourt in seiner Heimatstadt Graz einen Gipfel besiegen, dem er bis dahin ausgewichen war: Die Aufführung aller neun Sinfonien von Ludwig van Beethoven mit seinem Orchester „Concentus Musicus Wien“ auf Instrumenten der Beethoven-Zeit. Elf Vorstellungen im Stefaniensaal waren dazu angesetzt, eine titanische Aufgabe für den nicht mehr jungen Dirigenten, aber nicht weniger herausfordernd für die Mitwirkenden und für sein Leib-Festival, die Styriarte.
25 Jahre früher hatte Harnoncourt in Graz schon einmal alle Beethoven-Sinfonien aufgeführt, mit einem modernen Orchester, und er hat damit einen Welterfolg gelandet. Aber mit historischen Instrumenten ist das dann doch etwas ganz anderes. Da kann man mit Beethoven heute genauso gut abstürzen wie vor 250 Jahren, und das Scheitern ist sogar Teil von Beethovens Konzept. Es ging dem Maestro also am Ende seines Weges einfach darum, die vollkommene Schönheit zu finden und seine Lebensthese zu beweisen: „Schönheit wohnt nicht in der Komfortzone, Schönheit findet man nur an der Kante zum Abgrund“. Das kühne Projekt hat dann eine andere Wendung genommen. Nikolaus Harnoncourt ist am 5. März 2016 in den Musiker-Himmel aufgestiegen, wo er, wie man hört, seinen Hausgöttern mit Namen Bach und Mozart, Haydn, Beethoven und Schubert unendlich viele Fragen stellt, wie sie denn dies und das und das und dies damals gemeint hätten. Sie weichen ihm schon aus.
Den Beethoven-Zyklus in der Styriarte 2016 gab es trotzdem. Junge Dirigentinnen und Dirigenten aus allen Ecken der Welt haben ihn gestaltet, sind nicht gescheitert und haben ihre eigenen Wege gefunden. Der Weg Nikolaus Harnoncourts aber ist vor zehn Jahren in seinem Ziel gelandet, der konnte keine Fortsetzer finden. Denn wem sonst noch würde es einfallen, seine Sängerinnen und Sänger in Beethovens Neunter Sinfonie mit der Interpretationsanweisung „Diesen Kuss der ganzen Welt – das muss so sein, wie wenn …, wie wenn ein Nilpferd küsst“ auf die Bühne zu schicken? Mit diesem und mit tausenden anderen einzigartigen Sprachbildern hat Nikolaus Harnoncourt seine Orchester, Chöre, Solistinnen und Solisten dazu gebracht, über ihren Beruf, über sich selbst hinauszuwachsen und auch auf den Konzertpodien dramatische Szenen zu erzeugen, die ihr Publikum gefesselt, erschüttert, erheitert, jedenfalls ganz verändert zurückgelassen haben.
Bis jetzt lacht da niemand
Wir haben es einer Choristin aus dem Arnold Schoenberg Chor zu verdanken, dass wir dieses Harnoncourtʼsche Sprachbilder-Theater heute noch nacherleben können: Sabine Gruber hat in den Proben mitgeschrieben, wie der Maestro seine Interpretinnen und Interpreten auf seine Straße gelenkt hat. „Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten“ heißt das Buch, ein Blick in Harnoncourts Werkstatt, also in einen Raum, in dem das Publikum nichts verloren hat. Aber heute können wir dankbar sein, denn diese Bildersammlung macht viel vom Phänomen Harnoncourt klar, von der Wirkung seiner Inszenierungen auf sein Publikum. „Ihr klingts wie ausgebildete Sänger, ihr seids aber Flüchtlinge aus einer brennenden Stadt!“ – das hat der Chor in einer Bach-Kantate mit auf den Weg bekommen, und so eine Information macht wohl den Unterschied. Das hört man dann. Das spürt man dann.
In den vielen Jahren, die ich mit Nikolaus Harnoncourt zusammenarbeiten durfte, haben wir auch über die Zeit nach ihm gesprochen, und seine These war: „Nach zwanzig Jahren wird man über meine Zugänge zur Musik lachen, so wie man heute über Karajan lacht. Das ist eine Frage der Mode.“ Es sind zwar erst zehn Jahre vergangen, seit sich Harnoncourt verabschiedet hat. Aber bis jetzt lacht da niemand. Wann immer wir in der Styriarte an ihn erinnern, bekommen wir eindeutige Zwei-Wort-Rückmeldungen von unserem Publikum, und die lauten: „Er fehlt.“
Ein Abend in Hartberg
Meine Lieblingserinnerung an Harnoncourts Arbeit ist aber eine ganz andere, und in der Fülle an Glück, die er durch die Styriarte in die Welt gebracht hat, berührt mich bis heute ein Bild am stärksten. Da gab es eine Übertragung einer Mozart-Messe im Rahmen der ORF Klangwolke, ein Styriarte-Konzert unter Harnoncourts Leitung aus Stainz, übertragen in ein Public Viewing in Hartberg. Ein Besucher dieser Übertragung, ein alter oststeirischer Bauer, läuft nach der Vorstellung einem Kamerateam in die Arme, er hat Tränen in den Augen, und es platzt aus ihm heraus: „Dass i sowas Schens no amol in mein Leben hearn darf, hätt i ma net tramen lossn!“ Er war offensichtlich das Gegenteil von einem Konzertprofi. Aber auch über die Fernsehbilder hat ihn Harnoncourt mit seiner Botschaft erreicht und erschüttert: Das Leben ist schön, das Leben ist schrecklich, und die Geschichte, die hier lief, die war wahrhaftig.