Eine schiefe Holzkiste, ohne Boden und Deckel, hinten ragt ein Nagel heraus: Für Lea Eder war sie ein missglückter Ausflug ins Tischlerhandwerk. Ihre Großmutter Eva Surma sah darin sofort etwas anderes – ein Nest. Genau so beginnt diese Ausstellung.
Im „Elsternest“ im GÄZ Großklein greifen die Bilder der Enkelin und die Texte der Großmutter ineinander. Das Unperfekte wird nicht versteckt, sondern zum Ausgangspunkt. Gesammelt wurden frühe Zeichnungen, verschenkte Bilder, Texte und Fundstücke aus mehreren Jahren. „Das Leben ist ein Sammeln und ein Fliegen“, sagen die beiden über das gemeinsame Motto der Ausstellung. „Das ist eigentlich so wie unsere Familie“, erklärt Surma. „Ein großes Ding, wo alles dazugehört, obwohl alles verschieden ist.“
Lea Eder malt, seit sie einen Stift halten kann. Ihre ersten Zeichnungen klebten bei der Großmutter an der Klowand – befestigt mit Uhu und so hoch, wie Kinderhände eben reichten. Später saßen die Enkelkinder am Küchentisch, vor ihnen Plastilin, Papier und Farben. Surma stellte das Material hin und ließ sie machen.
Heute ist Lea 21. Ihre präzisen Arbeiten zeigen Tiere ebenso wie ein Skelett; Bilder mit Schriftbotschaften wechseln sich mit dunklen Flächen ab. Doch Schwarz müsse nicht unbedingt traurig sein: „Schwarz kann auch Happy-Color sein“. Selbst der Tod erzählt für sie davon, was Menschen hinterlassen – und welche Spuren andere weitertragen.
Die Ausstellung handelt auch und vor allem vom Frausein. Lea Eder verarbeitet Sätze, die Mädchen noch immer hören: Man solle einen Mann finden, der einen versorgt. Ihre Antwort greift ein berühmtes Zitat der Sängerin Cher auf und steht unübersehbar in einem ihrer Bilder: „Mom, I am a rich man.“ Cher hatte damit einst auf den Rat ihrer Mutter reagiert, einen reichen Mann zu heiraten.
Von ihrer Großmutter habe sie gelernt, „alles Mögliche zu hinterfragen, nicht leise zu sein, aufzumucken“. Ihre feministische Ader habe sie „definitiv von der Eva“. Das zeigt sich auch außerhalb des Ateliers: als Schülervertreterin und überall dort, wo sie gegen Sexismus aufsteht. Gerade in der Schule habe sie erlebt, wie selbstverständlich Mädchen noch immer belächelt oder auf traditionelle Rollenbilder reduziert werden. Ein Grund mehr, laut zu bleiben und anderen den Rücken zu stärken, betont die 21-Jährige.
Eva Surmas Texte machen die Elster zur feministischen Parabel: laut, auffällig, widersprüchlich und oft verleumdet. Was bei Frauen als unbequem gilt, wird hier zur Stärke. Die Bilder geben den Texten Körper, die Texte öffnen hinter den Bildern neue Räume.
Der Einfluss verläuft jedoch nicht nur von alt zu jung. Auf die Frage, was sie von Lea mitnehme, antwortet Surma: „Die Zuversicht, dass meine Stimme zählt und dass jeder Tag ein neuer Tag ist, der sich lohnt.“ In ihrer Enkelin sieht sie einen „Zukunftsstern“.
So wird „Elsternest“ zum Porträt zweier Frauen, die einander ergänzen. Die eine schenkt Widerstandskraft, die andere Zuversicht. Dazwischen liegt die Erkenntnis: Wir können nicht alles mitnehmen. Aber manches fliegt weiter.