Selbst erfahrene Alpinisten dürften sich kaum an solche Zahlen erinnern: In der Zeit vom 13. bis 22. Februar kam es in Tirol laut der Alpinpolizei zu rund 200 gemeldeten Lawinenereignissen. Darunter befanden sich Abgänge mit bis zu 15 betroffenen Personen auf einmal. Zusätzlich mussten zahlreiche „Negativlawinen“ abgeklärt werden – also Lawinen, bei denen zunächst unklar war, ob Personen verschüttet wurden. Circa 450 ehrenamtlich tätige Frauen und Männer von 31 Tiroler Ortsstellen der Bergrettung standen im Einsatz und rückten zu 71 Einsätzen aus, dazu kamen 30 Hubschrauberflüge. Sieben Lawinenunfälle endeten tödlich, alleine drei bei einem Lawinenabgang in St. Anton am Arlberg.
Kein Einsatz im Bezirk Lienz
Sämtliche 245 Tiroler Lawinenkommissionen waren gefragt, um die Lage laufend zu beurteilen und Handlungsempfehlungen auszusprechen. Auch in Osttirol galt (und gilt) vielfach die Warnstufe 4 mit „großer Lawinengefahr“ oberhalb der Waldgrenze. An zwei der vergangenen Tage waren sogar alle neun sogenannten Mikroregionen im Bezirk Lienz betroffen – von der „Venedigergruppe Süd“ im Norden bis zu den „Karnischen Alpen Osttirol“ im Süden. Zu Lawinen mit Personenbeteiligung kam es jedoch in Osttirol nicht, wie die Landespolizeidirektion auf Anfrage der Kleinen Zeitung bestätigte.
„Die einheimischen Tourengeher sind sehr gut sensibilisiert, was das Thema Lawinen und alpine Gefahren angeht“, erklärt Thomas Zimmermann, Ortsstellenleiter der Bergrettung Lienz einen der Gründe. „Dazu haben sicherlich die vielen Vorträge und Schulungen beigetragen, die immer wieder durch alpine Vereine, Bergführervereine oder den Fachhandel angeboten werden. Diese Veranstaltungen sind sehr gut besucht.“ Auch das „3! Winter Life Camp“ des Alpinkompetenzzentrum – ein Wintersicherheitstag für alle 13-Jährigen aus Osttirol – lobt Zimmermann explizit: „Da wird schon im Vorfeld bei den Jugendlichen sehr viel Bewusstsein gebildet.“
Dass die meisten Einsätze in Nordtirol unweit von Skigebieten passierten, wundert den Bergretter nicht: „Viele glauben, dass es knapp neben den Pisten weniger gefährlich ist als im hochalpinen Gelände. Das ist leider oft ein Irrtum. Die Verlockung, in den freien Skiraum zu fahren, wird durch gezielte Werbung und Social Media zusätzlich befeuert.“ Auch dass zumeist Gäste unter den Betroffenen waren, passt laut Zimmermann ins Muster: „Leider fehlt vielen Touristen die Erfahrung, um solche Situationen richtig einzuschätzen. Und mit dem Lawinenlagebericht muss man auch erst richtig umgehen können.“ Der im Vergleich geringe Andrang auf die hiesigen Skiareale gereicht in solchen Tagen zum Vorteil: „Osttirol ist kein ausgewiesenes Freeridegebiet wie etwa der Arlberg.“
„Vollkaskomentalität“ der Skifahrer
Bei den Tiroler Bergrettern, der Alpinpolizei und in der Landesregierung ist man derweil immer noch entsetzt über das Verhalten vieler Skifahrer. So prangerte Ekkehard Wimmer, Landesleiter der Tiroler Bergrettung, im ORF die „Vollkaskomentalität“ derer an, die ins Gelände fahren im festen Glauben, dass sie die Retter bei einer Lawine schon ausgraben würden. Auch Landeshauptmann Anton Mattle und Sicherheitslandesrätin Astrid Mair (ÖVP) mahnten eindrücklich: „Unsere Berge verlangen nach Vorsicht und Eigenverantwortung. Wer sich selbst gefährdet, gefährdet auch jene, die bei einem Rettungs- oder Sucheinsatz ausrücken. Es ist unverständlich, wenn behördliche Warnungen und Empfehlungen der Lawinenkommissionen ignoriert oder auf die leichte Schulter genommen werden.“
Überrascht vom „AT-Alert“
Als quasi letztes Mittel setzte das Land am vergangenen Wochenende zweimal den „AT-Alert“ ein: eine für 24 Stunden gültige Warnmeldung auf allen (modernen) in Tiroler Funkzellen eingeloggten Smartphones, die man in Osttirol während des „Rossbacher-Großbrands“ erstmals kennenlernte. Der Alarm machte die Bevölkerung und die in Tirol weilenden Gäste auf die Lawinengefahr aufmerksam. „Wir von der Bergrettung Lienz waren selber überrascht, dass eine solche Meldung gekommen ist. Für unser Einsatzgebiet, den Süden von Osttirol, wäre er nicht notwendig gewesen“, meint Zimmermann, der trotz der teils tragischen Ereignisse dazu appelliert, mit dem Alarm sorgsam umzugehen: „Bei Stufe 5, wo wirklich mit sehr großen Lawinen bis in den Siedlungsraum zu rechnen ist, wäre der Alarm absolut gerechtfertigt. In dieser Situation waren die Warnungen über die Medien und Social Media unseres Erachtens ausreichend.“
Nur allmähliche Entspannung
Die Lawinensituation bleibt indes angespannt, da „die Schneedecke nur langsam an Festigkeit gewinnt“, wie Christoph Mitterer vom Lawinenwarndienst Tirol erklärt. Aktuell (Mittwoch, 25. Februar) herrscht in den beiden nördlichen Regionen Osttirols –„Venedigergruppe Süd“ und „Glocknergruppe Süd“ – weiterhin Warnstufe 4 oberhalb der Warngrenze, Stufe 3 in tieferen Lagen. In den weiteren sieben Regionen ist Stufe 3 oberhalb der Waldgrenze ausgerufen, Stufe 2 darunter. Generell könnte sich jedoch die Situation in tieferen Lagen verschärfen. „Die Aktivität von nassen Lawinen nimmt mit der Erwärmung deutlich zu“, heißt es dazu im Lawinenreport, der täglich um 17 Uhr aktualisiert wird: www.lawinen.report