Drei Monate nichts. Kein Licht, kein Ton, keine Bewegung. „Ich kann mich nur noch an das Aufwachen erinnern“, sagt Michael Wassertheurer.

Im Alter von 16 Jahren hatte der Gailtaler eine Gehirnblutung. Er fiel für drei Monate ins Koma. „Danach wusste ich nichts mehr. Nicht wer ich bin, nicht wie ich heiße. Ich konnte nicht einmal mehr meine eigenen Eltern erkennen.“ Er habe „alles, aber auch wirklich alles“ neu lernen müssen, sagt der Mann mit dem schmalen Gesicht. Reden, gehen, schreiben, essen. Alles.

Heute ist Wassertheurer 34 Jahre alt. Was bis zu seinem 16. Lebensjahr niemand wusste: Er hatte von Geburt an ein Angiom im Kopf. Dieser Blutschwamm, diese Gefäßfehlbildung befand sich mitten im Haupthirn und war für die Gehirnblutung verantwortlich. „Die Ärzte sagten mir, man kann das Angiom nicht herausoperieren, weil es an einer zu gefährlichen Stelle im Hirn liegt.“ Es hieß: Genieße jeden Tag, genieße jeden Moment. Aber wir können nichts für Dich tun, es kann jederzeit wieder zu einer Gehirnblutung kommen.

Der einstige HTL-Schüler machte eine dreijährige Berufsumschulung. Trotz halbseitiger Lähmung schaffte er es, sich zum technischen Bürokaufmann hinaufzuarbeiten. In seiner Heimat Kirchbach fand er eine Anstellung. „Das Arbeiten hat mir viel Spaß gemacht,“ erzählt Wassertheurer. Doch sechs Jahre später erlitt er erneut eine Gehirnblutung. „Diesmal war es nicht ganz so schlimm, wie beim ersten Mal.“ Nicht ganz so schlimm, das heißt in seiner Welt: Er musste nicht alles neu lernen, nur fast alles. Ganz alltägliche Begriffe zum Beispiel. Was ist das? Ein Tisch. Und das? Ein Haus.

„Ich musste viel üben“, schildert Wassertheurer. Doch ans Aufgeben dachte er nicht. Wieder Reha, wieder ein Job-Wechsel. Er begann bei der Bezirkshauptmannschaft Hermagor zu arbeiten. „Der geregelte Tagesablauf war wichtig für mich“, erklärt er. „Aber ich konnte nie richtig unbeschwert sein. Ich lebte in ständiger Angst vor der nächsten Gehirnblutung.“ Die kam im Jahr 2010.

„Ein Albtraum“, sagt Wassertheurer. „Da lag ich wochenlang im Bett und wollte nicht mehr aufstehen.“ Trotzdem: Zum dritten Mal in 15 Jahren kämpfte er sich zurück. Er lernte wieder lesen, wieder schreiben, wieder Begriffe zuzuordnen. „Eine vierte Gehirnblutung hätte ich nicht verkraftet,“ betont Wassertheurer.

Vor zwei Jahren wandte er sich schließlich an die berühmte Charité-Klinik in Berlin. Dort fand er einen Spezialisten, der bereit war, ihn zu operieren. „Es war riskant. Ich hätte sterben können“, sagt der Kärntner und fügt mit zittriger Stimme hinzu: „Aber es gab keine Alternative. So hätte ich nicht mehr weiter leben wollen.“ Vor der großen Operation baute er noch sein Haus in Kirchbach fertig. Seine Lebensgefährtin und seine Freunde standen voll hinter ihm. Rückhalt fand er auch bei seiner Familie.

„In der Charité wurde das Angiom herausoperiert. Bei dem Eingriff wurde allerdings mein Lesezentrum beschädigt“, sagt Wassertheurer. Nach der OP konnte er keine Buchstaben mehr lesen und keine Zahlen. Wieder lernte er alles neu. Doch ich wusste: Es ist das letzte Mal.“
Heute arbeitet er wieder in der Bezirkshauptmannschaft. Er spricht zwar langsam, aber in klaren, strukturierten Sätzen. Wenn ihm ein Wort nicht einfällt, umschreibt er es. Die vielen Gehirnblutungen haben seine Konzentrationsfähigkeit verschlechtert. Therapien sollen das ändern.

„Jetzt kann ich endlich meine Zukunft neu angehen“, sagt Wassertheurer. Was er sich wünscht? Ein sanftes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht: „Es gibt da einen sehr innigen Wunsch. Aber der bleibt mein Geheimnis. . .“

MANUELA KALSER