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CoronavirusHarari: Viele Maßnahmen werden auch nach der Krise bleiben

Historiker und Bestsellerautor betont: "Ist Moment der Wahrheit für die EU". Ungarn und Israel nutzen Pandemie zum Aufbau von autoritären Regimen. Trumps Wiederwahl ist gefährdet.

Bestsellerauto Yuval Harari © APA/HANS KLAUS TECHT
 

Dass es nach dem Ende der Coronavirus-Pandemie wieder genauso wird wie früher glaubt der israelische Bestsellerautor und Historiker Yuval Noah Harari nicht. "Ich würde sagen, viele Maßnahmen werden nie verschwinden, auch wenn die Krise vorbei ist", sagte Harari im Telefongespräch mit der APA. Als Beispiel nannte er die Arbeit und Wirtschaft.

Derzeit laufe ein "riesiges Experiment" mit Milliarden von Menschen, die von zuhause aus oder online arbeiten. "Viele Dinge, die wir in diesem Experiment entdecken, könnten sogar gut sein, so dass wir sie fortsetzen, nachdem die Krise vorüber ist", sagt der Dozent der Hebräischen Universität Jerusalem, der derzeit in Selbstisolation in der Nähe von Tel Aviv lebt.

Es bestehe aber auch die Gefahr, dass negative Maßnahmen fortgeführt werden, warnt er vor der totalitären Überwachung der Bürger. "Die Polizei könnte sagen, wir müssen die Überwachung aufrechterhalten, weil es vielleicht eine zweite Welle geben könnte." Eine Gefahr sieht Harari außerdem für Gewerkschaften und Arbeitnehmerverbände, die in den vergangenen Jahren ohnehin schon unter Stress gestanden seien.

Überwachung sei derzeit notwendig, aber in zwei Richtungen, meint Harari: "In der Krise müssen wir die Menschen, die infiziert sind, überwachen, aber gleichzeitig müssen die Bürger die Regierung überwachen." Die Regierungen geben derzeit Milliarden aus und treffen sehr wichtige Entscheidungen, so Harari. Dabei sollten Medien und Bürger sorgfältig beobachten: Wer bekommt das Geld?

Vergleich mit Ungarn

"In Ungarn oder meinem Heimatland Israel sieht man den Aufstieg autoritärer Führer, die versuchen, aus dieser Krise einen Vorteil für sich herauszuschlagen und unter dem Deckmantel des Kampfes gegen die Epidemie ein autoritäres Regime zu gründen." In anderen Ländern sehe man das nicht. "Dort stützen sich die Regierungen auf die bereitwillige Kooperation der Bürger und informieren sie." Harari plädiert für den "demokratischen" Weg: "Ich denke, dass letztlich eine gut informierte und selbst motivierte Bevölkerung mit Epidemien viel besser umgehen kann als eine ignorante Bevölkerung."

Denn das Problem in Diktaturen sei, dass die meisten Bürger dem Regime nicht vertrauen, erklärt Harari. Wenn die Menschen den Angaben der Regierung nicht trauen, sei es sehr schwierig, die Epidemie zu bekämpfen. "In einer Notlage braucht man die Kooperation von allen 100 Prozent." "Populisten" wie US-Präsident Donald Trump hätten aber nur etwa die Hälfte der Bevölkerung hinter sich: Wenn es um die Umsetzung von Maßnahmen wie das soziale Distanzhalten gehe und die Hälfte der Bürger an den Worten des US-Präsidenten zweifle, sei das ein "Desaster".

In den USA sei zunächst viel zu wenig gegen die Krankheit getan worden. Harari sprach von "Missmanagement". In China, wo die Epidemie gestartet hatte und wo es deswegen keine Vorauswarnung gab, starben 3.300 Menschen an Covid-19. Die USA hätten China bei der Zahl der Infektionen bereits überholt. "Nun ist Amerika zuerst ('America first') bei den erkrankten Menschen", sagt Harari in Anspielung auf Trumps Wahlkampfslogan. Bald würde "America first" bei den Todeszahlen sein.

Trumps Wiederwahl in Gefahr

Die Pandemie hätte zusammen mit einer Wirtschaftskrise das Potenzial, Trumps Wiederwahl zu gefährden. "Sollte die Krise weiter andauern, besteht die Gefahr, dass er versuchen wird, die Wahl zu verschieben oder sie in Zweifel zu ziehen." Sollte die Krise bis November andauern und die Wahl dennoch stattfinden, könne Trump sie leicht anzweifeln, falls er nicht gewinnt - bei einer Briefwahl oder elektronischen Abstimmung könne theoretisch viel falsch laufen. Man sehe schon jetzt, dass der US-Präsident die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschuldige, "um einen Sündenbock zu finden und die Verantwortung abzuschieben".

"Die EU macht es ein bisschen besser als die USA", urteilt der Historiker. Es sei ein "Moment der Wahrheit" für die EU. "Wenn jedes Land auf sich selbst gestellt ist, ohne jegliche Solidarität und Kooperation, könnte das das Ende der Europäischen Union sein. Denn die Menschen würden erkennen, dass sie (die EU, Anm.) in der Krise nichts tut." Wenn aber die EU hilfreich sei, also wenn sie ein Wirtschaftsprogramm habe, einen gemeinsamen Plan zu Produktion, Kauf und Verteilung von medizinischer Ausrüstung sowie Informationen unter den Mitgliedern teile, dann könne das Gegenteil eintreten. "Und die EU könnte aus dieser Krise gestärkt hervortreten. Es könnte sogar zu einer Revision des Brexit kommen, wenn Großbritannien die Vorteile der EU in Krisenzeiten erkennt."

