Sterne funkeln am klaren Nachthimmel. Der Mond erleuchtet den Weg durch die verschneite Winterlandschaft. Kristalle glitzern an den Bäumen. Der Duft von brennendem Holz steigt aus den Kaminen. Malerisch präsentiert sich das atemberaubende Bergpanorama. Die Stimmung ist besinnlich, die Geräusche sind gedämpft. Nur das Knirschen von Schnee unter den Schuhsohlen und eine bekannte Melodie durchbrechen die Stille, die sich in der Nacht von 5. auf 6. Jänner wie eine warme Decke über Heiligenblut legt. Die Sternsinger ziehen von Haus zu Haus. An jeder Adresse werden sie von warmen Lichtern hinter den Fenstern und einem Lächeln empfangen. Es ist ein jahrhundertealter Brauch, der in der Gemeinde in seiner ursprünglichen Form erhalten wurde.

Die neun Rotten – so werden die Sternsingergruppen genannt – bestehen jeweils aus einem Sternträger, fünf Musikanten mit ihren Blechblasinstrumenten und mindestens zehn Sängern. Insgesamt beteiligen sich über 140 Männer. Abhängig davon, welcher Formation sie angehören, tragen sie unter anderem Filzhüte, Lodenüberwürfe mit einem Kärntner Anzug darunter oder warme Lodenjacken. Zudem gehören Laternen mit dem geweihten Licht, gutes Schuhwerk und Hirtenstöcke zur Ausrüstung.

Alle Sternsingerrotten brechen zur „Aussendungsfeier“ in die Pfarrkirche St. Vinzenz auf
Alle Sternsingerrotten brechen zur „Aussendungsfeier“ in die Pfarrkirche St. Vinzenz auf © Peter Maier/Hohe Tauern

Auf den Vater folgte der Sohn

Die Gruppen folgen einem hell erleuchteten, kunstvoll gestalteten und handbemalten Stern. Darauf abgebildet sind religiöse Motive wie die Heilige Familie, die Heiligen Drei Könige und Blumen. Tausende Arbeitsstunden fließen in diese Kunstwerke, die nur noch von vereinzelten Handwerkern angefertigt werden. Vor jedem Haus wird das sogenannte „Sternlied“ gesungen. Es ist das zentrale und wichtigste Lied der Sternsinger und erklingt pro Nacht oft über 50 Mal. Es besteht aus 14 Strophen und erzählt von der Geburt Christi und dem Weg der Weisen aus dem Morgenland. Im Rahmen dessen wird die Tradition des „Ansingens“ deutlich. Einige Strophen richten sich direkt an die Hausbewohner, in der letzten sind Glückwünsche für das neue Jahr enthalten. Auch die Anbringung des Segensspruchs „Christus Mansionem Benedicat (CMB)“ samt Jahreszahl auf dem Türbalken ist ein fixer Bestandteil.

„Wir haben die Gemeinde in neun ‚Bezirke‘ unterteilt, davon übernimmt jede Rotte einen. Männer im Alter von mindestens 16 Jahren können sich uns anschließen. Die Gruppen bestehen zu 95 Prozent aus Heiligenblutern, die Nachbargemeinden müssen uns nur hin und wieder aushelfen. Wir sind alle sehr stolz auf unsere Aufgaben und halten den Brauch gemeinsam aufrecht. Ich bin seit 26 Jahren dabei und auch mein Vater war bei den Sternsingern“, sagt Matthias Tribuser, Rottensprecher und Obmann der Sternsingerrotte Hof.

Die Sternsinger ziehen bei Nacht und Nebel durch die Gemeinde
Die Sternsinger ziehen bei Nacht und Nebel durch die Gemeinde © Peter Maier/Hohe Tauern

In den Stuben wird gerne verweilt

Am 5. Jänner um 16 Uhr findet die „Aussendungsfeier“ in der Pfarrkirche St. Vinzenz statt. Die Rotten versammeln sich und übernehmen das gesegnete Licht in ihren Laternen. Im Anschluss besuchen sie alle Häuser der Gemeinde – ein Unterfangen, das bis zu 15 Stunden dauern kann. Als Dank für ihren Einsatz werden sie gerne hereingebeten, zum Teil auch bewirtet. Eine stärkende Jause, wärmende Getränke und oftmals mehrere Generationen, die sich auf die Darbietungen freuen, warten auf die Sternsinger.

„Das Repertoire unserer Rotte besteht aus 37 Liedern. Gerne nehmen wir Wünsche entgegen. Die Leute kennen unsere Auswahl. Nach dem Einlassen singen wir vor der Krippe das Lied ‚Oh Bruader schau hin‘. Bevor wir nach dem Essen weiterziehen, erklingt noch der Haussegen und das Danklied. Das Sternsingen war nie nur eine religiöse Tradition, sondern hat eine soziale Funktion“, schildert Tribuser.

Die Sternsinger sind beliebte Gäste und werden gerne zu einer Stärkung eingeladen
Die Sternsinger sind beliebte Gäste und werden gerne zu einer Stärkung eingeladen © Peter Maier/Hohe Tauern

Ein beliebtes Weltkulturerbe

2010 wurde der Brauch von der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt. „Es ist eine Tradition, die von allen geschätzt wird. Wir als Sternsinger erleben die Dankbarkeit und Freude Jahr für Jahr – das berührt und motiviert uns. In dieser Nacht liegt ein besonderer Zauber und Segen über der Gemeinde. Man hört von allen Seiten den Gesang und die Musik. Für die Menschen ist es mehr als ein jährlicher Höhepunkt, es ist ein Stück Identität. In einer globalisierten Welt, in der Traditionen leicht verschwinden, steht das Sternsingen dafür, wie tief der Glaube und ein geselliges Miteinander eine Gemeinschaft prägen können“, sagt Tribuser.

Und auch Bürgermeister Martin Lackner ist stolz: „Viele auswärts lebende Heiligenbluter kommen in dieser Zeit in die Heimat zurück, um den Brauch mitzuerleben. Das Sternsingen ist ein Ereignis, auf das sich viele schon Wochen vorher freuen.“

Vor den Häusern wird das „Sternlied gesungen“
Vor den Häusern wird das „Sternlied gesungen“ © Peter Maier/Hohe Tauern