Comeback in der CoronakriseMuss sich die Autobranche jetzt vor Tesla fürchten?

Tesla ist an der Börse mehr wert als BMW, VW und Daimler zusammen. Die Corona-Pandemie könnte Tesla sogar als Software-Technologieführer einzementieren – die Hintergründe.

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Rekordzahlen und ein neuer Ausraster mit System: Tesla-Gründer Elon Mus © APA/AFP/FREDERIC J. BROWN (FREDERIC J. BROWN)
 

Es ist diesmal nicht bekannt, was und ob Tesla-Chef Elon Musk geraucht hat. Aber es war wohl wieder Zeit für einen Ausraster, diesmal in Sachen Corona-Maßnahmen in den USA: „Zu sagen, die Leute dürfen ihr Haus nicht verlassen, und werden verhaftet, wenn sie es tun? Das ist faschistisch. Das ist nicht demokratisch. Das ist keine Freiheit. Gebt den Leuten ihre verdammte Freiheit zurück.“ Davor hat er bereits auf Twitter geschrieben: „Free America now.“

Die Nervosität Musks ist verständlich. Sein Tesla-Kartenhaus bleibt eine fragile Konstruktion. Die Corona-Pandemie öffnet ihm aber eine einzigartige Chance, mit der die wenigsten gerechnet hätten. Noch vor Kurzem wurde Tesla als Übernahmekandidat gehandelt. Und gerade jetzt, da das Geschäft zu brummen beginnt, braucht Musk keine Erschütterungen am Spieltisch. Tesla weist zum ersten Mal drei Quartale hintereinander einen Überschuss aus. Die Autos verkaufen sich prächtig, selbst in China. Bis Ende März wurden heuer 88.500 Stück ausgeliefert, 40 Prozent mehr als im Vorjahr.

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Modellvorstellung: Tesla Model Y

Tesla will mit der Produktion des neuen Model Y schon Mitte März beginnen. Hierbei handelt es sich um den kleinen Bruder des Model X. Y steht in der Nomenklatur des kalifornischen Auto-Start-ups für Kompakt-SUV und technisch diente das Model 3 als Basis, es bleibt also bei dem minimalistischen Cockpit mit 15-Zoll-Touchscreen am Armaturenbrett als einziger Anzeige.

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Mehr Platz hingegen versprechen die leicht gewachsenen Dimensionen. So baut Y mit 4,75 Metern um 5,6 Zentimeter länger, um 7,1 Zentimeter breiter und sogar um 18 Zentimeter höher, was 1,62 Meter ergibt.

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Das sorgt natürlich für einen deutlich geräumigeren Innenraum. Vor allem die Fond-Kniefreiheit profitiert davon. Hier stehen nun 13,5 Zentimeter mehr zur Verfügung. Und: Das Plus an Länge erlaubt den Einsatz einer dritten Sitzreihe im bis zu 1900 Liter großen Ladeabteil, was den Y zum Siebensitzer macht.

TESLA

Technisch gibt es die gewohnten Abstufungen zwischen Heck- und Allradantrieb sowie Varianten mit einem oder zwei Motoren (einer vorne, einer hinten). In der maximalen Ausbaustufe soll eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 3,7 Sekunden möglich sein, die Reichweite bei diesem Performance-Modell gibt Tesla mit 480 Kilometern an.

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Wer auf ein wenig Leistung verzichtet, soll mit der ziviler motorisierten Variante nach dem WLTP-Messprinzip sogar 505 Kilometer weit kommen. Zudem gibt der Hersteller an, dass in nur 15 Minuten an einem hauseigenen Supercharger genügend Strom für eine Strecke von 270 Kilometern nachgeladen werden kann.

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Wer sich hingegen für die Basisversion interessiert, die 370 Kilometer schafft – Hier heißt es noch: Bitte warten. Die folgt erst 2022.

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Musk hat mit Tesla Autos auf den Markt gebracht, die in diversen klassischen Tests in Sachen Verarbeitung oder Bremsen immer wieder für Kritik sorgten. Aber sein Kapital, das all diese Schwächen überstrahlt, liegt woanders: in der Software.

Und damit ist er jetzt auf der Überholspur. Im coronabedingten Überlebenskampf wird den großen, klassischen Herstellern in Börsenkreisen nicht zugetraut, dass sie diesen Rückstand bei der Software aufholen. Weil sie ihr Geld derzeit nicht in Investitionen in Software, Technik und Entwicklung fließen lassen, sondern ins Überleben der Firmen stecken müssen. Neue Modelle könnten sich verzögern, genauso wie elektrische Modell-Offensiven.

