Gegen die Betreiber der abgebrannten Bar in Crans-Montana in der Schweiz sind Ermittlungen eingeleitet worden. „Ihnen werden fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung sowie fahrlässige Verursachung einer Feuersbrunst vorgeworfen“, teilte die Polizei mit. Die Walliser Staatsanwaltschaft habe „eine Strafuntersuchung“ eröffnet, hieß es am Samstagnachmittag. Indes wurden die ersten der mindestens 40 Todesopfer offiziell identifiziert.

Zwei Schweizerinnen identifiziert

Es handelt sich nach Behördenangaben um zwei Schweizerinnen im Alter von 21 und 16 Jahren sowie zwei Schweizer im Alter von 18 und 16 Jahren. Die Leichname seien den Familien übergeben worden. Bei dem Brand waren in der Silvesternacht 40 junge Menschen gestorben. Nach ersten Erkenntnissen geriet wohl Schaumstoff an der Decke durch das Abbrennen von funkensprühenden Partyfontänen in Brand. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus. In der Bar waren überwiegend Teenager und junge Erwachsene.

Zweifel an Einhaltung von Brandschutzvorschriften

Brandschutzexperten hatten bereits in Frage gestellt, ob das Lokal genügend Notausgänge hatte und ob das Material, das unter der Decke wahrscheinlich zur Schalldämpfung installiert war, gesetzeskonform war. Die Betreiber, ein französisches Ehepaar, hatten Medien gesagt, sie seien am Boden zerstört und kooperierten mit den Behörden, um die Katastrophe aufzuklären. „Es wird daran erinnert, dass bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung gilt“, hieß es von den Ermittlern.

Die Bar „Le Constellation“ sei „drei Mal innerhalb von zehn Jahren“ kontrolliert worden, wie der Besitzer und Geschäftsführer Medien gegenüber sagte. Er versicherte, dass „alles im Rahmen der Normen“ erfolgt sei. „Alles lief nach den Vorschriften“, sagte der Mann der „Tribune de Genève“ und „24 heures“.

Identifizierung kann noch Tage dauern

Von den 119 Verletzten waren bis Freitag 113 identifiziert worden. Darunter waren 71 Schweizer sowie 14 Franzosen, elf Italiener, vier Serben sowie einzelne Personen aus anderen Ländern. Österreichische oder deutsche Opfer wurden bisher nicht gemeldet. Die Identifikation der Toten und Verletzten kann nach Angaben der Behörden mehrere Tage dauern. Diese legten in Zusammenarbeit mit mehreren Ländern, darunter Belgien, Frankreich, Italien und die Türkei, sogenannte Ante-Mortem-Akten für die Vermissten an.

Der für die Gesundheitspolitik in der italienischen Region Lombardei verantwortliche Guido Bertolaso schilderte die Schwierigkeiten bei der Identifizierung: „Warum können wir sie nicht identifizieren? Weil ihre Gesichter vollständig verbunden sind. Wir können die Bandagen nicht entfernen, um sie zu erkennen. Sie sind intubiert und können deshalb nicht sprechen.“

Dutzende Schwerverletzte waren zunächst in die größte Klinik der Region Wallis gebracht worden. Manche würden nicht nur wegen äußerer Verbrennungen, sondern auch wegen Verbrennungen der Atemwege behandelt, sagte der Leiter des Krankenhauses, Eric Bonvin. Die Behandlung sei „äußerst komplex und schwierig“. Neben Verbrennungen hätten Verletzte auch Knochenbrüche davongetragen.

Panik bei Flucht vor Flammen

„Wenn Panik ausbricht, versuchen die Menschen zu fliehen“, sagte Bonvin. Videos zeigten demnach, dass Menschen Stiegen hinunterstürzten - das sei typisch für Situationen der Panik. „Die Menschen, die erdrückt wurden, das war etwas Schreckliches“, fügte er hinzu. „Wir waren nicht vor Ort, wir haben die Verletzungen erst hinterher gesehen“, aber wahrscheinlich seien viele der Opfer erstickt.

Dutzende Opfer kämpfen ums Überleben

Knapp 48 Stunden nach dem verheerenden Brand im Schweizer Skiort Crans-Montana kämpfen noch immer Dutzende Opfer ums Überleben. Insgesamt 119 Personen sollen laut offiziellen Angaben verletzt sein, rund 100 davon befinden sich in einem kritischen Zustand. Die Behandlung der zum Großteil schwer verletzten Menschen nach dem Brandinferno im Skiort Crans-Montana in der Schweiz wird zu einer europäischen Mammutaufgabe.

Überstellung von sechs Patienten nach Österreich vorerst abgesagt

Auch Österreich hat Hilfe angeboten. Die ursprünglich für Samstag geplante Überstellung von sechs Patientinnen und Patienten in spezialisierte Brandverletzten-Zentren nach Wien und Graz wurde aber vorerst abgesagt, teilte das Innenministerium der APA mit. Das Angebot aus Österreich, medizinische Betreuung zu übernehmen, ist aber aufrecht. Ob andere Opfer nach Österreich überstellt werden, sei unklar, die Entscheidung obliegt den Schweizer Behörden, hieß es aus dem Wiener Ministerium. Kurzfristige Änderungen seien laufend möglich.

