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Vergiftung mit NervengiftNawalny-Stiftung: Nur Staat kann Nowitschok einsetzen

Der russische Regierungskritiker Alexej Nawalny ist nach Untersuchungen eines Speziallabors der deutschen Bundeswehr mit dem chemischen Nervenkampfstoff Nowitschok vergiftet worden. Die Labortests hätten den "zweifelsfreien Nachweis" darüber erbracht, teilte die deutsche Regierung am Mittwoch mit.

 

Der Direktor der Anti-Korruptions-Stiftung FBK von Kreml-Kritiker Alexej Nawalny hat den russischen Staat für die Vergiftung des Oppositionellen durch einen chemischem Nervenkampfstoff verantwortlich gemacht. "Nur der Staat kann Nowitschok einsetzen", schrieb Iwan Schadnow am Mittwoch auf Twitter. Das stünde "ohne jeden Zweifel" fest.

Die deutsche Regierung hatte zuvor erklärt, dass in Nawalnys Körper eine Substanz der sogenannten Nowitschok-Gruppe nachgewiesen wurde. Schadnow zufolge könnten der russische Geheimdienst FSB und der Militärgeheimdienst GRU eine solche Tat ausführen. In einem Radiointerview sagte er, dass der Einsatz eines "chemischen Kampfstoffs" deutlich mache, dass der Angriff vom Staat organisiert wurde. "Deshalb fordern wir natürlich die Einleitung eines Strafverfahrens und eine normale Untersuchung aller Umstände der Vergiftung."

Erst Skripal, jetzt Nawalny: Das Nervengift Nowitschok

Sein Name klingt harmlos, doch Nowitschok (zu deutsch Neuling) gilt als einer der tödlichsten je erfundenen Kampfstoffe. Nachdem im Jahr 2018 der frühere russische Doppelagent Sergej Skripal damit vergiftet wurde, hat es nun auch bei dem Kremlkritiker Alexej Nawalny einen "zweifelsfreien Nachweis" von Nowitschok gegeben, so die deutsche Regierung.

Entwickelt wurde die Serie von Nervengiften in den 1970er und 80er-Jahren von sowjetischen Forschern - im Geheimen, um internationale Verbote zu umgehen. Zu Nowitschok sind nur wenige Details bekannt. Vermutlich besteht es aus zwei an sich ungiftigen Komponenten, die ihre tödliche Gefahr erst beim Mischen entfalten. Das Relikt aus dem Kalten Krieg soll fünf bis zehn Mal stärker wirken als der chemische Kampfstoff VX. Mit diesem war im Februar 2017 der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un in Malaysia ermordet worden.

Nowitschok, das oft in Form eines extrem feinen Pulvers Verwendung findet, gelangt über die Haut oder die Atemwege in den Körper und führt meist binnen weniger Stunden zum Erstickungstod. Das Gift ist nur schwer nachzuweisen, die Überlebenschancen sind gering. Selbst bei Vergiftungen dieser Art übliche Gegenmittel wie Atropin können meist nur wenig ausrichten.

Nervengifte sind Kampfstoffe, welche die Nervensysteme angreifen - insbesondere die Enzyme, die für die Kommunikation mit den Muskeln zuständig sind. So lösen sie zunächst Verkrampfungen aus, dann Lähmungen und können zum Tod durch Ersticken oder Herzversagen führen.

Der russische Chemiker Wil Mirsajanow, der 1995 in die USA auswanderte, machte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Öffentlichkeit auf die Existenz des geheimen Nowitschok-Programms aufmerksam. Auf den Fall Skripal angesprochen sagte er im März 2018, seines Wissens seien der ehemalige Doppelagent und seine Tochter die ersten Menschen, gegen die das Nervengift eingesetzt worden sei.

Der russische Wissenschafter Leonid Rink, der laut staatlichen Medien an einem von der Regierung unterstützten Programm zur Entwicklung von Nowitschok gearbeitet haben soll, wies dagegen die Möglichkeit eines Nowitschok-Einsatzes bei Nawalny zurück. Wäre die Substanz bei dem Oppositionellen eingesetzt worden, wäre dieser tot und nicht im Koma, sagte Rink der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Nowosti.

Merkel: Nawalny sollte zum Schweigen gebracht werden

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich bestürzt über die Untersuchungsergebnisse im Fall des russischen Regierungskritikers Alexej Nawalny gezeigt. Es sei sicher, dass dieser "Opfer eines Verbrechens" geworden sei, sagt Merkel am Mittwoch in Berlin. "Er sollte zum Schweigen gebracht werden."

