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LokalaugenscheinDer aussichtslose Kampf gegen die Waldbrände im Amazonas

Brasiliens Feuerwehr schlägt eine aussichtslose Schlacht: Hat sie einen Brand gelöscht, lodert an anderer Stelle schon der nächste. Doch eine Feuerwehrchefin gibt nicht auf.

© APA/AFP/JOAO LAET
 

Als der Notruf kommt, schlüpft Carmen Cristina da Silva in ihren orangenen, feuerfesten Overall und schwingt sich in den Geländewagen. Die Feuerwehrleute sind zu einem Brand am östlichen Stadtrand von Porto Velho gerufen worden, tief im brasilianischen Amazonasgebiet. Feuer lodert im Unterholz und Rauch steigt auf, als die Truppe am Einsatzort eintrifft.

Carmen und die anderen ziehen sich Masken über, setzen Schutzbrillen auf und schlüpfen in ihre Handschuhe. Mit großen Schaufeln schlagen die Feuerwehrleute die Flammen aus, schwelende Glutnester löschen sie mit Wasser aus ihren auf den Rücken geschnallten Kanistern. Am Rand steht ein Mann und beobachtet den Kampf der Einsatzkräfte gegen das Feuer. Er gibt zu, den Brand selbst gelegt zu haben, um seinen Acker von Unkraut und Pflanzenresten zu befreien. Dann ist ihm das Feuer außer Kontrolle geraten und er hat den Notruf gewählt. 500 solcher Vorfälle hat Feuerwehrchefin Carmen Cristina da Silva seit April diesen Jahres registriert, doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor.

In Brasilien wüten derzeit die schwersten Waldbrände seit Jahren. Rondonia, dessen Hauptstadt Porto Velho ist, steht zusammen mit Para an der Spitze der Bundesstaaten mit den meisten Bränden im Amazonasgebiet. Bis zu zehn Mal am Tag ist Carmens Brigade in den vergangenen Monaten ausgerückt. Nachdem es zuletzt geregnet hat, sind es jetzt nur drei Einsätze pro Tag. Zur Ruhe kommen die Einsatzkräfte trotzdem nicht. "Wir stoppen hier nie", sagt Carmen Cristina da Silva, die zwei Teams mit jeweils 15 Feuerwehrleuten befehligt und über einen 20.000-Liter-Tankwagen sowie einen Spezialtraktor verfügt.

Brände in Brasilien: Problemzonen im Amazonas-Regenwald

Waldbrände

Mehr als 72.800 Brände wüteten bislang 2019 in Brasilien. Nicht nur die indigene Bevölkerung ist bedroht, auch Großstädte sind davon betroffen. Die starke Rauchentwicklung löste etwa einen Stromausfall in der Metropole São Paulo aus.

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Lunge der Welt

Der Regenwald am Amazonas verarbeitet pro Jahr rund zwei Milliarden Tonnen Kohlendioxid. Und er ist Produzent von etwa einem Fünftel des weltweit verfügbaren Sauerstoffs.

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Verdunstung

Ein Nebelschleier liegt über dem Regenwald. Jeder Baumriese verdunstet täglich etwa tausend Liter Wasser. Eine riesige Klimaanlage, wenn man so will. Beim Weltklima spielt der Regenwald eine Schlüsselrolle.

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Indigene Bevölkerung

Rund 13 Prozent der Fläche Brasiliens sind Schutzgebiete. Brasilien ist das Land mit den meisten unkontaktierten Völkern weltweit. Erst 2011 wurde im Javari-Tal ein isoliertes Volk mit rund 200 Angehörigen entdeckt.

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Rohstoffe

Gold- und Diamantensucher gibt es seit dem 17. Jahrhundert am Amazonas. 1967 wurden Eisenerzvorkommen entdeckt. Brasilien zählt zu den größten Eisenerzförderern der Welt nach China und Australien.

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Sojaproduktion

Brasilien ist mit mehr als 115 Millionen Tonnen Sojabohnenernte der zweitgrößte Produzent der Welt. Dafür werden riesige Waldflächen gerodet. Der Großteil davon geht als Tierfutter nach Nordamerika. Auch China kauft verstärkt Soja aus Brasilien, denn der Import ist günstiger als der Anbau im eigenen Land.

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Artenvielfalt

Mohrenkaiman, Jaguar, Brüllaffe, Anakonda - der Raubbau am Regenwald gefährdet auch die Fauna. Der Regenwald beherbergt die größte Zahl lebender Pflanzen und Tierarten der Welt.

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Medizin

Der Amazonas-Regenwald gilt als die größte Apotheke der Welt. Immer wieder werden neue Wirkstoffe entdeckt, die im Kampf gegen Krankheiten wie Krebs oder Demenz helfen sollen. Ein Viertel der zugelassenen Medikamente soll bereits jetzt seinen "Ursprung" im Regenwald haben.

