Trotz EU-PlänenWarum die Atomkraft in Europa keine Renaissance erleben wird

Analyse: Ganz ohne Atomstrom wird Europa vorerst nicht auskommen. Doch ungeachtet des Plans der EU-Kommission, neue Meiler als "grüne Investition" anzuerkennen, ist der Kernkraft schon wegen der exzessiven Kosten in Europa keine blühende Zukunft mehr beschieden.

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Seit 2007 wird in Frankreich am neuen Reaktor Flamanville 3 gearbeitet © APA/AFP/CHARLY TRIBALLEAU
 

Das zeitliche Zusammentreffen könnte widersprüchlicher nicht sein. Während Deutschland mit dem Jahreswechsel drei seiner letzten sechs Atomkraftwerke vom Netz genommen hat und den noch verbliebenen heuer den Stecker ziehen wird, will die EU-Kommission auf Druck Frankreichs die Kernkraft per Nachhaltigkeitssiegel zur Zukunftstechnologie erklären. Kritiker rotieren, doch könnte Europa tatsächlich auch ohne Atomkraftwerke auskommen?

Auf absehbare Zeit jedenfalls nicht. Rund 100 Atommeiler laufen in 13 der 27 EU-Staaten, die zusammen etwa ein Viertel des Strombedarfs der Union abdecken. Doch die Anlagen sind ungleich verteilt. Mehr als die Hälfte steht allein in Frankreich, gefolgt von Spanien und Belgien mit jeweils sieben Kraftwerken. Frankreich ist somit der einzige EU-Staat, für den es auch mittelfristig mangels ausgebauter Alternativen keine Perspektive ganz ohne Atomstrom gibt.

Neue Meiler als Kostengräber

Doch die eigentliche Frage lautet: Braucht Europa tatsächlich zusätzliche Kernkraftwerke, um bis 2050 klimaneutral zu werden? Eine zumindest zweifelhafte Annahme. Denn abseits der Sicherheitsfrage und der ungelösten Endlagerproblematik für radioaktiven Abfall sind es vor allem die exorbitanten Kosten, die neue AKW im Vergleich zu anderen Technologien unrentabel machen. Ohne milliardenschwere Zuschüsse geht kein Reaktor in Bau, und dort, wo die Mittel bereitgestellt werden, explodieren Bauzeiten und Budgets.

So wird in Frankreich seit 2007 am neuen Reaktorblock 3 des AKW Flamanville gewerkt, der schon 2012 hätte fertiggestellt sein sollen. Die Kosten haben sich von ursprünglich vier Milliarden Euro fast verfünffacht, vor 2023 ist mit keiner Finalisierung zu rechnen. In Finnland verteuerte sich der seit 16 Jahren in Konstruktion befindliche AKW-Block Olkiluoto 3 von drei auf neun Milliarden Euro, woraufhin der Bau eines vierten Blocks abgesagt wurde. Das Ex-EU-Mitglied Großbritannien wiederum musste den Betreibern des künftigen AKW Hinkley Point C nach massiven Kostenüberschreitungen aus Steuergeldern einen Stromabnahmepreis in doppelter Markthöhe über 35 Jahre garantieren.

Längere Laufzeit als Notlösung

Unter diesen Bedingungen schrecken die meisten Staaten seit Jahren vor neuen Atomkraftwerken zurück und setzen stattdessen auf Laufzeitverlängerungen der bestehenden Anlagen. Doch das geht nicht ewig. Frankreichs jüngstes AKW ist seit 22 Jahren am Netz, das älteste seit mehr als 40. So wird ersichtlich, warum die meisten AKW-Betreiberstaaten um neue Finanzierungsströme für moderne Anlagen ringen. Anstatt die aus Altersschwäche aus dem Betrieb kippenden Meiler schrittweise durch echte grüne Kraftwerke zu ersetzen, halten sie an der vorhandenen Technologie fest. Die Rechnung dafür könnte hoch ausfallen.

Kommentare (24)
Lodengrün
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Warum das in eine erleben wird

Bei dem Bedarf der fast exponentiell wächst mit dem großen Anspruch Grün sein zu wollen gibt es keine Alternative. Zur Zeit gibt es noch Widerstand, der wird aber bald fallen. Wollen auch die E-Autos fahren.

Renate27
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Wie Co2-neutral

kann Atomstrom sein mit dem gigantischen Bedarf an Beton beim Bau von AKWS und bei der Endlagerung?

pj32
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CO2 Ausstoss je kWh

Angabe in meinem Posting

Gramm je kWh

pj32
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CO2 Ausstoss je kWh

Studie des Weltklimarates, IPCC
Berechnet nach Lebenszyklus, d.h. Errichtung, Betrieb, Rückbau, Endlagerung
Berechnet jeweils für jeweils 1 kWh, Median

Kohle: 820
Gas: 490
Solar: 40 bis 50
Wasserkraft: 24
Wind: 11
Atom: 12

Speziell bei Wind kommt ein wesentlicher Teil auch von Beton mit Eisen. Für ein Atomkraftwerk werden einige hundert, vielleicht sogar 1000 Windräder benötigt.

feringo
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@Renate27 : Wie Co2-neutral

Beim CO2 viel besser als neutral, das ist ja das Pro-Argument der Atomlobby.
Das Negative sind die üblichen Unfall- und Entsorgungsprobleme. Und die Enormen Gesamtkosten, die nicht alle in der Planung enthalten sind.
Ausnahme davon ist die kontrollierte Kernfusion, leider noch in weiter Zukunft.

