Sie hatte gar keine Zeit, jemandes Muse zu sein, behauptete sie. „Ich war zu beschäftigt damit, gegen meine Familie zu rebellieren und zu lernen, Künstlerin zu sein. Malen ist ein Bedürfnis, keine Wahl“, sagte sie einmal. Nun würdigt eine Filmbiografie das künstlerische Werk der britisch-mexikanischen Surrealistin Leonora Carrington (1917–2011). Wurde ja auch Zeit!

„Leonora im Morgenlicht“ von Thor Klein und Lena Vurma sieht dabei selbst wie ein Gemälde aus. In betörend-fiebrigen Motiven zwischen der wildromantischen Ardèche-Schlucht in Südfrankreich und dem magischen Skulpturengarten Las Pozas des exzentrischen Mäzens Edward James im mexikanischen Urwald wird die fantastische Bilderwelt der Künstlerin in ihren Gemälden in die nicht-lineare Erzählung in Rückblenden verwoben. Und all das, ohne ein einziges ihrer Werke zu zeigen – aus rechtlichen Gründen.

Sie gilt als eine der wichtigsten Vertreterinnen des Surrealismus, sozialisiert im Pariser Umfeld von André Breton, Man Ray, Joan Miró, Salvador Dalí und Luis Buñuel. Im Vorjahr wurde bei einer Auktion ihr Gemälde „Die Zerstreuungen Dagoberts“ zum Rekordpreis von 28,5 Millionen Dollar versteigert, damit gehöre Carrington laut Sotheby‘s nun zu den fünf teuersten Künstlerinnen und Künstlern auf dem Auktionsmarkt. In der Kategorie Surrealismus belege sie nun Platz vier und hätte Kollegen wie Max Ernst und Salvador Dalí überholt.

Apropos. Max Ernst und Carrington waren vier Jahre lang ein Paar, sie lernten einander in Paris kennen und lieben, lebten später zusammen in einem einsamen Steinhaus am Ende der Ardèche-Schlucht, wo sie sich ihr eigenes magisches Kunst-Paradies schufen und Bilder, Skulpturen und Texte produzierten. Als Filmpaar zu sehen sind Olivia Vinall und Max Scheer, die Kamera bleibt stets bei ihr. Vinall glänzt mit ihrem vielschichtigen Spiel, Scheer mit seiner Zurückhaltung.

Abrechnung mit dem Musentum

So sehr die Surrealisten in ihrer Kunst die Verkopftheit, Bourgeoisie und bestimmte Maltraditionen bekämpften und auf die Kraft der Träume und Experimente setzten, so konservativ waren sie in Sachen Geschlechterrollen. Eine herrliche Szene im Film verdeutlicht das, als Carrington auf einer Party sagt: „Die Surrealisten nennen ihre Frauen Musen, trotzdem sind es die Frauen, die ihre Bettwäsche wechseln.“

Als der Nazi-Gegner Max Ernst verhaftet wird, erlitt sie einen Nervenzusammenbruch, landete später in der Psychiatrie. Der Film schlachtet ihr psychisches Leiden und die Wahnvorstellungen nicht aus, sondern übersetzt es visuell und akustisch für die Leinwand; das ist seine größte Stärke. Die teils hölzernen Dialoge aus der Romanvorlage „Frau des Windes“ von Elena Poniatowska sind seine größte Schwäche. Was dieses Biopic auslöst? Es könnte sein, dass man aus dem Kino geht und sofort mehr über die faszinierende Leonora Carrington wissen möchte.

Bewertung: ●●●○○