Die Pflichtschule hat sie abgeschlossen. Nun möchte die 16-Jährige, die am Landesgericht Leoben vor Strafrichter Peter Wilhelm auf der Anklagebank sitzt, eine Lehrausbildung beginnen. Einzelhandel oder Arztassistentin, das würde ihr am meisten zusagen, erklärt sie mit leiser Stimme. Sie sei bereits dabei, ihre Bewerbungen vorzubereiten.

Ohne Zweifel ist die 16-Jährige froh, ihre Zeit an einer obersteirischen Schule endgültig hinter sich gelassen zu haben. Denn da gibt es offensichtlich deutlich mehr negative Erinnerungen als angenehme. Vier Jahre lang sei sie von Mitschülern gemobbt, beschimpft und gedisst worden, erzählt die syrische Staatsbürgerin Richter Wilhelm. „Bombenleger“ sei sie wegen ihrer Herkunft von der ersten Klasse an genannt worden.

Situation spitzte sich massiv zu

Sie habe die permanenten Hänseleien und Herabwürdigungen lange Zeit ignoriert beziehungsweise versucht, sie zu überhören. In letzter Konsequenz allerdings spitzte sich die Situation derart zu, dass die 16-Jährige sich wegen des Vergehens der gefährlichen Drohung vor Gericht verantworten muss.

Im April 2026 hat sie ihren Mitschülern in einem Gruppenchat auf einer Social-Media-Plattform gedroht, dass sie in ihre Schule eine Bombe mitnehmen werde. Und einem speziellen Schulkollegen – offenbar einer treibenden Kraft der Mobbingattacken – habe sie in einer Privatnachricht geschrieben, dass sie extra für ihn eine zweite Bombe bereithalten wolle.

Bei allen sofort entschuldigt

„Wie ist es dazu gekommen? Was war der Hintergrund?“, fragt Richter Wilhelm die 16-Jährige, die sich ohne Umschweife schuldig bekennt und erzählt, dass sie sich direkt nach dem Vorfall bei allen entschuldigt habe und dass es ihr leid tue, das getan zu haben. Sie berichtet von psychisch grausamer Peinigung, die sich im letzten Schuljahr verdichtet habe.

Carolin Bauer, Leiterin der Staatsanwaltschaft Leoben, vertrat die Anklage
Carolin Bauer, Leiterin der Staatsanwaltschaft Leoben, vertrat die Anklage © KLZ / Andreas Schöberl-Negishi

Sie sei ständig mit derbsten Schimpfwörtern bedacht worden, dass sie „hässlich“ und „zu 99 Prozent aus Plastik“ sei, war dabei mit Abstand noch das Höflichste, was ihren Mitschülern über die Lippen gekommen ist. Zudem habe ein Mitschüler das Gerücht auf Social Media in Umlauf gesetzt, dass sie mit ihm zusammen sei.

„Das war eine Lüge. Und die hat sich in der ganzen Schule verbreitet. Ich habe das hundert Mal geschickt bekommen“, erzählt die junge Frau Richter Wilhelm. Irgendwann habe sie sich dazu hinreißen lassen, die Nachricht mit der Bombendrohung abzusetzen. Sie habe bei der Polizei aber sofort alles zugegeben und nichts beschönigt: „Ich wollte nicht so lügen wie die anderen.“

Ins Gewissen geredet

„Ihnen ist aber schon bewusst, dass wir in einer Zeit leben, in der man solche Dinge leider sehr ernst nehmen muss? Sie wissen, was sich vor einem Jahr am Borg Dreierschützengasse in Graz zugetragen hat. Da sind zehn Menschen gestorben“, ruft Richter Wilhelm der 16-Jährigen in Erinnerung.

Auch wenn sich der verheerende und tragische Amoklauf in Graz anders dargestellt habe, müsse ihr klar sein, warum man auch derartige Drohungen nicht schreiben könne. Die 16-Jährige nickt.

Bewährungshilfe und Probezeit

Eine Verurteilung unterbleibt, Richter Wilhelm ordnet Bewährungshilfe sowie die Teilnahme an dem speziellen Programm nach Amokdrohungen an Schulen des Vereins Neustart an. Und es gibt eine Probezeit von zwei Jahren, in der es keinerlei Vorfälle mehr geben darf. Dann wird das Verfahren offiziell eingestellt und eine Vorstrafe unterbleibt. „Ich glaube, dass Sie eine gute Zukunft vor sich haben können, enttäuschen Sie mich nicht“, gibt Richter Wilhelm der 16-Jährigen mit.

Carolin Bauer, Leiterin der Staatsanwaltschaft Leoben, und die Verteidigerin sind einverstanden und erklären Rechtsmittelverzicht. Richter Wilhelm möchte der jungen Frau abschließend aber noch etwas verdeutlichen: „Es muss klar sein, dass diese Entscheidung eine absolute Ausnahme ist. Wir treffen immer Einzelfallentscheidungen – aber normalerweise setzt es eine Vorstrafe“, betont Richter Wilhelm.