Bei ihm sei eindeutig ein chemischer Nervenkampfstoff nachgewiesen worden, sagte die deutsche Kanzlerin. "Wir erwarten, dass die russische Regierung sich zu diesem Vorgang erklärt", sagte Merkel. "Es stellen sich jetzt sehr schwerwiegende Fragen, die nur die russische Regierung beantworten kann und beantworten muss."

Das Untersuchungsergebnis könnte die ohnehin schon schwer angeschlagenen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland sowie anderen westlichen Staaten noch einmal massiv erschüttern. Ein Nervengift der Nowitschok-Gruppe wurde auch bei der Vergiftung des ehemaligen russischen Doppelspions Sergej Skripal und seiner Tochter Julia im britischen Salisbury 2018 verwendet. Die beiden überlebten nur knapp.

Russische Diplomaten aus westlichen Staaten ausgewiesen

Als Reaktion hatten zahlreiche westliche Staaten russische Diplomaten ausgewiesen. Auch diesmal strebt die deutsche Regierung ein abgestimmtes Vorgehen der westlichen Verbündeten an. Das machten der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth, und Verteidigungs- Staatssekretär Gerd Hoofe in einer gemeinsamen Unterrichtung von Bundestagsabgeordneten nach Teilnehmerangaben deutlich.

Das deutsche Auswärtige Amt will den Botschafter Russlands über die Untersuchungsergebnisse unterrichten. "Ferner wird die Bundesregierung mit der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW) Kontakt aufnehmen", erklärte Seibert.

In einer ersten Reaktion sagte ein Sprecher des russischen Präsidialamtes, die Regierung in Moskau sei über die Erkenntnisse in Deutschland nicht informiert worden. Nawalny wird seit dem 22. August in der Berliner Charite behandelt. Der Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin war am 20. August auf einem Inlandsflug in zusammengebrochen. Zunächst wurde er im sibirischen Omsk behandelt, bevor er nach Deutschland geflogen wurde. Russische Ärzte hatten erklärt, dass sie keine Hinweise auf eine Vergiftung gefunden hätten. Die Charite teilte wenige Tage nach Nawalnys Eintreffen dagegen mit, dass sie Spuren von Gift in dessen Körper festgestellt habe.

Am vergangenen Freitag erklärte die Charite, dass sich die Vergiftungssymptome bei Nawalny zurückbildeten. Sein Zustand sei stabil, er befinde sich weiter auf einer Intensivstation im künstlichen Koma und werde maschinell beatmet. Akute Lebensgefahr bestehe nicht, Langzeitfolgen der "schweren Vergiftung des Patienten" seien aber nicht absehbar.

Russland sah keinen Anlass für Ermittlungen

Russische Sicherheitsbehörden haben dennoch bisher erklärt, sie sähen keinen Anlass für Ermittlungen. Anzeichen für eine Straftat gebe es nicht. Allerdings kontaktierte der Moskauer Generalstaatsanwalt am 27. August das Bundesamt für Justiz, um Informationen in dem Fall einzuholen, wie ein Sprecher des deutschen Justizministeriums in Berlin am Mittwoch bestätigte. Weitere Angaben wollte der Sprecher nicht machen. Einem Bericht der russischen Zeitung "RBC" zufolge wollten die russischen Behörden Auskunft über die Behandlung Nawalnys, Ergebnisse von Blut- und Urintests sowie Erkenntnisse über Stoffe, die dabei gefunden worden seien.

Merkel beriet sich mit Scholz und Maas

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel habe sich mit Finanzminister Olaf Scholz, Außenminister Heiko Maas, Innenminister Horst Seehofer, Justizministerin Christine Lambrecht, Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer sowie dem Chef des Bundeskanzleramts, Helge Braun, zu Mittag beraten und weitere Schritte abgestimmt, erklärte Seibert weiter. Auch die Fraktionen des Bundestages würden nun unterrichtet. Merkel wollte sich am späteren Nachmittag (17.30 Uhr) in Berlin in einer Pressekonferenz äußern. "Wir hoffen auf eine vollständige Genesung von Alexej Nawalny", erklärte Seibert.

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Guccighost
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Oft denk ich mir

was soll uns dass kümmern die sollen machen was sie wollen.
Muss der Westen sich in die Politik andere Länder einmischen?

berndhoedl
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und wieder einmal glauben sofort die Menschen was einem eingetrichtert wird...

ja, der böse Putin war es....
Wenn ein ehemaliger Geheimdienstchef und jetziger Präsident Russlands jemanden weg haben will, dann würde der wegsein.

