In Russland mutierte der lustvolle, unberechenbare Literatur-Blockbuster „Der Meister und Margarita“ zum Hit, mehr als vier Millionen Menschen sahen ihn im Kino, er spielte mehr als 21 Millionen Euro ein, die Kritik feierte ihn. Er hat sich aber auch den Zorn der Kreml-Ideologen zugezogen. Aber erst, nachdem der russisch-amerikanische Regisseur Michael Lockschin Putins Angriffskrieg auf die Ukraine scharf verurteilt hatte. Abgedreht und gefördert wurde er vor dem Februar 2022.
Nun ist der Film als politischer Kommentar der Stunde auf die Kreml-Politik zu lesen. Michail Bulgakows regimekritischer Roman, den dieser von 1928 bis 1940 schrieb und der erst 1966 in einem Magazin in zensurierter Form veröffentlicht werden konnte, genießt in Russland Kultstatus.
Lange galt er als nicht verfilmbar – zu Recht. Erzählt werden drei Geschichten gleichzeitig: jene von der Liebe eines verfemten Dichters (“der Meister“) zur Funktionärsgattin Margarita, jene von Jesus und Pontius Pilatus und jene von der sowjetischen Willkür-Bürokratie und dem Teufel, der hier auf den Namen Woland hört und im stalinistischen Moskau wütet und waltet. Zwischen Sozialismus und der Sehnsucht nach Konsum tobt die Korruption und wird die Gleichschaltung im Kulturbetrieb erzwungen.
Schon eingangs wird genüsslich in einem Luxus-Appartement eines regimetreuen Kritikers dessen gesamtes Mobiliar und eine Karl-Marx-Büste mit dem Fleischhammer zerschlagen. Zertrümmert somit auch Heldenbilder und sozialistisches Erbe; dazu ertönt ein Hexenlachen. Cut.
Es folgt ein Neuanfang: Ein Dichter (Jewgeni Zyganow) erfährt bei der Probe seines neuen Stücks „Pontius Pilatus“, dass die Aufführung abgesetzt wurde. Auch sonst ist er nirgendwo mehr willkommen, er strandet in der Psychiatrie und trifft auf einen Fremden im schwarzen Mantel, der sich als Woland vorstellt und Russisch mit deutschem Akzent spricht. Später wird Blut fließen, jemand hat angeblich den Teufel gesehen; mit souveräner Bösartigkeit von August Diehl verkörpert. Dieser quält lustvoll fiese Apparatschiks und geht einen Deal mit Margarita (Julija Snigir) ein.
Fantasy-Elemente, extravagante Kameraführung und bitterböse Gesellschaftskritik: Lockschin hat sich inhaltlich einige Freiheiten herausgenommen, legt den Fokus aber auf die offene Wunde der Sünde der Feigheit. Sitzt immer. ●●●●○.