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Unterstützung

Mehr als 760.809 Quadratkilometer Regenwald sind duch Rainforest Alliance zertifiziert. Mehr dazu unter www.rainforest-alliance.org

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Seit Anfang der Woche stehen die Löscharbeiten in Porto Velho unter der Aufsicht der brasilianischen Streitkräfte. Im ganzen Amazonasgebiet sind nach Angaben des Militärs rund 3.000 Soldaten im Einsatz - nicht besonders viele angesichts der riesigen Fläche und Tausenden Brandherden. Verteidigungsminister Fernando Azevedo ist trotzdem zuversichtlich: "Natürlich ist die Lage nicht einfach. Aber wir haben die Situation unter Kontrolle."

"Das ist jedes Mal Adrenalin"

Carmen und die anderen Feuerwehrleute machen weiter wie gewohnt ihre Arbeit. Ihr Einsatzgebiet reicht vom Stadtrand bis in dichten Regenwald. Zwölf Stunden haben die Feuerwehrleute Dienst, dann einen Tag frei. "Ich bin voll dabei und freue mich noch jedes Mal, wenn ein Brand gelöscht ist", sagt Carmen Cristina da Silva. "Das ist jedes Mal Adrenalin."

Als das Feuer aus ist, beschließt die Chefin, in der Gegend noch eine Runde zu drehen. "Jetzt stehen die Winde gerade günstig, um weitere Brände zu legen", sagt sie. Am Rand einer staubigen Piste, die in den Wald führt, türmen sich die rauchenden Überreste eines Brandes. Carmen steigt aus und macht sich auf die Suche nach dem Verursacher. Auf dem Gelände des Unternehmens "Terra Ouro" stellt sie einen Arbeiter zur Rede. Er sei nicht der Besitzer des Grundstücks und das Feuer sei von alleine ausgebrochen, behauptet er. "Das ist die typische Entschuldigung", sagt Joelma Ferreira Bezerra vom Umweltschutzamt, die die Feuerwehrleute bei ihren Einsätzen begleitet. Tatsächlich sind die Besitzverhältnisse im Amazonasgebiet oft kompliziert. "Jemand kann das Nutzungsrecht haben, aber nicht der Eigentümer sein", erklärt Thiago Castro de Oliveira, Koordinator der Landwirtschaftskammer Porto Velho. "Falls er sich vor Gericht wegen eines Feuers verantworten muss, kann er darauf verweisen und davonkommen."

85.000 Brände

In Porto Velho, einer Stadt mit einer halben Million Einwohner und der Anmutung eines zu groß geratenen Urwalddorfes leben viele Holzfäller und Großgrundbesitzer. Für sie sind die Brände ganz normal, um den Boden günstig zu säubern und Flächen für Landwirtschaft und Viehzucht zu gewinnen. "Das ist ein übliches Vorgehen in der Region", sagt Castro de Oliveira. In der Trockenzeit breiten sich die Brände allerdings auch immer wieder auf noch intakten Regenwald aus. In diesem Jahr stieg die Zahl der Feuer nach Angaben der brasilianischen Weltraumagentur INPE um 75 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf knapp 85.000 Brände.

Präsident Bolsonaro, der seit Jänner im Amt ist, hatte schon im Wahlkampf angekündigt, dass er keine neuen indigenen Schutzgebiete mehr ausweisen und das Amazonasgebiet zur wirtschaftlichen Nutzung freigeben will. Rondonia ist einer der Bundesstaaten, in denen er die meisten Stimmen bekommen hat. Ein großes Plakat an einer der Hauptstraßen in Porto Velho zeigt ihn mit Lokalpolitikern. Ein Mitarbeiter von Castro sagt, dass Rinderzüchter und Sojabauern den politischen Moment für die Brände nutzen würden.

Sie können nur die schlimmsten Brände löschen

Die Landwirte argumentieren, dass Abholzung und Brandrodung notwendig seien, um kleine Höfe und große Farmen, die Fleisch und Soja in die Welt exportieren, in Schuss zu halten und im Geschäft zu bleiben. Die Agrarindustrie erwirtschaftet ein Viertel des brasilianischen Bruttoinlandsprodukts. Marcos Rocha ist ein Parteifreund von Bolsonaro und Gouverneur des Bundesstaates Rondonia, der Heimat von 14 Millionen Rinder. Er sagt, dass die Bewahrung des Regenwaldes wichtig sei, aber eben auch das Wohlergehen der Menschen, die im Amazonasgebiet leben.

Auf ihrer Patrouillenfahrt wird Carmen Cristina da Silva über einen weiteren Brand tief im Wald informiert. Rechts und links der Straße tauchen immer weniger Häuser auf, die Straße wird matschiger und holpriger, bis sie vor einem Holztor endet. Der Rauch steigt auf der anderen Seite des Rio das Garcas auf. Um das Feuer zu löschen müssten die Feuerwehrleute den Fluss überqueren, was nur per Boot möglich ist. Sie drehen um. Wenn ein Feuer unter Kontrolle ist, bricht ein Dutzend neuer Brände aus. Carmen und die anderen Mitglieder der Feuerwehr Porto Velho können nur die Schlimmsten löschen – und die, die sie überhaupt erreichen.

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