ServiceTausend Chancen und noch viele mehr!

Service. Immer mehr Betriebe und Branchen setzen auf neue Formen der Rekrutierung. Ganz eigene Wege geht die Initiative 10.000 Chancen.

Bernhard Ehrlich © KK
 

Messen, Castings, Aktionstage, Lehrlingsoffensiven – wenn es um die Rekrutierung der dringend benötigten Fachkräfte von morgen geht, hat sich in den vergangenen Jahren vieles verändert. Wer Jugendliche für eine Ausbildung in einer bestimmten Branche oder in seinem Unternehmen gewinnen möchte, muss sich heute mehr einfallen lassen als die klassischen Bewerbungszeremonien früherer Tage. Das Buhlen um Lehrlinge hat, befeuert durch die demografische Entwicklung, merkbar zugenommen. Österreichweit absolvieren – über alle Lehrjahre hinweg gesehen – laut Lehrlingsstatistik der WKO (Stand 31. 12. 2017) knapp 107.000 Jugendliche eine Lehre. Knapp 40 Prozent der rund 85.800 „zur Verfügung stehenden“ 15-Jährigen haben 2017 eine Lehre begonnen – ein Anteil, der seit Jahren relativ konstant ist. Das große Aber: Vor zehn Jahren war der Anteil an Lehrlingen unter den 15-Jährigen zwar ähnlich hoch, es gab aber mehr als 105.000 Jugendliche und damit österreichweit auch 41.100 Lehranfänger – 2017 waren es rund 33.700. „Es gibt einfach weniger Junge, daher tun sich Junge leichter, einen Job zu finden“, analysiert man im Arbeitsmarktservice. Die Zahl der offenen Lehrstellen ist im Vorjahr gestiegen, die Zahl der Lehrstellensuchenden gesunken.

Das Problem daran: Immer mehr Unternehmen können ihre offenen Stellen nicht besetzen und trotzdem gibt es auch viele Jugendliche, die sich bei der Suche sehr schwertun. Dabei ist eine gute, fundierte Ausbildung wichtig wie nie. Trotz Hochkonjunktur, Fachkräftemangel und demografischer Herausforderung zeigt sich der Arbeitsmarkt gering qualifizierten Menschen gegenüber unbarmherzig. Seit 1990 hat sich die Arbeitslosigkeit von Menschen, die nur einen Pflichtschulabschluss haben, von 9,5 auf über 20 Prozent mehr als verdoppelt. In Österreich befinden sich 75.000 Jugendliche (acht Prozent) zwischen 15 und 24 Jahren weder in einer Ausbildung noch im Erwerbsleben. Für 37.000 von ihnen ist dieser Zustand von längerer Dauer. Mangel auf der einen Seite, teils verzweifelte Suche auf der anderen – u. a. bei diesen Widersprüchlichkeiten setzt die Initiative „10.000 Chancen“ an. Sie wurde von Bernhard Ehrlich ins Leben gerufen und macht heuer in Graz Station – und damit erstmals außerhalb von Wien.

zur Person

Bernhard Ehrlich und der Verein „10.000 Chancen“ stehen hinter der Initiative, die erstmals in Graz Station macht. Am 15. März kommt es pünktlich ab 7.45 Uhr in der Grazer Wirtschaftskammer (Europasaal) zur Vorauswahl.

Am 4. April ­erfolgt dann an selber Stelle das „Speed-Dating“. 16 Top-Unternehmen, 64 Firmen-Recruiter und 264 Bewerber sind mit dabei.
Weitere Infos: www.10000chancen.com


Die Grundidee: Es geht da­rum, arbeitswillige Menschen rasch und unbürokratisch in den Arbeitsmarkt zu bringen. Ehrlich setzt dabei auf das Prinzip des sogenannten „Speed-Datings“. Er bringt also arbeitssuchende Jugendliche und Unternehmen, die Lehrstellen zu vergeben haben, zusammen. Stimmen die Voraussetzungen (Deutsch auf B1-Niveau, Pflichtschule abgeschlossen bzw. in der 9. Schulstufe, bei Flüchtlingen eine Arbeitserlaubnis sowie 100-prozentiger Arbeitswille; siehe Infobox), „gibt’s fast sicher eine Lehrstelle“, wie Ehrlich betont. Das habe auch mit der Vorbereitung zu tun: Damit die Lehrstellensuchenden ihre Chancen bestmöglich nutzen können, werden sie zuvor auch trainiert und die jeweiligen Blitz-Bewerbungsgespräche vorbereitet. Gut zwei Wochen vor den Speed-Datings gibt’s daher bereits eine Vorauswahl, Ehrlich rechnet in Graz mit 600 bis 800 Jugendlichen. Passen die Kriterien, kommt es zu einem großen Bewerbungstraining, „dabei werden auch die Bewerbungsunterlagen für die Jugendlichen kostenlos und professionell gestaltet“, so Ehrlich. Das werde auch von den Unternehmen sehr geschätzt. Anfang April folgt schließlich der Höhepunkt: Jeder Jugendliche wird an einem Tag mit jedem potenziellen Arbeitgeber in Kontakt treten – 16 Betriebe vor allem aus dem Handel, aber auch aus Gastronomie, Hotellerie und Industrie sind mit konkreten offenen Lehrstellen an Bord. Jeder Bewerber hat dabei exakt sieben Minuten Zeit, um die Firmenvertreter zu überzeugen. Doch auch für die Unternehmen gilt es, sich als attraktive Arbeitgeber zu positionieren. „Teil der Initiative ist jeweils auch ein sogenannter HR-Pitch. Dabei präsentieren alle 16 Betriebe, was sie Jugendlichen – abseits des Kollektivvertrags – bieten.“ Hier gebe es zahlreiche Goodies, die vom Führerschein über kostenlose Weiterbildung bis hin zu Prämien und Überzahlungen reichen. Ehrlich geht es seit Gründung der Initiative zudem darum, auch Menschen Chancen zu offerieren, „die es sonst sehr schwer haben, also auch Menschen mit Behinderung oder etwa Flüchtlingen“.

Wichtige Anlaufstellen zur besseren Orientierung bietet etwa das AMS. Unter www.berufslexikon.at werden die mehr als 200 verschiedenen Lehr­berufe (einschließlich Ausbildungsschwerpunkte und Hauptmodule) in Österreich vorgestellt. Die Lehrstellenbörse ist ebenfalls eine wichtige Anlaufstelle unter: www.ams.at/offene-lehrstellen

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