Ein alarmierendes Bild zeichnet der aktuelle Gletscherbericht des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV): Fast alle gemessenen Gletscher zogen sich im „Gletscherhaushaltsjahr“ 2023/24 zurück – im Schnitt um 24,1 Meter. Ein außergewöhnlich warmes Jahr und Trockenheit sorgten für den dritthöchsten Rückzugswert in der 134-jährigen Geschichte der Messungen. Die größten Längenverluste mit teils über 200 Metern mussten die Eispanzer der Ötztaler Alpen hinnehmen, doch auch die Gletscher in den zu Osttirol gehörigen Gebirgsgruppen schrumpften teils massiv.
Deutliche Rückgänge in der Venedigergruppe
So verzeichneten die Gletscher der Venedigergruppe deutliche Rückgänge. Die meiste Masse verlor das Osttiroler Zettalunitz Kees, auch bekannt als Teil des Mullwitz Kees, das sich um 54 Meter zurückzog – der zweithöchste Wert (ex aequo mit 2017) seit Beginn der Messung, die bereits im Jahr 1896 starteten. Das auf Salzburger Seite unterhalb des Großvenedigers gelegene Untersulzbach Kees büßte 29,6 Meter Länge ein. Nicht ganz so dramatisch war der Rückgang am Simony Kees mit 14 Metern. Seit Messbeginn verlor aber auch dieser im Nordwesten Osttirols gelegene Eisstrom weit über einen Kilometer (1168 Meter). Das in den vergangenen Jahren ebenfalls stark rückläufige Schlatenkees ist im neuen Gletschermonitor des Alpenvereins noch nicht zu beobachten.
Teils noch stärker schmolzen die Gletscher der Glocknergruppe. So ging die ikonische Pasterze (Kärnten) am Großglockner um weitere 66,3 Meter zurück, seit Messbeginn (1890) sind 2293 Meter verschwunden. Auch das benachbarte Ödenwinkelkees musste einen Verlust von 59,1 Metern verkraften. Nicht ganz so weit begaben sich die Gletscher der Granatspitzgruppe zurück. Hier verlor das Kalser Tauern Kees Süd nur 1,4 Meter. Seit Messbeginn, der erst 1971 war, sind es 123 Meter. Ein Blick zum benachbarten Stubacher Sonnblick Kees auf Salzburger Seite zeigt Werte von minus 3,6 Metern (Fileckzunge) bis minus 20,7 Metern (Granatspitzzunge). Die drei gemessenen Gletscher der Schobergruppe liegen auf Kärntner Seite: Roter Knopf Kees, Gößnitz Kees und Horn Kees gingen im Schnitt um fünf Meter zurück.
Insgesamt 90 Gletscher haben die ehrenamtlichen Gletschermesser des ÖAV beobachtet. Der mittlere Rückzug von 24,1 Meter ergibt sich aus 75 Gletschern, die sowohl 2023 als auch 2024 vermessen wurden. Nur in den Rekordjahren 2021/22 (28,7 Meter) und 2016/17 (25,2 Meter) war der Rückgang größer: „Sie sehen mich rat- und sprachlos. Wir hatten ein Jahr mit dem wenigsten Niederschlag seit Beginn der Messreihe. Wir hatten Trockenheit, wir hatten Wärme. Und wir sind in Folge immer wieder konfrontiert mit drastischen Gletscherschwunden“, zeigte sich die Vizepräsidentin des ÖAV, Nicole Slupetzky, auf der Pressekonferenz erschüttert.
„Die neuerlichen Rekordwerte zeigen, dass sich die österreichischen Gletscher weiterhin in einer Phase des raschen Verfalls befinden“, ergänzte Gerhard Lieb, der gemeinsam mit Andreas Kellerer-Pirklbauer den Gletschermessdienst leitet. „Besonders die hohen Temperaturen in Juni, Juli und August 2024 haben dazu geführt, dass die Gletscher in rasantem Tempo abschmelzen konnten“, so Kellerer-Pirklbauer. „Auch die für Gletscher wichtigen Sommer-Schneefälle, die die Eisschmelze etwas bremsen könnten, blieben aus.“
Für die Zukunft sehen die Experten schwarz, in 40 bis 50 Jahren dürften die Eisströme Österreichs weitgehend verschwunden sein. Lieb: „Die österreichischen Gletscher existieren nur noch aufgrund der in der Vergangenheit gespeicherten Eismassen – ihr weiteres Schmelzen ist unter den aktuellen Klimabedingungen unvermeidbar.“ Der ÖAV fordert daher einen ausnahmslosen Gletscherschutz, der neben den Gletscherflächen auch die fragilen Gletschervorfelder, Bereiche, die erst in den letzten rund 175 Jahren eisfrei wurden, umfasst. „Es ist an der Zeit, Gletscherskigebiete nicht weiter auszubauen“, sagt Slupetzky.
Am 21. März ist „Welt-Gletscher-Tag“
Immerhin: Der dramatische Rückgang der weltweiten Gletscher erlangt international mehr Aufmerksamkeit. Die Vereinten Nationen haben gemeinsam mit der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) das Jahr 2025 zum „Internationalen Jahr des Gletscherschutzes“ erklärt. Am 21. März wird zudem erstmals der „Welt-Gletscher-Tag“ begangen. Alljährlich soll an diesem Tag die gesellschaftliche und ökologische Rolle der Gletscher ins Zentrum gerückt werden. Ziel ist es, auf die dramatischen Folgen des Gletscherschwunds aufmerksam zu machen und verstärkte Schutzmaßnahmen zu fördern.