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Gewalttat in HanauTodesschütze suchte per Mail bei Niederösterreicher um Hilfe

Im hessischen Hanau starben Mittwochnacht elf Menschen, darunter der mutmaßliche Täter und seine Mutter, die tot in einer Wohnung aufgefunden wurden. Hessens Innenminister bestätigte am Vormittag den Verdacht auf rechten Terror. Der Täter hatte auch E-Mail-Kontakt mit einem Niederösterreicher.

Trauer und Bestürzung in Hanau © (c) AP (Martin Meissner)
 

Nach der Gewalttat in Hanau mit mehreren Toten hat der hessische Innenminister Peter Beuth am Donnerstag einen mutmaßlichen rechtsextremen Hintergrund der Tat bestätigt. "Nach unseren jetzigen Erkenntnissen ist ein fremdenfeindliches Motiv durchaus gegeben", sagt der CDU-Politiker am Donnerstag. Darauf deute etwa eine Homepage hin, aus der sich ein mutmaßlicher rechter Hintergrund ergebe. Die deutsche Bundesanwaltschaft will um 15.00 Uhr eine Erklärung zu dem Anschlag abgeben

Kontakt mit Österreicher

Der mutmaßliche Todesschütze Tobias R. soll Mail-Kontakt mit einem Niederösterreicher gehabt haben. In einem 24-seitigen Manifest schrieb der Deutsche über einen österreichischen Staatsbürger, der ihm empfohlen wurde, nachdem er sich selbst "in den Fängen einer Geheimorganisation" gesehen hatte. Der Mann aus dem Bezirk Neunkirchen bestätigte den Mail-Austausch am Donnerstag den "NÖN".

Auf Seite 17 des Manifests schrieb demnach der Deutsche von mehreren Versuchen, Anzeige wegen illegaler Überwachung zu erstatten. In der Zeit nach dem Jänner 2002 habe er festgestellt, "dass ich bereits mein ganzes Leben in den Fängen einer Geheimorganisation war". 2019 habe er sich an verschiedene Privatermittler gewendet und Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft Hanau sowie beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe eingebracht.

"Das bestmögliche Ergebnis war, dass ein Privatermittler" ihm ein Parapsychologisches-Institut in Österreich empfahl, an dass er sich wenden solle. "Doch dieser Herr ... schrieb mir ein paar Wochen später, dass er mit nicht weiterhelfen könne", hielt der 43-Jährige fest.

"Ich bin nur froh, dass ich mich nicht näher auf die wirren Dinge und den Mann eingelassen habe", sagte der Niederösterreicher, der in dem Manifest namentlich genannt wird, den "NÖN" ("Niederösterreichische Nachrichten"). Er habe dem Deutschen klar gemacht habe, dass er ihm nicht helfen könne. "Ich habe in seiner ersten Mail gleich erkannt, dass er nicht alle Tassen im Schrank hat und ihm gar nicht zurückgeschrieben. Allerdings hat er keine Ruhe gegeben und nicht locker gelassen", betonte der Mann aus dem Bezirk Neunkirchen. Der letzte Mail-Kontakt stamme vom 6. Jänner.

Täter ist 43-Jähriger aus Hanau

Der 43-jährige Todesschütze aus Hanau war legal im Besitz einer Waffe und Sportschütze. Er war zuvor nicht im Visier der Ermittler gewesen. Der Mann sei weder als fremdenfeindlich bekannt gewesen noch polizeilich in Erscheinung getreten, sagte Beuth im Wiesbadener Landtag. Er habe wohl allein gehandelt. "Bislang liegen keine Hinweise auf weitere Täter vor." Beuth verurteilte die Tat: "Es ist ein Anschlag auf unsere freie und friedliche Gesellschaft."

Nach der Tat sei der mutmaßliche Täter tot zuhause aufgefunden worden. Die Ermittler gehen demnach davon aus, dass der Mann seine 72-jährige Mutter und sich selbst erschossen hat. "Beide wiesen Schussverletzungen auf, die Tatwaffe wurde bei dem mutmaßlichen Täter gefunden."