Volkswagen-Chef Herbert Diess bringt die Situation in einem von der Automobilwoche zitierten internen VW-Webcast so auf den Punkt: „Was mir am meisten Kopfzerbrechen macht, sind die Fähigkeiten bei den Assistenzsystemen. 500.000 Teslas funktionieren als ein neuronales Netz, das kontinuierlich Daten sammelt und den Kunden im 14-Tages-Rhythmus ein neues Fahrerlebnis bietet, mit verbesserten Eigenschaften.“ Das könne heute kein anderer Hersteller.

Tatsächlich hat Tesla etwa das Model 3 um einen riesigen Bildschirm in der Mitte gebaut. Das Auto ist bis ins letzte Detail digitalisiert (man kann über den Bildschirm das Handschuhfach öffnen) und bietet ein Nutzererlebnis, das Digital Natives fasziniert und Digital Oldies neugierig macht. Bis hin zum Traum vom autonomen Fahren und damit verbundenen Mobilitätsdiensten. Mehrere Hersteller (Ford, Audi) haben ihre Projekte zurückgestellt oder verschoben. Tesla will am Gas bleiben.

Zulassungen Jänner bis September 2021: Das sind die meistverkauften Elektroautos 2021

Platz 10

Der BMW i3 verbucht einen Absatz von 525 Exemplaren. Das macht Platz 10 und ein Plus von 41,1 Prozent.

BMW

Platz 9

Von der vollelektrischen Variante des Kia Niro wurden heuer bisher 742 Stück abgesetzt. Damit stromert der Koreaner auf Platz 9 und fährt ein Plus von 40,3 Prozent ein.

KIA

Platz 8

903 verkaufte Stück bringen dem elektrischen Seat Mii den achten Rang. Das macht ein Plus von 385,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

SEAT

Platz 7

Auf Platz 7 arbeitet sich der Audi e-tron vor, von dem heuer bisher 964 Stück verkauft wurden. Das bedeutet ein Plus von 139,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

AUDI

Platz 6

Ein Neueinsteiger findet sich auf Platz 6: 1066 Exemplare des neuen elektrischen Fiat 500 wurden heuer bereits verkauft.

FIAT

Platz 5

1270 Fans hat der Renault Zoe gefunden. Damit holt sich die kleine Französin den fünften Rang und ein Minus von 4,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

RENAULT

Platz 4

Mit 1396 verkauften Stück parkt der Skoda Enyaq als Neueinsteiger auf dem vierten Platz.

SKODA AUTO

Platz 3

Platz 3 geht an einen Neueinsteiger: Das elektrische SUV VW ID.4 hat heuer bislang 1723 Kunden gefunden.

VOLKSWAGEN

Platz 2

Der VW ID.3 stromert auf den zweiten Platz: Er bringt es auf 2192 Verkäufe.

VOLKSWAGEN

Platz 1

Teslas Model 3 bringt es auf 2724 Verkäufe, damit liegt das meistverkaufte Elektroauto 2020 auf Platz 1. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum macht das ein Plus von 89,7 Prozent.

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Während viele klassische Autobauer zuletzt Verluste in China – dem wichtigsten Weltmarkt – hinnehmen mussten und die chinesischen Elektro-Start-ups mit ihren dünnen Kapitaldecken ins Straucheln kommen, feiert Tesla auch hier gute Zahlen. Selbst der Tesla-Vertrieb, der auf den Online-Verkauf konzentriert ist, passt perfekt in die Coronazeit. Social Distancing scheint wichtiger geworden zu sein als die Frage, wie das Fahrwerk auf Extrembelastungen reagiert. Das kümmert die Tesla-Kunden anscheinend weniger. Aber es ist immer noch eines der Leitmotive der „alten“ Autoindustrie.

Mit all diesen Assets haben sich die Tesla-Aktienkurse zuletzt rund verdoppelt. Tesla ist wieder so etwas wie die Wette auf die Zukunft und aktuell mehr an der Börse wert (134 Milliarden Euro) als BMW, der gesamte Volkswagen-Konzern und Daimler zusammen (128 Milliarden Euro).

Wie dramatisch der Perspektivenwechsel ist, zeigt ein Vergleich: Im Vorjahreszeitraum hatte Tesla noch einen Verlust von 702 Millionen Dollar hinnehmen müssen. Da sind selbst die aktuellen 16 Millionen Dollar Quartalsgewinn 2020 ein Lichtblick.

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