Leihmutterschaft und Doppelmoral: Jens Spahn, mittlerweile Ex-Fraktionschef der Union, begab sich mit der Art und Weise seiner Vaterschaft in ein politisches Minenfeld, das ihn seinen Posten kostete.

Was war passiert? Der CDU-Politiker lehnte 2020 als damaliger Gesundheitsminister Forderungen nach einer wenigstens teilweisen Legalisierung der Leihmutterschaft ab. Im Februar dieses Jahres positionierte sich die CDU/CSU erneut strikt dagegen. Brisanter Aspekt dabei: Zu diesem Zeitpunkt war die Leihmutter von Jens Spahn und seinem Ehemann Daniel Funke bereits schwanger. Der Politiker umging das Verbot im eigenen Land damit, dass er in den USA um eine hohe Geldsumme - in den USA werden teilweise sechsstellige Beträge dafür gezahlt - eine Leihmutter engagiert hat.

Freudig postete Funke vergangene Woche auf seinem Instagram-Kanal ein Bild mit Spahn und einem Kinderwagen. „We are family“ mit einem roten Herzen schrieb er dazu. Geherzt wurden sie in den Kommentaren darunter von wenigen. Vielmehr prasselte Kritik auf das Ehepaar und im Speziellen auf Spahn ein. Wie kann ein Politiker etwas im eigenen Land bekämpfen, aber es gleichzeitig im Ausland in Anspruch nehmen – so lautete der Vorwurf.

Eine „Spahnende Dynamik“

Diesen Vorwurf brachten auch viele User im Forum der Kleinen Zeitung vor. Für „Mi66fjdla“ fühlt es sich an wie „Wasser predigen und Wein trinken. Es gibt noch immer gleiche und gleichere“. Er forderte: „Rücktritt und zwar sofort.“ Damit war er nicht allein. Vor allem auch aus der eigenen Partei wurde der Druck schließlich so groß, dass Spahn eigentlich nicht mehr anders konnte. Am Samstag legte er sein Amt als Fraktionschef nieder.

Auch „Zeitgenosse“ zeigte sich empört: „Es ist einfach unerhört: Im eigenen Land werden den Bürgern Verbote auferlegt, aber die Verantwortlichen fahren einfach über die Grenze, um genau das zu tun, was sie uns verbieten. Diese konservative Heuchelei ist eine absolute Frechheit.“ Wer Gesetze beschließt, müsse dann auch die Konsequenzen dafür tragen und mit gutem Beispiel vorangehen.

Plantago drückte es sarkastisch aus: „Man könnte auch sagen: ‚Hier war man um die Trennung von Beruflichem und Privatem bemüht‘.“ Und für „Lancelot“ ist es „Spahnend, welche Dynamik da in diese Geschichte gekommen ist. Aber verständlich, wenn so offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen wird“.

„Leihmutterschaft ist Ausbeutung“

Spahns fragwürdiges Verhalten war einer der großen Diskussionspunkte. Der andere war die Leihmutterschaft an sich, die sowohl in Deutschland als auch in Österreich verboten ist. Daran dürfte sich bei uns auch nicht so schnell etwas ändern, denn bei den Nationalratsparteien gibt es eine breite Front gegen die Leihmutterschaft. Dem schließen sich auch einige Foristen an.

„Leihmutterschaft ist Ausbeutung und Menschenhandel und daher ein Verbrechen und deswegen in vielen Ländern auch zurecht verboten“, findet „Speakfree“ und fügt noch an: „Leihmutterschaft hat absolut nichts mit Open Mind bezüglich der Elternschaft von homosexuellen Paaren zu tun.“

Für „Lamax1“ ist Spahns Aktion „nicht nur politisch ein ‚Schmarrn‘“. Auf Facebook meint Moni Österreicher: „Schön, dass sich alle einig sind in einem Bereich, der überhaupt nicht zur Diskussion steht!“

Was ist mit Frauen, die keine Kinder bekommen können?

Viele User und Foristen sind sich in der Leihmutterschafts-Causa zwar einig, doch es gibt doch auch die eine oder andere Gegenstimme. Zum Beispiel von „regiro“: „Sichtweisen und Perspektiven ändern sich im Leben, auch die eines Spitzenpolitikers. Ich denke, dass die Gesellschaft bereits viel weiter ist als die Gesetzgebung – aus Ländern mit Verbot haben viele Paare, aus welchen Gründen auch immer, bereits ein Kind aus Leihmutterschaft.“

„ronnimimi“ vergönnt Spahn und seinem Mann zwar das Kinderglück, prangert jedoch die „Doppelmoral“ seines Handelns an, die „das Glück bei anderen Menschen verhindert“.

„Und was ist mit den Frauen, die keine Kinder bekommen können?“, fragt Elfi Thell auf Facebook. „Ich finde an einer Leihmutter nichts verwerfliches, es wäre sehr vielen Paaren geholfen. Jeder sollte selbst entscheiden, was für ihn oder sie gut ist. [...]“

Und „Becks80“ geht auf eine Alternative ein: „Meiner Meinung nach muss auch eine Adoption vereinfacht werden und nicht auf ein Alter von 35 beschränkt werden. Außerdem ist die Wartezeit auf ein Kind zur Adoption mit sieben bis acht Jahre einfach zu lang. So kommen natürlich einige auf die Idee, dass nur noch die Leihmutterschaft übrig bleibt. Vielen ist eine Pflegeelternschaft zu unsicher und sie haben Angst, dass ihnen das Kind letztendlich dich wieder weggenommen wird.“