In den Pandemiejahren ist die Zahl der Rückfälle bei alkoholabstinenten Personen um 40 Prozent gestiegen“, sagt Norbert Arbesser. Er ist Psychotherapeut und Diplomsozialarbeiter in der Alkoholambulanz de La Tour in Spittal. Diese Einrichtung, die sich als Beratungsstelle und Treffpunkt für Menschen mit Alkoholproblematik versteht, gibt es seit zehn Jahren. Auf die Frage, wie sich die Covid-19-Pandemie auf Alkoholkonsum, Alkoholmissbrauch und das Abdriften in die Sucht ausgewirkt hat, zeigt sich ein komplexes Bild. Kollegin Elisabeth Reiterer, die Psychologin ist, und die Ausbildung zur Psychotherapeutin absolviert, sagt, dass in der Spittaler Einrichtung keine gesonderten Aufzeichnungen zur Kombination Alkoholsucht und Corona geführt würden, die Zahl der Rückfälle jedoch gestiegen sei und man erwarte, dass mit einer gewissen Zeitverzögerung die Nachfrage nach Beratungsleistungen steigen werde.
„Innere Einsamkeit, der Wegfall von Halt gebenden Strukturen, aber auch existenzielle Probleme spielten in den vergangenen Jahren auf jeden Fall in das Leben vieler unserer Klienten herein“, sagt sie. Den Klientenkreis, der den Weg in die Ambulanz auf dem Egarterplatz 1 in Spittal findet, beschreibt Reiterer so: „Es sind Menschen, die sich ihrer Sucht durchaus bewusst sind, und solche, die sich die Frage stellen, ob ihr Umgang mit Alkohol einen vertretbaren Rahmen bereits überschritten hat. Es kommen auch Angehörige, die Familienmitglieder mit einem Alkoholproblem nicht von einer Beratung überzeugen können.“
Kostenlose, vertrauliche, anonyme Beratung
Die von der Diakonie de La Tour betriebene Einrichtung – finanziert von der Felix-Orasch-Stiftung – hat mit Hannes Rieger, Facharzt für Psychiatrie, seit März einen neuen ärztlichen Leiter: „Unsere Einrichtung ermöglicht ein niederschwelliges Beratungs- und Behandlungsangebot für Suchtgefährdete, speziell Alkoholsüchtige, aus dem Raum Oberkärnten.“ Die Menschen werden kostenlos, vertraulich und bei Bedarf auch anonym beraten und begleitet. Darüber hinaus gibt es spezielle Programme für Jugendliche mit Alkoholproblemen. „Bei Bedarf fahren wir zu den Klienten hin, denn gewisse Situationen erfordern die Anpassung an ihre Lebensumstände“, sagt Arbesser.
Sobald Personen, die ein Problem mit Alkohol haben, den Weg in die Einrichtung gefunden haben, werden Beratung sowie Einzel-, Paar- und Familiengespräche angeboten. Wenn es erforderlich ist, werden die Betroffenen auf eine stationäre Therapie im Krankenhaus de La Tour in Treffen vorbereitet. Ganz wichtig ist, dass die Patienten, wenn sie die stationäre Behandlung verlassen, eine psychologische Nachbetreuung bekommen. Die ersten zwei Jahre nach der Überwindung einer Alkoholsucht sind die kritischsten. „In diesem Zeitraum erlangt man Stabilität und festigt Strategien, wie man ohne Alkohol leben kann. Individuelle Lebensthemen werden weiterhin besprochen und aufgearbeitet“, sagt Reiterer.
Alkoholthematik sei immer in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Viele wachsen hinein, weil im sozialen Umfeld getrunken wird. Alkohol wird konsumiert, um die Stimmung zu stabilisieren, ein Zugehörigkeitsgefühl zu erzeugen oder um sich einfach besser zu fühlen. Die genannten Beispiele fallen teilweise in die Kategorie „Alkoholmissbrauch“ – die Vorstufe zur Sucht, der Alkoholkrankheit. „Der Weg dort hin, geht oft Hand in Hand mit Selbstwertproblemen, psychischen Erkrankungen oder gröberen Problemen, für die man keine andere Lösungsstrategie, außer dem Alkohol findet“, sagt Arbesser.