In der Nacht auf Donnerstag hatte der 43-Jährige zunächst neun Menschen getötet. Stunden nach dem Verbrechen an zwei unterschiedlichen Tatorten entdeckte die Polizei die Leiche des mutmaßlichen Todesschützen in seiner Wohnung in Hanau - dort fanden Spezialkräfte auch die tote Mutter.

Insgesamt kamen damit elf Menschen am Mittwochabend und in der Nacht zum Donnerstag ums Leben. Noch in der Nacht übernahm der Generalbundesanwalt die Ermittlungen wegen der besonderen Bedeutung des Falls.

Krude Botschaften auf Youtube, Bekennerschreiben

Wenige Tage vor dem Verbrechen hatte der mutmaßliche Täter nach Informationen aus Sicherheitskreisen ein Video bei Youtube veröffentlicht. In diesem Video spricht der Mann in fließendem Englisch von einer "persönlichen Botschaft an alle Amerikaner". Der Clip, der am Donnerstagmorgen weiter im Internet zu sehen war, wurde offensichtlich in einer Privatwohnung aufgenommen, ins Netz gestellt wurde er vor wenigen Tagen.

Darin sagt der Mann, in den USA existierten unterirdische Militäreinrichtungen, in denen Kinder misshandelt und getötet würden. Dort würde auch dem Teufel gehuldigt. Amerikanische Staatsbürger sollten aufwachen und gegen diese Zustände "jetzt kämpfen". Ein Hinweis auf eine bevorstehende eigene Gewalttat in Deutschland ist in dem Video nicht enthalten. Er behauptet auch, Deutschland werde von einem Geheimdienst gesteuert. Außerdem äußert er sich negativ über Migranten aus arabischen Ländern und der Türkei.

"Incel"

Zudem hat der Täter ein 24 Seiten umfassendes Bekennerschreiben hinterlassen. Terror-Experte Peter Neumann analysierte das "Manifest" für die Bild-Zeitung. "Es ist sehr wirr, es werden viele Verschwörungstheorien artikuliert, aber das, was politisch drinnen ist, das ist vor allem rechts", so der Experte in einem Video. Der Mann soll nicht nur Ausländer, sondern auch Frauen gehasst haben. Er soll ein sogenannter "Incel" gewesen sein. "Incel" ist die Selbstbezeichnung einer in den USA entstandenen Internet-Subkultur, von überwiegend weißen, heterosexuellen Männern, die nach Eigenaussage unfreiwillig keinen Geschlechtsverkehr haben und der Ideologie einer hegemonialen Männlichkeit anhängen. Überzeugungen und Gefühle, die Incels ausdrücken, sind geprägt von Misogynie, dem Anspruch, ein Recht auf Sex zu haben, Selbstmitleid und der Billigung und Anwendung von Gewalt gegen Frauen und sexuell aktiven Männern. 

Stadt im Ausnahmezustand

Die ersten Schüsse fielen den Ermittlern zufolge am Mittwochabend gegen 22.00 Uhr. Am Heumarkt in der Hanauer Innenstadt blicken Passanten später in der Nacht immer wieder fassungslos auf die Szenerie am abgesperrten Tatort. Nicht weit entfernt in einer Seitenstraße liegen Patronenhülsen auf dem Fußweg.

Nur rund zwei Kilometer davon entfernt im Stadtteil Kesselstadt befindet sich ein weiterer Tatort. Dort wurden ebenfalls Schüsse abgefeuert. Eine mögliche dritte Gewalttat im Stadtteil Lamboy bestätigte sich nicht. Die Polizei war aber auch dort mit einem Großaufgebot vor Ort.

Es ist ein Verbrechen, das die beschauliche und nur wenige Kilometer östlich von Frankfurt gelegene Stadt in ihrer jüngeren Geschichte noch nicht erlebt hat. Einer der Tatorte ist eine Shisha-Bar am Heumarkt, einer Straße, die etwas am Rande der Innenstadt von Hanau mit seinen rund 100.000 Einwohnern liegt. Es ist eine Gegend mit Spielhallen, Wettlokalen und Döner-Imbissbuden - und am späten Mittwochabend auch Polizeisirenen, Blaulicht und Absperrband.

