Am 12. Mai 2022 wäre sie 19 Jahre alt – doch die Spur verlor sich heute vor 15 Jahren, als sie noch nicht einmal die Grundschule besuchte: Am 3. Mai 2007 verschwindet Madeleine "Maddie" McCann aus einer Ferienwohnung in Praia da Luz an der Algarve im Süden Portugals.

Für Kate und Gerry McCann, ein Ärztepaar aus der mittelenglischen Grafschaft Leicestershire, wird ein Horrorszenario aller Eltern Realität: Sie essen am Abend, an dem Maddie verschwindet, mit befreundeten Paaren in einem Restaurant der Ferienanlage, bis die Mutter das Verschwinden der damals knapp Vierjährigen aus dem Appartement bemerkt. "Die Tür stand offen, das Fenster war beschädigt, die Fensterläden waren aufgerissen, Maddie fehlte", beschreibt die Schwester von Gerry McCann die Szene vor Ort.

Monumentale, ergebnislose Suchaktion

Kurz nach der Vermisstenmeldung beginnt die Suche nach dem Mädchen, die mehr oder weniger bis zum heutigen Tag anhält. Zuerst führt die regionale Polizei von Pannen begleitete Ermittlungen, es folgen nationale und internationale Suchkampagnen, die von Prominenten wie David Beckham unterstützt werden. Ein schottischer Geschäftsmann bietet 1,5 Millionen Euro für Hinweise, die zu Maddie führen – eine Summe, die unter anderem von der Autorin Joanne K. Rowling noch erhöht wird.

Maddies Eltern Kate und Gerry McCann mit einer Fotomontage, das ihr Kind mit 9 Jahren zeigt
Maddies Eltern Kate und Gerry McCann mit einer Fotomontage, das ihr Kind mit 9 Jahren zeigt
© (c) Imago Images/i Images

Zeitungen bringen das Gesicht des Mädchens formatfüllend auf ihren Titelseiten. Auf Zeit ist die Suche nationales Anliegen, Großbritannien fiebert mit. Der Fall wird aber zur Hexenjagd, ohne für die Justiz greifbare Substanz: Vermeintlich heiße Hinweise führen ins Nichts – dafür werden die Eltern der Verschwundenen zunehmend kritisch gesehen: Ihre mediale Inszenierung sei ungewöhnlich, werfe Fragen auf. Zudem wird bezweifelt, ob es bei einem dunkelhäutigen Kind aus armer Familie ein derart lange anhaltendes Interesse von Behörden und Medien gegeben hätte.

Portugiesische Ermittler vermuten sogar, Maddie sei – versehentlich – von ihren eigenen Eltern getötet worden, ihre Leiche zeitnah "entsorgt" worden. Auch dafür gibt es keine Beweise. 2008 stellt die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen ein: Die McCanns und ein für kurze Zeit tatverdächtiger Brite gelten nicht mehr als suspekt. Gerry McCann hält dazu energisch fest: "Wir haben mit dem Verschwinden unserer geliebten Tochter absolut nichts zu tun."

Deutscher offenbar vor Anklage

2020 tritt dann ein heute 45-jähriger Deutscher, der vor der deutschen Justiz nach Portugal floh und über Jahre ein unstetes Dasein in Praia da Luz führte, in den Fokus. Deutsche Ermittler gehen davon aus, dass Christian B. Maddie entführte und tötete. Portugals Behörden führen ihn als Verdächtigen bzw. "Arguido" ("Angeklagter"). Er sitzt derzeit wegen einer Vergewaltigung 2005 in Portugal ein. Was das Verschwinden der Britin betrifft, fehlt eine geschlossene Beweiskette. Hans Christian Wolters von der Staatsanwaltschaft Braunschweig hielt fest, dass ein Ende der Untersuchungen derzeit nicht absehbar sei. Eine Anklage von B. noch im Sommer scheint aber möglich.

Maddies Eltern mussten das Gros der Hoffnung, ihre Tochter lebend wiederzusehen, aufgeben: Der damalige portugiesische Chefinspektor Olegario Sousa ortete bereits "Hinweisen für einen möglichen Tod des Kindes". Die Qual der Ungewissheit aber bleibt Begleiter: "Menschen sprechen davon, dass es notwendig ist, abzuschließen. Welch befremdlicher Begriff! Unabhängig vom Ausgang wird Madeleine immer unsere Tochter sein – und ein schreckliches Verbrechen wurde begangen. Wissen und Gewissheit geben Kraft und daher ist unser Bedürfnis nach Antworten, nach der Wahrheit, wesentlich", schreiben Maddies Eltern nun auf www.findmadeleine.com.

Auch das Twitterkonto "FindMadeleine" bleibe aktiv, "so lange es dauert".