Denkt man an Big-Tech und Digitalisierung, fallen einem zuvorderst US-amerikanische Anbieter ein, die den Markt unter sich aufgeteilt haben. Dies ist nicht nur, aber vor allem auch deswegen der Fall, weil das besonders kritische Cloud-Business in amerikanischer Hand ist. Dahinter steckt eine massive Gefahr für Europas Wirtschaft, wie immer mehr europäische Unternehmen erkennen.
Das Ziel digitaler Souveränität wird seit geraumer Zeit von manchen Akteuren als Fernziel formuliert. Mit einer am Dienstag vorgestellten Initiative will man diesem einen großen Schritt näherkommen. Ein buntes Portfolio aus Unternehmen – A1 Telekom, Anexia, Erste Bank, KEBA Group, Spar, Umdasch Group und Vienna Insurance Group – aus verschiedenen Branchen will gemeinsam Pilotprojekte vorantreiben und den Digitalstandort Europa stärken.
„Nicht vorhanden oder nicht wettbewerbsfähig“
Allgemein wird betont, dass digitale Souveränität nicht Abschottung oder Rückzug bedeute, sondern ein „gezieltes Stärken der Position im internationalen Innovationswettbewerb und bei der globalen Zusammenarbeit.“ Europäische Anbieter im Bereich digitale Dienstleistungen seien aktuell oft nicht vorhanden oder nicht wettbewerbsfähig, räumt auch die Initiative Digitale Souveränität ein: Europa müsse eigene digitale Kompetenzen entwickeln und ausbauen, um mehr technologische Eigenständigkeit und Zukunftsfähigkeit sicherzustellen.
Alexander Windbichler über digitale Souveränität
Sprungbrett und Wahlfreiheit
„Sensible Daten müssen in sichere Hände“, betont A1-Vorstandschef Thomas Arnoldner. „Uns geht es nicht um Abschottung oder um den Aufbau eines Schutzwalles, sondern den Bau eines Sprungbrettes und Wahlfreiheit.“ Digitale Souveränität sei eine Chance und kein Risiko. Die branchenübergreifende Initiative zeige, dass das Thema die gesamte heimische Wirtschaft betreffe.
Der Chef der Kärntner Anexia-Group Alexander Windbichler, die so wie A1 im Cloud-Geschäft international aktiv ist, machte bereits seine augenöffnende Negativ-Erfahrung mit der (vermeintlichen) Abhängigkeit von US-Anbietern. Ihm gehe es „um ein starkes Europa auf Augenhöhe mit internationalen Partnern“. Windbichler plädiert für faire Wettbewerbsbedingungen und kann sich eine Trennung von Infrastruktur- und Softwareanbietern vorstellen, ähnlich wie im Energiebereich, wo Betreiber des Stromnetzes und Stromlieferant nicht ident sind. Dafür brauche es aber etwa Software mit offenen Schnittstellen.
„Gütesiegel für Souveränität“
Die neugegründete Initiative wünscht sich ein „Gütesiegel für Souveränität“, das der öffentlichen Beschaffung, Unternehmen und Bürgern klare Orientierung bieten soll. Der Schutz kritischer Infrastruktur müsse zum obersten Prinzip der staatlichen Verwaltung erhoben werden, digitale Abhängigkeiten reduziert und Vielfalt geschaffen werden.
Digitale Souveränität entstehe nicht allein durch den Betrieb von Rechenzentren in Europa. Es brauche vielmehr wettbewerbsfähige europäische Cloud-Lösungen, faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber globalen Plattformanbietern und eine stärkere Nutzung europäischer Angebote, fordert die Initiative. Hier seien Wirtschaft und öffentliche Hand gefordert. Europa könne seine technologische Unabhängigkeit und Wettbewerbsfähigkeit nur dann langfristig sichern, wenn Daten, Infrastruktur und digitale Wertschöpfung in Europa verbleiben. Ein vierseitiges Positionspapier gipfelt in einem Appell an die Politik, „konkrete Schritte für ein souveränes digitales Europa“ und einen starken Standort Österreich zu setzen.