Am Ende zeugen nur noch ein paar übrig gebliebene Papierschlangen am leeren Bretterboden der Bühne von der Ausgelassenheit der Vergangenheit. Der Erste Weltkrieg hat begonnen. In der Bühnenfassung von Joseph Roths Jahrhundertroman „Radetzkymarsch“, die das Kulturfestival „Bühne der Macht“ in das kleine Dorf St. Daniel im Gailtal gebracht hat, steht Franz von Trotta schließlich fassungslos vor dem Tod seines Sohnes. „Draußen sterben die Jungen und die Väter bleiben“, heißt es einmal in der kurzweiligen, auf wenige Figuren beschränkten Bearbeitung von Regisseurin Cornelia Rainer und Stephan Lack, und der Generationenkonflikt ist auch eines der Hauptthemen dieses Textes: Was bedeutet die Macht der Älteren, wie sehr prägen ihre Erwartungen und Traditionen das Leben der Jungen, was folgt daraus, wenn die Verantwortung stets „nach oben weitergereicht“ wird?

Siegerprojekt

Die zweite Ausgabe des Kulturfestivals, das als Siegerprojekt eines Open Calls der Kärntner Kulturstiftung entstanden ist, macht dieser Tage das Gailtal wieder zum kulturellen Zentrum der sogenannten Provinz. Denn bei diesem spartenübergreifenden Konzept, das neben Theater auch Vorträge, Workshops und „Philosophische Gespräche“ umfasst, sind nicht nur Profis, sondern auch die Bevölkerung aus Osttirol, Oberkärnten und darüber hinaus eingebunden. Hier, quasi in Sichtweite der Stellungen des Ersten Weltkriegs am Kamm der Karnischen Alpen, ist Joseph Roths Roman über den Niedergang der k.u.k. Monarchie besonders eindringlich zu erleben.

Den Soundtrack zur damaligen Zeitenwende liefert der Radetzkymarsch von Johann Strauss, den der Akkordeonist Miloš Todorovski zu Beginn der Szenenfolge in schneller Folge anstimmt. Diese Kennmelodie der Monarchie wandelt sich aber im Laufe des knapp zweistündigen Theaterabends zum unterschwellig düsteren Klangteppich. Über die Szenerie wacht ein Bildschirm in Form eines Ahnenporträts, auf dem immer wieder kurze Film-Sequenzen mit Interviews von Jugendlichen und Bewohnern der Region eingespielt werden. Es sind kleine, authentische und oft humorvolle Nachdenkpausen, die die durchdachte Inszenierung zum berührenden Erlebnis machen.

Großer Applaus

Dazu trägt natürlich auch der Cast aus Profi-Schauspielern bei: Eduard Wildner ist der traditionsbewusste und anfangs strenge Franz von Trotta, Sohn des Helden von Solferino, der einst dem Kaiser das Leben gerettet hat und Vater des in der Armee so unglücklichen Carl Joseph von Trotta. Der wird von Festival-Mitbegründer Matthias Mamedof verkörpert, als Getriebener, zusehends Zweifelnder und schließlich Scheiternder. Die wunderbar wandelbare Ex-Burgtheater-Schauspielerin Alina Fritsch ist einmal Arztgattin, dann herrischer Graf, Elisabeth Engstler spielt sich von der Haushälterin bis zum Oberst souverän durch vier Rollen, und Nikolaus Barton bringt den wienerischen Tonfall ein. Vervollständigt wird das Ensemble durch die zehnköpfige Theatergruppe Dellach, die am Premierenabend von der künstlerischen Leiterin so wie die Filmdarsteller unter großem Applaus namentlich vor den Vorhang geholt wurde.