Bis jetzt habe er von der EU noch wenig gesehen, aber es gebe einige positive Ansätze. Harari nannte die gemeinsame Beschaffung von Medizinausrüstung wie Beatmungsgeräten, Test-Kits, Handschuhen und Gesichtsmasken. Er sprach auch Fälle an, in denen Corona-Patienten zur Behandlung in anderen EU-Ländern aufgenommen wurden. Das wichtigste sei jedoch der Informationsaustausch über das Virus selbst, aber auch über wirksame und unwirksame Behandlungsmethoden sowie Exit-Strategien, wie man die Schließungen und Isolierungen wieder zurückfahren könne. "Man muss nicht immer wieder die gleichen Fehler wiederholen."

Die Hauptreaktion auf die Pandemie sei eine Mischung aus Ärger und Hoffnung, so Harari. Ärger würde aufkommen, wenn die Krise länger anhalte, Menschen in hoher Zahl sterben und die wirtschaftlichen Verluste groß seien. Gleichzeitig gebe es Hoffnung, dass die Wissenschafter in die Lage kommen, die Verbreitung der Krankheit zu stoppen und Medizin oder einen Impfstoff zu entwickeln. "Wir haben Wissenschaft und Technologie, um die Pandemie zu überwinden. Wir sind nicht hilflos wie im Mittelalter", sagt Harari unter Verweis auf die Pest. Gleichzeitig sei im Vergleich die Erwartung, dass die Regierung die Krise lösen könne, sehr hoch. Im 17. Jahrhundert dagegen habe das niemand vom König erwartet. Die Pest sei als gottgegeben hingenommen worden.


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schadstoffarm
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Die Bücher sind lässig

Aber die apa Interviews und wirtschaftskammerauftritte eher No na. Erzählt halt was man hören will.

carlottina22
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Find ich auch,

dass seine Bücher sehr gut sind. Die zweite Sache möchte ich nicht unterschreiben, denn sehr viele möchten aber schon gar nichts davon hören, was er sagt. Wenn es zum Beispiel um Kontrollmechanismen und staatliche Überwachung als Negativbeispiel geht, bin ich mir sicher, dass so einigen dies sehr sauer aufstößt.

Gedankenspiele
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Man kann auf die EU schimpfen so viel man will.

Im Jänner (!!!) aber wollte die EU eine gemeinsame Aktion der Mitgliedsländer starten, wonach gemeinsam Schutzausrüstung für medizinisches Personal und Bevölkerung beschafft hätte werden sollen.
Die Mitgliedsländer, darunter auch dezidiert Österreich, waren dagegen!
Im Jänner war der österreichische Kanzler auch noch vollständig damit beschäftigt herauszufinden, inwieweit die österr. Justiz "rot-durchsetzt" ist.

autobahn1
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Hört hört

Gegen Orban und Ungarn hat ein Großteil der EU Länder mit Recht Stimmung gemacht,aber es hat den Anschein Israel darf alles,wo bleibt der Aufschrei!

Isidor9
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Antisemitische Reflexe

Das hat ja kommen müssen. Die obsessiven Antisemiten kriechen aus ihren Löchern und nutzen jede noch so absurde Gelegenheit um auf das einzig demokratische Land im islamistischen Horrorumfeld hinzuhacken. Kritik an den Terrororganisationen Hamas ? Kritik am Massenmörder Assad? Kritik an der Terrorbande Islamischer Dschìhad, oder Hisbholla? Fehlanzeige. Israel ist schuld! Wie widerlich ist denn das!

schandopr
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hört, hört

klingt aber sehr antisemitisch! Bitte nicht in diese Richtung. Wir leben auf einem Kugerl, das wir Erde nennen, sollten dankbar sein für das Geschenk (!) Leben und zusammenwachsen und nicht von Anbeginn wie bis in die Gegenwart sich immer nur die Köpfe einschlagen wollen. Das tun nicht einmal die Tiere und wir bezeichnen uns als Vernunft - begabt, dabei dauern die gegenwärtigen Kriege schon wieder Jahrzehnte. Wir haben aus dem 100 und 30 jährigen anscheinend nichts gelernt. Es ist sicher nicht verboten, sich positiv in die Gebarung so mancher Länder einzumischen, wenn sie schon unser Geld bekommen.

KarlZoech
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Danke für diesen sehr beachtenswerten Artikel mit der Analyse von Professor Harari!

Solche Artikel, solche Interviews, machen die "Kleine" lesenswert!
Gut auch, dass im Artikel gleich auch der Link zu seiner persönlichen Webseite ist.

ChihuahuaWelpe56
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Viel wichtiger ist seine Nachricht, dass er diktatorische Züge in vielen Ländern sieht!

Schade dass solche Aussagen nicht diese Schlagzeile schmückt.

GanzObjektivGesehen
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Ja, leider klappt es mit der direkten Demokratie nicht wirklich.

Aber neben den diktatorischen gibt es auch soziale, demokratische, kommunistische Züge in diesen Ländern und Freiheiten die es in einer Diktatur nicht gibt. Es geht uns gut - noch. Wehret den Anfängen!

Mezgolits
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Harari plädiert für den "demokratischen" Weg:

Ich meine: Jawohl - so wie ich und MEINE
Arbeitsweise: Keine Demostrationen + keine
Streiks + keine Plakate + keine Falsch-Infor-
mationen - NUR offenkundige Tatsachen ver-
öffentlichen + überfällige Gerichts-Anzeigen.
Stefan Mezgolits, selbst finanzierter Erfinder