Es gibt Momente im Sport, nach denen vermutlich allen Beteiligten in der Sekunde klar ist, dass sie auf Jahrzehnte nicht vergessen werden. Hermann Maiers Abflug bei Olympia 1998 samt folgendem Doppel-Gold etwa, um ein Beispiel abseits des Fußballs zu nennen. Hans Krankls Tore in Cordoba gegen Deutschland bei der WM 1978 konnte man seither ebenfalls bereits das eine oder andere Mal im TV bewundern. Die Chancen stehen nicht so schlecht, dass auch die nächste und übernächste Generation erfahren wird, was Sasa Kalajdzic am 27. Juni 2026 im Arrowhead Stadium beim „Thriller von Kansas City“ gemacht hat.
Sein Kopfballtreffer zum 3:3 gegen Algerien in der sechsten Minute der Nachspielzeit bewahrte Österreich vor der vorzeitigen Heimreise von der WM, nachdem man nur Augenblicke davor in Rückstand geraten war. „Alfred Hitchcock hatte mit Fußball nichts am Hut, aber wenn er solch ein Drama verfasst hätte, hätte man ihn für verrückt erklärt“, konnte Teamchef Ralf Rangnick selbst nicht glauben, was sich in den finalen Minuten abgespielt hatte. Dass ausgerechnet Kalajdzic den rot-weiß-roten Rettungsanker warf, bezeichnete der Deutsche als „Traumgeschichte“.
Als wäre dieses Tor nicht auch so eines der emotionalsten der heimischen Fußballgeschichte, wird es durch die Comeback-Story des Wieners noch spezieller. „Gefühlt bin ich noch im Schock“, konnte Kalajdzic selbst nicht fassen, was ihm da gerade gelungen war. Jeder, der ihm das genauso prophezeit hätte, wäre von ihm höchstpersönlich für verrückt erklärt worden. „Man kennt meine Geschichte. Deswegen bin ich einfach nur froh, dass ich endlich auch in der Nationalmannschaft etwas beitragen konnte“, atmete der 2-Meter-Riese nach seinem fünften Länderspieltreffer auf.
Es war tatsächlich sein erstes persönliches Erfolgserlebnis im ÖFB-Trikot seit seinem Achtelfinal-Treffer bei der Euro 2021 gegen Italien. Danach folgte eine beinahe beispiellose Leidensgeschichte mit einer schweren Schulterverletzung und zwei Kreuzbandrissen. In dieser Saison scheint der notorische Pechvogel die Metamorphose zum Glückskind hinzubekommen. Erst das Double mit dem LASK, dadurch der Sprung auf den WM-Zug, dort nun dieser Geniestreich. Kalajdzic war selbst nur einige Augenblicke lang Teil des Spiels. Nach dem 3:2 der Algerier wurde er umgehend eingewechselt und dachte sich: „Irgendwie das Ding hinter die Linie drücken, egal wer, egal wie.“
Als der Ball im Netz zappelte, wusste der 28-Jährige im ersten Moment gar nicht, was er machen sollte. Dann führte ihn der erste Weg zu Michael Gregoritsch: „Ich habe nur den ‚Gregerl‘ gesehen, der mir den Ball überragend aufgeköpfelt hat und bin einfach auf ihn gesprungen.“ Unmittelbar danach brachen sowieso alle Dämme: „Plötzlich waren gefühlt 50 Leute um mich herum, jeder hat mir eine Watschn nach der anderen gegeben, mir ins Gesicht und ins Ohr geschrien. Das hat 10 Meter im Feld angefangen, am Ende bin ich fast außerhalb vom Stadion gelandet. Das war Ekstase pur, einfach geil. Das war einer der Momente, den nur der Fußball schreibt.“
Gleichzeitig sei es einer der besten Momente seiner Karriere gewesen. Lediglich die beiden Titel mit dem LASK und einst der Nichtabstieg mit dem VfB Stuttgart in letzter Minute seien vergleichbare Erlebnisse gewesen: „Aber dieses Tor kann ich nicht gar nicht realisieren, vermutlich auch die nächsten Tage noch nicht. Ich hoffe, dass ich bis zum Spanien-Spiel hundertprozentig klar im Kopf bin.“ Dass die Reise überhaupt nach Los Angeles weitergeht, ist Kalajdzic zu verdanken, womit wieder einmal der Beweis angetreten wäre, wie schnell sich die Sachlage im Sport ändern kann.
Beim ersten WM-Match gegen Jordanien bekam er nach starken Trainingsleistungen den Zuschlag von Beginn an, wurde aber bereits zur Pause ausgewechselt und wirkte seither ein wenig niedergeschlagen. „Ich war grundsätzlich überrascht, dass ich begonnen habe“, sei der Startelf-Einsatz angesichts seiner Vorgeschichte nicht selbstverständlich gewesen, „vielleicht war ich da noch überwältigt von allem. Das erste WM-Spiel, du startest plötzlich. Es war nicht mein bestes Spiel, aber auch kein katastrophales.“ Nachsatz: „Aber das interessiert jetzt auch keinen mehr.“ Mit dieser Vermutung könnte Kalajdzic recht haben. Es hat nur eine Minute gedauert, und seine persönliche WM-Geschichte hat eine dramatische Wende genommen. Und somit auch jene von Österreich bei diesem Turnier.