Der zweite Tatort ist fast in Gehweite, mit dem Auto sind es bis dahin nur etwa fünf Minuten. Der Kurt-Schumacher-Platz liegt in einem Wohnviertel. Dort befindet sich im Erdgeschoß eines Wohnblocks eine Art Kiosk, mit der Aufschrift "24/7 Kiosk" auf der großen Glasscheibe, auf einem Reklame-Leuchtschild steht "Arena Bar & Café". Der Blick ins Innere ist versperrt, die Scheiben sind teils halbhoch mit orangefarbener Folie beklebt.

Im Schockzustand

Ein 24-Jähriger, der nach eigenen Angaben der Sohn des Kioskbesitzers ist, erzählt, er sei bei der Tat nicht vor Ort gewesen - sein Vater auch nicht, wie er erst später erfahren habe. Als er von den Schüssen gehört habe, sei er sofort hergekommen. "Ich habe erstmal einen Schock bekommen." Die Opfer seien Leute, "die wir jahrelang kennen". Es seien zwei Mitarbeiter und eine Person, die er schon von klein auf kenne. Wer verübt solch ein Verbrechen? Der 24-Jährige ist ratlos: "Wir kennen sowas nicht, wir sind auch nicht mit Leuten zerstritten. Wir können es uns gar nicht vorstellen. Es war ein Schock für alle.

Opfer mit Migrationshintergrund

Die Ermittlungen zur Identität der Opfer und dauerten noch an, hieß es von der Polizei. Unter den Todesopfern sind nach ersten Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden viele Menschen mit Migrationshintergrund. Medienberichten zufolge sollen mehrere Opfer kurdischer Abstammung sein. Eines der Opfer soll eine 35-jährige Schwangere sein, die Mutter von zwei Kindern ist.

Nach einem Bericht der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu sollen auch fünf türkische Staatsbürger unter den Opfern sein. Die staatliche Nachrichtenagentur berief sich am Donnerstag auf den türkischen Botschafter in Berlin Ali Kemal Aydin.

Hessen: Rassistischer Terror

Schüsse in der hessischen Kleinstadt Hanau haben am Mittwochabend elf Todesopfer gefordert. Unter den Toten ist auch der Schütze.

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Am Vormittag bestätigte der hessische Innenminister Peter Beuth den Terrorverdacht.

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Trauer und Bestürzung

Die Bestürzung unter den Einwohnern der Kleinstadt ist groß. Um 18 Uhr soll es auf dem Marktplatz von Hanau ein öffentliches Gedenken geben. Im Rathaus wird ein Kondolenzbuch aufgelegt.

>>>Statement von Angela Merkel: "Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift"

"Die Gedanken sind heute morgen bei den Menschen in #Hanau, in deren Mitte ein entsetzliches Verbrechen begangen wurde. Tiefe Anteilnahme gilt den betroffenen Familien, die um ihre Toten trauern. Mit den Verletzten hoffen wir, dass sie bald wieder gesund werden" schrieb der Regierungssprecher der deutschen Bundesregierung Steffen Seibert auf Twitter.

Auch der Hanauer Bürgermeister Claus Kaminsky (SPD) zeigt sich in einer Sondersendung von "Bild live" erschüttert über die Gewalttaten. "Das war ein furchtbarer Abend, der wird uns sicherlich noch lange, lange beschäftigen und in trauriger Erinnerung bleiben."

Der deutsche Außenminister Heiko Maas drückt den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus. "Die schrecklichen Ereignisse in #Hanau schmerzen uns alle", twittert der SPD-Politiker. "Nach dieser grausamen Nacht sind unsere Gedanken bei den Toten, ihren Familien und Angehörigen. Wir hoffen mit den Verletzten, dass sie bald wieder gesund werden."

SPD-Chefin Saskia Esken äußerte sich ebenfalls entsetzt und sprach auf Twitter von "rechtem Terror".

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat indes einen geplanten Besuch in Halle in Sachsen-Anhalt abgesagt. Das teilte Regierungssprecher Steffen Seibert am Donnerstag im Internetdienst Twitter mit. "Die Bundeskanzlerin lässt sich fortlaufend über den Stand der Ermittlungen in Hanau unterrichten", schrieb Seibert weiter.

