Am Dienstag könnte ein Kapitel Sportgeschichte geschrieben werden – oder eines zu Ende gehen. Während das IOC-Executive-Board in Lausanne tagt, blickt eine Wintersportfamilie gebannt in die Schweiz. Auf der Tagesordnung steht eine Entscheidung, die für die Nordischen Kombinierer und den alpinen Snowboardsport alles verändern könnte: Bleibt die Disziplin Teil des olympischen Programms oder droht das Aus? Dass Alpinsnowboard überhaupt auf der Watchlist des IOC gelandet ist, sorgte vergangenen Herbst für ungläubiges Staunen – selbst beim Weltverband FIS. Noch beim IOC-Athletenforum im Sommer davor hatte nichts auf eine derart brisante Entwicklung hingedeutet.

Einer, der diese Monate intensiver erlebt hat als kaum ein anderer, ist Athletensprecher Alex Payer. Der Kärntner hat unzählige Gespräche geführt, lobbyiert und argumentiert. Und er gibt offen zu, wie sehr ihn die Ungewissheit belastet hat. „Ich hoffe, dass endlich eine Entscheidung fällt. Sie wurde bereits dreimal verschoben“, sagt der 36-Jährige. „Sportpolitisch passiert im Hintergrund viel mehr, als man von außen mitbekommt. Es gab Phasen, da dachte ich: Das war‘s mit unserem Sport.“ Argumente seien aufgetaucht, gegen die kaum anzukommen gewesen sei. „Das waren viele Höhen und Tiefen dabei.“ Mittlerweile schöpft er wieder Hoffnung. „Was ich hinter den Kulissen höre, schaut es gut für uns aus.“ Sollte Alpinsnowboard olympisch bleiben, dürfte neben dem Parallel-RTL künftig auch der Teambewerb Teil der Winterspiele sein. „Er ist gefragt, weil Nation gegen Nation fährt.“ Zusätzlichen Rückenwind brachte ein Satz des neuen FIS-Präsidenten kurz nach dessen Amtsantritt. „Er meinte, er kümmert sich darum, dass es mit uns weitergeht.“

Holten in Livigno olympisches Gold und Silber: Benjamin Karl und Sabine Payer
Holten in Livigno olympisches Gold und Silber: Benjamin Karl und Sabine Payer © GEPA

Doch warum stand der Sport auf dem Prüfstand? Ein oft genanntes Argument betrifft die Kosten. Snowboard-Pisten seien zu teuer. Für ihn war das ein Vorwurf, den er nur schwer nachvollziehen kann. „Unsere Pisten können danach normal von Freizeitsportlern genutzt werden. Ein Eiskanal wohl weniger“, entgegnet er. Mindestens genauso frustrierend sei ein anderes Problem: „Ich habe manchmal das Gefühl, manche Entscheidungsträger kennen den Unterschied zwischen Boardercross, Freestyle und Alpin gar nicht. Sie glauben, wenn wir heute keinen Parallelriesentorlauf fahren, stehen wir morgen in der Halfpipe.“ Auch die weltweite Reichweite des Sports wurde immer wieder hinterfragt. Payer kontert selbstbewusst. „Ich bin überzeugt, dass nur wenige Menschen in ihrer Freizeit Skispringen oder Bobfahren.“

„Ich habe mehrere hundert Stunden am Laptop verbracht“

Als Paradebeispiel für die Strahlkraft des Sports nennt er Livigno. „Wenn das nicht tolle Werbung war – was dann? Wir waren ausverkauft.“ Er habe den Verantwortlichen vermittelt, dass volle Tribünen mit Fans mehr wert seien als Millionen Social-Klicks aus Ländern, in denen sich ohnehin niemand für den Sport interessiert. „Ich glaube, diese Botschaft ist angekommen.“ Dass sich die Ausgangslage zuletzt verbessert hat, schreibt der WM-Dritte von 2023 auch der FIS zu. Der Weltverband habe sich so intensiv für das Snowboarden eingesetzt wie nie zuvor. „Seit ich Snowboard fahre, habe ich erstmals das Gefühl, dass die alte Grenze zwischen Ski- und Snowboardverband verschwunden ist.“

Vor allem Urs Lehmann habe sich mit großem Engagement eingebracht. „Wir haben viele Gespräche geführt – auch über die mediale Zukunft unseres Sports. Es war ein echtes Miteinander.“ Für den Wintersportler aus St. Urban bedeutete das allerdings auch zahllose Stunden abseits der Piste. „Die vergangenen Monate waren unglaublich intensiv. Ich habe mehrere hundert Stunden am Laptop verbracht. Deshalb hoffe ich, dass sich dieser Einsatz gelohnt hat.“ Denn die Konsequenzen einer Olympia-Absage wären gravierend. „Alpinsnowboard könnte auf professionellem Niveau kaum überleben. Das wäre nicht nur ein großer Rückschlag für uns Athleten – das wäre der Todesstoß für unseren Sport.“

„Die Schirmbar ist schon reserviert“

Zumindest ein Termin steht fest: Von 6. bis 21. März 2027 findet die Snowboard-Heim-WM in Montafon statt. Gut möglich, dass sie sein letztes großes Karriere-Highlight wird. „Andi Prommegger hat die Schirmbar schon reserviert. Es schaut nach einer großen Feier aus“, grinst Payer, der sich mit seiner Liebsten Sabine Payer eine Wohnmobilreise durch Griechenland gönnte. Inzwischen hat sie der Trainingsalltag aber längst eingeholt. „Im Juni waren wir mit den Tschechen auf Schnee. Jetzt trainiere ich viel zuhause.“ Bevor der Fokus wieder voll auf den Winter gerichtet ist, wartet etwas Besonderes: das hautnahe „Tour de France“-Gefühl.