Lucifer rs
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Ganz einfach 🙋🏻‍♂️

Atomstrom kann ich unabhängig vom Wetter ( Wind, Wasser und Sonne ) erzeugen und billig vor allem 🤭
Und die Wasserstoff Revolution braucht einmal sehr viel Energie und zum Schein fahren wir dann alle elektrisch wenn es der Umwelt hilft bin ich auch dafür nur 💯Sicher muss der Betrieb und die Entsorgung erfolgen🤔
Entsorgung wird weniger ein Problem sehe ich in Zukunft außerirdisch am Mars😉

huckg
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Atomstrom ist nicht billig

Es zahlen nur die Anderen! (Jedenfalls nicht die Betreiber und Investoren). Wir verlagern die Kosten einfach in die Zukunft, zu unseren "geliebten" Enkerln und Urenkerln.

goergXV
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???

"Noch ist vielen nicht klar, was die schöne, grüne Nachhaltigkeit kostet und wer sie am Ende begleichen darf. Für die allermeisten wird die grüne Rechnung unbezahlbar."
Sahra Wagenknecht (ehemalige Fraktionsvorsitzende DER LINKEN in Deutschland und Ehefrau von Oskar Lafontaine)
Sicherlich KEINE, die der Wirtschaft und den Konzernen nahe steht ...

huckg
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!!!

Noch weniger klar ist den meisten, was ein weitermachen wie bisher Kosten wird. Bezahlen dürfen die Rechnung unsere Nachkommen.
Wir haben es innerhalb von ein, zwei Generationen geschafft, den Planeten als Ganzes in seiner Existenz zu gefährden. Stichworte: Artensterben, Meeresverschmutzung, Klimawandel
Dazu kommt, dass strahlender Atomabfall den nächsten 1000 Generationen zur "Aufbewahrung" hinterlassen wird. Nicht nur die Gefahr, auch die Kosten! Und das alles von ca 10% der Weltbevölkerung, wir gehören jedenfalls dazu.
Warum gehen wir nicht jeden Tag auf die Strasse und demonstrieren, gegen Corona Impfungen aber schon?

feringo
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Nicht die EU | Einzelne Administratoren wollen

Ein klug und neutral gestalteter Bericht. Ein Lob an Herrn Günter Pilch!
Trotzdem ist zu erwähnen, dass nicht die EU die Pläne erstellt. Die EU ist sehr gut. Aber die Absichten einer Schar von Administratoren und Lobbyisten (pro Frankreich) sind es nicht.
Das sollte auch in der Schlagzeile ersichtlich sein.

SoundofThunder
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🤔

Und noch eines wurde übersehen: Die Kosten für den Abbruch von ausgedienten AKW‘s. Da kann man nicht einfach so mit ein paar Baggern heran fahren oder Sprengen. Speziell der Reaktor. Dauert Jahre und kostet soviel wie das Kraftwerk Strom erzeugt hat.

Niemandes_Knecht
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Wissen Sie, was der Rückbau einer Windkraftanlage kostet?

So viel, dass man den gigantischen Stahlbetonsockel gleich in der Erde belässt, nachdem die Betreiberfirma Konkurs angemeldet hat.

feringo
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@Niemandes_Knecht : Wissen Sie ..

Zwei Probleme sprechen Sie an:
1) Die Entsorgung einer Windkraftanlage mit der eines Atommeilers zu vergleichen ist wie beim Klopapier und einem Ölteppich in Alaska, völlig unpassend.
2) Um eine "flöten" gegangene Firma zum Entsorgen ihrer verursachten Umweltbelastung zwingen zu können, müsste das in der Buchhaltung Eingang finden, etwa in Form von Rücklagensteuern an den Staat. Nur so kann das Abwälzen der Umweltlasten auf die Allgemeinheit verhindert werden. Eine Forderung, die ich schon öfters gestellt habe.

Ogolius
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Guten Morgen Knecht

Irgendwie werd‘ ich das Gefühl nicht los, dass da ein „Ewig Gestriger“ in Ihnen steckt! Nun - der Vorteil beim Abbau von Windanlagen - da strahlt nix und auch nach 1000 Jahren nix. Dass Firmen sich übernehmen und falsch kalkulieren, das wird’s noch lange geben (vor allem, wenn sich Einige dabei bereichern)

zweigerl
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Kein schlüssiges Argument

Wichtiger Hinweis. Allerdings kann man daraus kein Argument für Atomkraftwerke schmieden. Das Problem des Abbaus sinnloser Betonbauten und der Renaturalisierung beispielsweise von asphaltierten PLätzen, die für Überschwemmungen verantwortlich sind, ist ein zu lösendes technisches Problem. Lasst euch was einfallen, liebe naturverbauenden Erfinder!

zweigerl
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Und das Thema Energiesparen?