Merkel hatte in Halle die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina besuchen wollen. Diesen Termin wird nun laut Seibert der Kanzleramts-Staatssekretär Henrik Hoppenstedt (CDU) wahrnehmen. Bei der Tat in Hanau waren laut Polizei mindestens elf Menschen umgekommen. Die Generalbundesanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen.

Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland gab sich angesichts der Bluttat erschüttert:

Ebenfalls erschüttert zeigte sich Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). "Das ist furchtbar", sagte Bouffier am Donnerstag in Wiesbaden. Diese Tat mache "im Grunde sprachlos". Alle Bürger in Hessen seien "entsetzt". An Spekulationen zu den Hintergründen der Tat wolle er sich nicht beteiligen.

Die vier großen Islamverbände in Deutschland haben nach der Gewalttat mehr Engagement im Kampf gegen rechten Terror gefordert. Die Gewalt habe sich gegen Migranten als Zielgruppe gerichtet, betonte der Koordinationsrat der Muslime (KRM) am Donnerstag in Köln.

Der KRM betonte, man verlange schon seit Monaten, "gegen die rechte Hetze und gegen Islamfeindlichkeit deutlich Stellung zu beziehen." Der Terror bedrohe alle. Die Politik habe das Problem rechter Gewalt unterschätzt. Alle Akteure der Gesellschaft sollten ein Zeichen der Solidarität mit den Opfern rechter Angriffe setzen, mahnte der Zusammenschluss von Türkisch-Islamischer Union Ditib, Zentralrat der Muslime, Islamrat IRD und Kulturzentrenverband VIKZ. "Es ist jetzt die Zeit, zusammenzurücken und zusammenzustehen."

Die Türkische Gemeinde in Deutschland fordert, dass sich die Sicherheitsbehörden voll und dauerhaft auf den Rechtsextremismus konzentrieren. "Dieser Terror ist kein "Angriff auf uns alle", er trifft gezielt bestimmte Menschen, aus rassistischen Motiven", erklärte die Gemeinde am Donnerstag. "Echte Solidarität bedeutet, das anzuerkennen."

Die Türkische Gemeinde kritisierte auch Politiker, die durch eine achtlose Wortwahl Motive für Gewalttaten lieferten und Rassismus den Boden bereiteten. "Zuerst verschieben sich die Grenzen des Sagbaren, dann kommt die Gewalt."

Die Medien forderte der Verband auf, "mit Namen, Geschichten und Mitgefühl" über die Opfer zu berichten - ähnlich wie beim tödlichen Attentat auf den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. "Wie viele Menschen müssen noch sterben, bis wir erkennen, dass Rassismus der Vater der Probleme in diesem Land ist?", fragte die Türkische Gemeinde.

"Das ist weder rechter noch linker Terror, das ist die wahnhafte Tat eines Irren", twitterte indessen der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen. "Jede Form politischer Instrumentalisierung dieser schrecklichen Tat ist ein zynischer Fehlgriff."

>>>Mehr Reaktionen aus ganz Europa

Das Video eines Nachbarn zeigt den Polizeieinsatz:

Mehrere Tote durch Schüsse im deutschen Hanau

Drohmail mit rechtsextremistischen Inhalten gegen Moschee in Bremen

Eine Bombendrohung mit rechtsextremistischen Parolen hat indes einen Polizeieinsatz an einer Bremer Moschee ausgelöst. Wie die Beamten am Donnerstagvormittag mitteilten, wurde das Gelände nach Eingang der Nachricht am Mittwoch mit einem Spürhund abgesucht. Sprengkörper wurden demnach nicht gefunden.

Die Schutzmaßnahmen für die Moschee seien verstärkt worden, teilte die Polizei mit. Außerdem werde wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten ermittelt. Mögliche Zeugen sollten sich melden.

Ein Moschee-Mitarbeiter zeigte die E-Mail laut Beamten am Mittwochnachmittag den Polizeikräften, die das Gebäude im Stadtteil Gröpelingen bewachen. Daraufhin wurden weitere Maßnahmen eingeleitet. In dem Schreiben wurde mit einer Bombenexplosion am frühen Donnerstagmorgen gedroht. Es enthielt darüber hinaus rechtsextremistische Parolen.

 

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