Es geht um mehr als die Frage, ob sich in vier Jahren wieder jemand eine Goldmedaille umhängen darf. Es geht um die Zukunft ganzer Sportarten, um Infrastruktur, deren Finanzierung und vor allem auch um den Nachwuchs: Heute gibt das Internationale Olympische Komitee (IOC) ab 17.30 Uhr in Lausanne das Programm für die 2030 in den französischen Alpen stattfindenden Winterspiele bekannt. Für zwei Sportarten, bei denen Österreich vor wenigen Monaten in Cortina überaus erfolgreich war, beginnt im schlimmsten Fall eine völlig neue Zeitrechnung: Die Nordische Kombination sowie das Alpine Snowboarden wurden bei den abgelaufenen Spielen einer strengen Evaluierung unterzogen – und heute Abend wird bekannt, ob sie Teil der olympischen Sportfamilie bleiben.

Alle Folgen sind noch nicht auszumalen

Für die Betroffenen endet damit das große Zittern. Florian Liegl ist der Sportliche Leiter der Kombinierer im Österreichischen Skiverband. Alle Folgen einer Absage wären wohl noch gar nicht auszumalen: „Wenn die olympische Perspektive verloren geht, wäre das gerade für junge Talente schwierig. Zudem geht es da um Förderprogramme und um Finanzierungen, damit man den Nachwuchs nachhaltig an die Spitze führen kann“, sagt er. Sportler Johannes Lamparter war, gemessen an seinen drei Medaillen, bei den Spielen in Italien der erfolgreichste Österreicher. Der olympische Traum sei für ihn eine „Herzensangelegenheit“. Er versuchte, vor der heutigen Entscheidung kühlen Kopf zu bewahren: „Es wäre sehr schade. Aber das Leben würde weitergehen.“

Als einzige Sportart war die nordische Kombination zuletzt nur bei den Männern olympisch. Ob die steigende Leistungsdichte der Frauen – die erst seit 2020/21 einen Weltcup austragen – dem IOC genügt, wird sich weisen: Sie heftet sich die Geschlechtergerechtigkeit an die Fahnen. Damit hängt auch die olympische Zukunft der Männer an den Frauen. Für Lisa Hirner geht es da um ungemein viel: „Es geht um unsere Jobs. Für viele könnte das fast so sein, als würden sie gekündigt werden“, sagt die steirische Kombiniererin. Sie wurde im letzten Winter kurzerhand zur Skispringerin, um ihren Olympia-Traum zu realisieren – und diesen „Plan B“ gibt es auch für 2030. Aber darüber will sie nicht nachdenken: „Der Sport hat viel dafür getan, um zu zeigen, dass wir dazugehören. Alles andere als eine positive Entscheidung wäre eine riesige Enttäuschung.“

Snowboarder Payer kämpfte um Olympia-Zukunft

Parameter wie (globales) Interesse, Popularität, Zuschauerzahlen und Internationalität der Medaillengewinner dienen dem IOC als Entscheidungsgrundlage für die olympische Zukunft. Auch beim alpinen Snowboarden, wo Alexander Payer als Athletensprecher auch Einblicke hinter die Kulissen hat. In der jüngsten Vergangenheit hat er für seine Sportart gekämpft, Gespräche geführt, argumentiert. Dass ihn diese Zeit belastet hat, gibt er offen zu. „Sportpolitisch passiert im Hintergrund viel mehr, als man von außen mitbekommt. Es gab Phasen, da dachte ich: Das war‘s mit unserem Sport.“ Mittlerweile schöpft der Kärntner aber wieder Hoffnung: „Was ich hinter den Kulissen höre, schaut es gut für uns aus.“

Zwei Olympia-Medaillen gingen vor wenigen Monaten auf das Konto der alpinen Snowboarder. Auch für seine Sportart hätte das Ende des olympischen Zeitalters gravierende Folgen, sagt Payer: „Alpinsnowboard könnte auf professionellem Niveau kaum überleben. Das wäre nicht nur ein großer Rückschlag für uns Athleten – das wäre der Todesstoß für unseren Sport.“

In der Nordischen Kombination wie im alpinen Snowboarden wird unabhängig von der heutigen Entscheidung aber schon für den Winter geschwitzt – die Ziele gehen jedenfalls nicht aus. Die Snowboarder fiebern der Heim-WM in Montafon im März nächsten Jahres entgegen, die Kombinierer springen und laufen ab Ende Februar in Falun um WM-Medaillen.