Die Atomstromfrage wurde seinerzeit flankiert von dringenden Appellen zur Energieeinsparung. Davon ist keine Rede mehr. Der exorbitant steigende Strombedarf, der nun noch einen weiteren Schub durch die E-Mobilität bekommen wird, darf aus Gründen des technisch ökonomischen "Fortschritts"! nicht in Frage gestellt werden. Dabei wäre das die Lösung: Unseren aufwändigen Lebensstil ehergetisch brutal herunterzufahren, also: Statt Fernreisen und Indidivualmobilität Lesen und Wandern. Täte auch der persönlichen Bildungs- und Gesundheitsbilanz gut. Fitness und Wissen wird aber als zusätzlicher Produktionsfaktor eingerechnet. Frag nach bei Leitl und Mahrer, Eibinger und Schützenhöfer, bei den HTLs und FHs.

huckg
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Denkfehler!

Bin prinzipiell ihrer Meinung. Dem Thema Energiesparen und dazu gehört im weiteren Sinne auch unbegrenzter Wirtschaftswachstum wird viel zu wenig Augenmerk geschenkt. Leider unterliegen auch sie dem Irrtum, dass die Energiewende etwas mit Energieverbrauch zu tun hat und vor allem diesen negativ beeinflusst. Im Gegenteil! Beispiel: Sollten alle Verbrennerfahrzeuge durch Elektroautos ersetzt werden sinkt der Primärenergie Bedarf beträchtlich! Der Wirkungsgrad von Elektromotoren ist um ein Vielfaches besser als Benzin und Diesel. Diese Falschmeldung wird nur aus wirtschaftlichen Gründen von der Öl Lobby gestreut. Zum Energiesparen trägt eine Änderung des Mobilitätsverhalten weg vom Individualverkehr hin zum Massenverkehrsmittel bei, hat aber nicht direkt mit Elektroautos zu tun.

halelale
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Es würde ja auch reichen

wenn man die Verschwendung eindämmt.

htilzer
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Gute Idee,

Einstellung der relativ unnötigen Kommunikation bei den sozial wie auch kommerziellen Medien. Spart unheimlich viel Zeit und vor allem Energie. Die Handys verbrauchen weniger Akkuladung.

wlan
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Ich bin auch gegen die Atomkraft

Man sollte jedoch nicht kopflos alle AKW und Kohle KW abschalten (wie es in Deutschland gemacht wird) und zeitgleich soll sich jeder ein E Auto zulegen.

Dies führt unweigerlich zum Versorgungsengpass. Da hilft dann auch keine Grüne Idiologie und kein Lastenfahrrad....

aposch
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Kopflos

gegen Energieausbau wettern, aber voll auf E-Mobilität setzen, das ist die Vorstellungskraft Grüner Politik. Wer soll so etwas ernst nehmen?

zweigerl
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Zwischenlösung

Ergo: Maximale Reduktion der Individualmobilität als Fernziel, Übergangslösung mittels der C02-freien E-Mobilität. Finde ich einen vernünftigen Kompromiss.

scionescio
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@zweigerl: wer immer noch von CO2 freier E-Mobilität spricht, bekundet nur öffentlich seine völlige Ahnungslosigkeit!

Schon beim Bau des BEV werden um die 70% mehr CO2 ausgestoßen (hauptsächlich wegen des Akkus!)
Damit hat ein BEV einen gewaltigen CO2 Rucksack, der je nach Akkugröße erst nach 100-200.000km Fahrtleistung pari ist - bei der durchschnittlichen Kilometerleistung in Österreich bedeutet das allerdings mehr als 10 Jahre und da das kein Akku erlebt, geht die Rechnung nie auf!

Dazu kommt, dass ein BEV zusätzlich Strom verbraucht, weil es nirgendwo anders eine Entlastung gibt: selbst unter der Annahme, dass es ausschließlich grüner Strom ist, trägt das Null gegen den Klimawandel bei, weil es viel zu wenig grünen Strom gibt und damit nur eine Verschiebung stattfindet: tatsächlich werden jetzt E-Herd und Waschmaschine mit zusätzlichem Kohle- und Atomstrom betrieben und die Klimaerwärmung wird noch befeuert: noch nie gab es einen größeren Kohleverbrauch als jetzt!

Weil es eben auch die nächsten Jahrzehnte viel zu wenig grünen Strom geben wird, erzeugen die BEVs auch im Fahrbetrieb abseits der irrealen Traumwelt der Fanatiker in der realen Welt zusätzlich CO2- es kommt halt nur nicht beim Auspuff heraus, sondern entsteht schon beim Kohlekraftwerk!
Entweder wissen sie es nicht besser oder sie sind ein Opfer grüner (und Lobbyisten) Propaganda, da ich nicht davon ausgehe, dass sie bewusst Fake News verbreiten!

schadstoffarm
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scio

thumps up ! Sollen wir nicht lieber H2 verbrennen um pöhse Brennstoffzelle und pöhsen Akku zu vermeiden ?