Herr Erlacher, Sie forschen zu den Widersprüchen im Schulsystem: Schüler wie Lehrer befinden sich zwischen Freiheit und Zwang, zwischen Selbst- und Fremdsteuerung. Wie lassen sich diese Widersprüche auflösen?
WILLIBALD ERLACHER: Gar nicht. Die Widersprüche im Schulsystem liegen in der Natur der Sache. Um einen gelungenen Lehr- und Lernprozess zu gestalten, braucht es im Verhältnis von Schülern und Lehrern sowohl Nähe als auch Distanz. Zu viel von beidem wirkt sich negativ auf den Lernerfolg aus. Nähe und Distanz befinden sich in einem Spannungsfeld, das man nicht auflösen kann.


Wie können Lehrer mit diesem Spannungsfeld umgehen?
WILLIBALD ERLACHER: Aus der Forschung und den Schulentwicklungsberatungen wissen wir, dass es kein Patentrezept dafür gibt. Mögliche Schritte, um mit diesem Spannungsfeld umzugehen, sind zum einen, sich zunächst klarzumachen, dass es nicht aufgelöst werden kann. Zum anderen hilft der Austausch mit anderen Lehrern: Wenn man gemeinsam die Arbeitssituation reflektiert, sich über die möglichen Herangehensweisen austauscht, eröffnen sich neue Denkweisen. Wichtig ist, dass das nicht beim Kaffeekränzchen passiert, sondern in einem institutionellen Rahmen.

Willibald Erlacher
Willibald Erlacher
© KK/PH

Nicht nur Lehrer, auch Schulleiter befinden sich in einem Spannungsfeld: Einerseits sind sie die Vorgesetzten ihres Lehrkörpers, andererseits sind sie Befehlsempfänger des Ministeriums. Wie passt das ins Rollenverständnis?
WILLIBALD ERLACHER: Schulleiter stehen vor der Herausforderung, nicht in jeder Situation als „Everybody’s Darling“ agieren zu können. Oft stammen sie aus demselben Lehrkörper, dem sie Anweisungen erteilen müssen – mit den alten Loyalitäten und Freundschaften im Hintergrund. Aber sie müssen auch in dieser Rolle eine gewisse Distanz aufbauen können, um überhaupt ernst genommen zu werden.


Hat das jüngste Autonomiepaket für die Führungskräfte in den Schulen insofern eine Verbesserung mit sich gebracht?
WILLIBALD ERLACHER: Schulen und Schulleitungen erhalten durch die Bildungsreform in Teilbereichen zwar mehr Entscheidungsspielräume, etwa was Unterrichtsorganisation und Zeitmanagement betrifft. Zugleich werden seitens der Ministerialbürokratie die Rechenschaftspflichten wie Berichtslegungen oder interne und externe Evaluationen auf allen Bereichen der Unterrichts- und Schulentwicklung ausgeweitet, was wiederum als freiheitseinschränkend empfunden wird. Diese strukturellen Widersprüche sind nicht auflösbar und äußern sich im emotionalen Erleben von Führungskräften und Lehrern gleichermaßen.

Was müsste sich ändern, um in diesem Zusammenhang eine Verbesserung anzustoßen?
WILLIBALD ERLACHER: Alle Seiten müssten dafür bereit sein, sich aus ihrem jeweiligen Schrebergarten herauszubewegen und aufeinander zuzugehen. Das Aufbrechen festgefahrener Strukturen bedeutet viel Aufwand und Zeit – bietet aber die Möglichkeit, dass sich etwas zum Besseren ändert.