Und wenn einer der mächtigsten Geheimdienste der Welt jemanden zum schweigen bringen möchte, dann schweigt der für immer, aber ist dann nicht in DE im Spital....und wird von Putin kritischen Regierungen als Beispiel genommen - wie „arg“ der russische Präsident denn wäre.

In Wahrheit nur politisches Geplänkel, weil am Ende des Tages ist ein dt. exKanzler sehr eng verbunden mit Russland und alle in der EU kaufen gerne das russische Öl und Gas...

schadstoffarm
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Danke für die tiefen Einsichten

in russische Geheimdienste. Die sind hochprofessionell und leaken Observationsergebnisse an Superillu und Blick.

Mezgolits
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Sanktionen

Vielen Dank - ich meine: Jawohl und ich empfehle der EU: Ab sofort,
Russland kein Erdgas, Erdöl und Kohle abzukaufen. Erfinder M.

Guccighost
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wenn das

alles so einfach wäre

joektn
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Tja

Vielleicht ist es genau das was manche wollen? Sanktionen gegen Russland damit man doch teures US Fracking Gas bestellt oder eben auch Nord Stream 2 nicht vollendet. Also es gibt mehr als genügend westliche Länder (allen voran die USA und die CIA) die großes Interesse daran haben, dass es weitere Sanktionen gegen Russland gibt. Man muss sich nur fragen wer profitiert durch so einen Vorfall? Wenn die russische Regierung jemanden "entfernen" will, dann würden sie es auch richtig machen, ohne dass das international auffällt.

GordonKelz
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PUTIN sollte nur aufpassen...

..den Geist den er damit gerufen, eines Tages nicht selbst ereilt....!
Gordon Kelz

GordonKelz
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VERBRECHER DER ÜBELSTEN SORTE...

...werden von Putin beschützt!
Wer sonst hatte Gründe Nawalny zu entsorgen?
Gordon Kelz

joektn
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Da gibt es viele

Der FSB ist einer der gefährlichsten und besten Geheimdienste der Welt und hätte zig Methoden jemanden unauffällig zu beseitigen ohne dass es jemand bemerkt. Wieso sollte man es also wiederholt (!) so offensichtlich machen, dass es erstens nachweisbar ist, Rückschlüsse möglich sind und so umsetzen dass der Gegner dann doch überlebt? Das ist unlogisch für so einen relativ kleinen Gegner Putins (hätte ca 1,7% der Stimmen bei Wahlen). So dumm ist nicht einmal Putin.
Wem nützt es? China? Trump? Der CIA?

tenke
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Da haben die Russen den Transport nach D.

wohl doch nicht lange genug hinausgezögert. Solches Vorgehen MUSS Konsequenzen für Russland haben, in welcher Weise auch immer! Kranke Welt.

GordonKelz
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Konsequenzen...?

Für politische Verbrecher gibt es selten genug Konsequenzen...!
Gordon Kelz

hfg
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Bei aller Tragik

dieses Verbrechens - ist es mir unverständlich das man so eine komplizierte Variante wählt um jemanden zu töten. Es gibt doch leider wesentlich einfachere Methoden die nicht nach zu verfolgen sind und wesentlich weniger Schlagzeilen verursachen. Ob bei dieser Geschichte alles stimmt bezweifle ich.

scionescio
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@hfg: lies den Kommentar von @schadstoffarm ...

... der diktatorische Kremlzwerg und Kriegstreiber macht das ganz bewusst zur Abschreckung und demonstriert auch, wie sehr er auf den Westen pfeift- Leider!
Ein paar belanglose Protestnoten tun nicht weh, solange Nordstream weitergebaut wird ...

GordonKelz
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Ach ja ....

Willst Du denen noch Tipps geben...?
Gordon Kelz

joektn
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Hmm

Der FSB einer der gefährlichsten Geheimdienste der Welt kann auch nur so Töten das man das perfekt nach Russland zurück verfolgen kann...

schadstoffarm
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....?

Vielleicht sollte das Berufsbild des oppositionspolitikers unattraktiver gestaltetet werden? Mit einem Herztod oder Verkehrsunfall erreichst das nicht. Jeder weiß dass das was die skripals, litwinenkows, politkowskajas, nemzows, nawalny usw. Usf. Der Gesundheit sehr abträglich ist.