In Graz befindet sich eines von nur zwei zertifizierten Brandverletzten-Zentren für Kinder und Erwachsene in Österreich. Zwischen 100 und 180 Brandverletzte werden pro Jahr hier versorgt, Brandopfer aus dem ganzen europäischen Raum und auch Kriegsopfer aus der Ukraine wurden in Graz behandelt. Daneben gibt es nur noch an der MedUni Wien ein weiteres solches zertifiziertes europäisches „Burn Center“, wie es in der Fachsprache heißt.

Anklage wegen fahrlässiger Tötung nicht ausgeschlossen

Laut Staatsanwaltschaft deutet alles darauf hin, dass das Feuer von Wunderkerzen ausging, die auf Champagnerflaschen angebracht waren und zu nahe an die Decke kamen. So habe sich das Feuer sehr schnell ausgebreitet, sagte Generalstaatsanwältin Béatrice Pilloud am Freitag.

Der weitere Verlauf der Untersuchung werde sich insbesondere mit den Umbauten, den verwendeten Materialien, den Betriebsgenehmigungen sowie mit den Sicherheitsvorkehrungen befassen. „Damit sind gemeint: die vorhandenen Löschmittel, Fluchtwege, die Einhaltung der Brandschutzvorschriften und die allgemeinen Mittel zur Brandbekämpfung“, sagte Generalstaatsanwältin Pilloud.

Auch werde ermittelt, wie viele Personen tatsächlich anwesend waren und wie viele es laut Genehmigung hätten sein dürfen. Weiter würden die Einrichtung des Lokals, die Evakuierungswege und der allgemeine Zugang untersucht. Es gebe die Möglichkeit einer strafrechtlichen Verfolgung, sagte Pilloud weiter. Wenn es um die Verantwortung von noch lebenden Personen gehe, könnte eine strafrechtliche Untersuchung wegen fahrlässiger Brandstiftung, fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung eingeleitet werden. Bisher gebe es aber keine strafrechtlich relevanten Anhaltspunkte, betonte sie.

Wunderkerzen verursachten Brand in Crans-Montana

Bei der Katastrophe war die Bar „Le Constellation“ in Crans-Montana in der Nacht auf den Neujahrstag in Brand geraten. Viele junge Menschen konnten sich nicht mehr oder nur schwer verletzt nach draußen retten. Insgesamt gab es mindestens 40 Tote, 119 Personen erlitten überwiegend schwere Brandverletzungen. Die Behandlung kann sich je nach Schweregrad über Monate hinziehen. Unter den Verletzten waren vor allem Schweizer, Franzosen und Italiener, Menschen aus Österreich und Deutschland nach bisherigen Angaben nicht.

Die Hypothese zur Brandursache, dass das Feuer von Wunderkerzen ausging, sei wahrscheinlich, aber noch nicht bestätigt. Zur raschen Ausbreitung des Feuers könnte Akustikschaumstoff an der Decke beigetragen haben. Man untersuche dessen Verwendung, es gebe aber noch keine Gewissheit, fügte Pilloud hinzu. Vor Ort habe man Spuren gesichert. Zudem hätten die Ermittler Videoaufnahmen erhalten und analysiert, sowie mehrere Personen befragt - darunter die beiden französischen Barbetreiber, hieß es auf der Pressekonferenz am Freitagnachmittag.

„Der Schaum ist geschmolzen“

Ein 17-jähriger Genfer, der sich zum Zeitpunkt der Katastrophe im Untergeschoss befunden hatte, schilderte der Nachrichtenagentur Keystone-SDA seine Eindrücke. Der Jugendliche feierte mit vier Freunden im Alter von 15 bis 17 Jahren. Von seinen Freunden sind zwei unverletzt und zwei weitere in kritischem Zustand. Er selbst erlitt Verbrennungen zweiten Grades an Hand, Rücken, Kopf und Gesicht. Seine Aussage deckt sich mit anderen: Eine Servicemitarbeiterin, die sich auf den Schultern einer anderen Person befand, soll demnach versehentlich die Decke mit einer Champagnerflasche entzündet haben, die mit den Bengal- oder Wunderkerzen bzw. Tischfeuerwerk dekoriert war.

„Zu Beginn sahen wir Feuer, dachten aber, jemand würde es löschen. Der schalldämpfende Schaumstoff an der Decke fing Feuer, schmolz, und die Flammen breiteten sich aus“, sagte der 17-Jährige. „Ich musste eine Runde um die Bar machen, um dem Feuer zu entkommen. Zuerst bin ich im Schritttempo gegangen, aber die Menschenmenge verstopfte die Treppe. Ein Feuer- und Hitzeball erfüllte den Raum, als ich mich auf der Treppe befand.“

„Als ich draußen war, versuchte ich, den Leuten in der Bar zu helfen, aber es war schwierig“, berichtete der Teenager weiter. Viele Verletzte und Überlebende flüchteten in eine Bar gegenüber. „Vor der Bar lagen draußen Körper auf dem Boden. In dem Moment, als ich hinauskam, waren die Rettungskräfte, zumindest die Polizei, bereits vor Ort.“

Mailand will weitere Verletzte aufnehmen

Derzeit werden sieben verletzte Italiener im Mailänder Krankenhaus Niguarda behandelt, zwei weitere sollen - sofern transportfähig - in Kürze folgen. Über das weitere Vorgehen bei vier besonders schwer verletzten italienischen Patienten soll noch im Laufe des Tages entschieden werden, so der Gesundheitsbeauftragte der Region Lombardei, Guido Bertolaso, am Samstag im Radiosender Rtl 102.5.

Die bisher ins Niguarda-Krankenhaus verlegten sieben Verletzten befänden sich alle in einem sehr kritischen Zustand und würden auf der Intensivstation behandelt, sagte Bertolaso. Einsatzteams der Region Lombardei hatten die Krankenhäuser in der Schweiz aufgesucht, um den Zustand der Verletzten zu überprüfen und über deren Transportfähigkeit zu entscheiden. Zwei weitere Patienten sollen bald grünes Licht für eine Verlegung nach Mailand erhalten.

Vier weitere italienische Verletzte gelten als in besonders kritischem Zustand. Sie werden derzeit im Zentrum für Schwerbrandverletzte in Zürich behandelt. Zwei von ihnen seien bisher noch nicht offiziell identifiziert, da sie vollständig bandagiert seien, berichtete Bertolaso. Zwar gebe es Fotos, eine eindeutige Identifizierung sei wegen der schweren Gesichtsverletzungen jedoch nicht möglich.

Die Identifizierung der Opfer stelle insgesamt eine der schwierigsten und schmerzhaftesten Aufgaben dar, sagte Bertolaso weiter. Bei den Toten werde ein DNA-Abgleich notwendig sein, um Gewissheit für die wartenden Angehörigen zu schaffen. Bisher sind sechs Italiener vermisst, weitere 13 sind verletzt.

Verlegungen ins Ausland

Etwa 50 Schwerstverletzte wurden zur Behandlung in spezialisierte Verbrennungszentren im Ausland verlegt, darunter in Polen, Deutschland, Frankreich und Italien. Daneben haben auch Schweden und Nordmazedonien ihre Hilfe angeboten. Auch die Europäische Union bot Unterstützung an. „Wir stehen mit den Schweizer Behörden in Kontakt, um über den EU-Katastrophenschutzmechanismus medizinische Hilfe für die Opfer bereitzustellen“, teilte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf X mit.

Spezialeinheit am Werk

Die Identifikation der Verstorbenen laufe weiterhin auf Hochtouren, sagte Polizeikommandant Gisler. Ziel sei es, möglichst schnell Klarheit zu schaffen. Zu diesem Zweck stehe eine 30-köpfige Spezialeinheit zur Identifizierung von Katastrophenopfern im Einsatz, ein sogenanntes DVI-Team (Disaster Victim Identification), sagte Kripo-Chef Pierre-Antoine Lengen. Diese Einheit sei nach der Tsunami-Katastrophe 2004 in Asien aufgebaut worden. Sie sei unter anderem zusammengestellt aus spezialisierten wissenschaftlichen Ermittlern der Polizei, Rechtsmedizinern und Zahnärzten.

Die Spezialeinheit arbeite nach internationalen Standards. Bei der Opferidentifizierung dürften sich die Behörden keine Fehler erlauben, betonte Lengen. Im Übrigen könne die Walliser Polizei auf die Unterstützung aus anderen Kantonen, der Bundesbehörden sowie weitere Partner im In- und Ausland zählen. Als einer der ersten Toten wurde der 16-jährige italienische Nachwuchsgolfer Emanuele Galeppini identifiziert.

Familien bangen um ihre immer noch vermissten Kinder

Das französische Außenministerium erklärte am Samstag, dass bei dem Brand 16 Franzosen verletzt worden seien. Weitere neun blieben demnach vorerst vermisst. Unter denen, die das Schlimmste befürchteten, ist Laetitia Brodard. Die letzte Nachricht ihres Sohnes Arthur lautete: „Mama, frohes neues Jahr, ich hab Dich lieb“. „Das ist 40 Stunden her. Seit 40 Stunden sind unsere Kinder verschwunden“, sagte Brodard vor Journalisten.

Im Zentrum des Skiorts verharrten immer wieder Menschen in der Nähe des Unglücksorts in Trauer - vor einem immer größer werdenden Meer von Blumen, Kerzen und kleinen Plüschtieren. „Mut all den Familien der Opfer, wir denken an Stefan und hoffen, dass er okay ist: ein Held“, heißt es auf einem Zettel. „Wir denken an Dich“ und „Mögen sie in Frieden ruhen“ steht auf Karten geschrieben.