Freundschaftsspiele können im Fußball verschiedene Zwecke erfüllen. Man kann die Partie für Experimente aller Art hernehmen. Oder man nutzt die Gelegenheit, um den ohnehin schon etablierten Stamm auf Betriebstemperatur zu bringen. Letzteres hat Teamchef Ralf Rangnick für den Probelauf gegen Tunesien (20.45 Uhr, ServusTV live) in Sinn, der gleichzeitig bereits die Generalprobe für den rot-weiß-roten WM-Auftakt gegen Jordanien darstellt.
„Wenn du bei einem Musical oder einem Theater eine Generalprobe hast, stellst du ja auch auf vielen Positionen die auf, die nachher bei der Premiere am Start sind. Insofern kann man schon davon ausgehen, dass es weitestgehend die Elf sein wird, die auch gegen Jordanien spielen könnte“, verrät der 67-Jährige.
Das bedeutet, dass zumindest in der Anfangsformation eher mit dem gewohnten Personal zu rechnen ist und weniger mit Überraschungen. Dennoch möchte Rangnick möglichst vielen Akteuren Spielpraxis gewähren und möchte den einen oder anderen Wechsel bereits in der Halbzeitpause vornehmen.
Das Kräftemessen mit den Nordafrikanern erfüllt zudem den Zweck, dass er die perfekte Einstimmung auf den ersten WM-Kontrahenten bieten soll: „Wir haben den Gegner bewusst ausgewählt, weil es durchaus Ähnlichkeiten zur Spielweise und zur Spielidee von Jordanien gibt. Sie sind auf schnelle Konter ausgerichtet und spielen auch immer wieder in einem tiefen Block.“ Dies würde jedoch nicht bedeuten, dass die beiden Teams qualitativ vergleichbar wären. Jordanien musste sich der Schweiz in einem Test 1:4 geschlagen geben.
Hier sollte sehr wohl Tunesien die Nase gegenüber Jordanien vorne haben. Rani Khedira (Union Berlin), Bruder des deutschen Weltmeisters von 2014 Sami Khedira, Ellyes Skhiri (Eintracht Frankfurt) und Ismael Gharbi (FC Augsburg) stehen in der deutschen Bundesliga unter Vertrag. Der Spieler mit dem höchsten Marktwert (16 Millionen Euro) ist Hannibal.
Der offensive Mittelfeldspieler des FC Burnley weist eine gemeinsame Vergangenheit mit Rangnick aus gemeinsamen Zeiten bei Manchester United auf und kam immerhin zwei Mal unter der Anleitung des Deutschen in der Premier League zum Einsatz. „Damals war er noch ein sehr, sehr junger Spieler und hatte noch nicht so viel Erfahrung wie jetzt. Inzwischen sind vier, fünf Jahre vergangen. Er ist ein technisch sehr beschlagener Spieler“, sagt der Deutsche über den mittlerweile 23-Jährigen. Tunesien trifft bei der Weltmeisterschaft auf Schweden, Japan und die Niederlande und stimmt sich im Ernst-Happel-Stadion auf die beiden Kontrahenten aus Europa ein.
Keine angezogene Handbremse
Rangnick fordert dieselbe Herangehensweise wie immer, sprich ohne angezogene Handbremse. „So kannst du kein Spiel bestreiten, die gibt es bei uns in keinem einzigen Training“, betont der Chefcoach und setzt auf die Erfahrung seiner Spieler, Situationen einschätzen zu können und nicht unnötig Kopf und Kragen zu riskieren. Das ÖFB-Team ist derzeit kaum von Verletzungssorgen geplagt, lediglich Patrick Wimmer befindet sich noch im Aufbautraining und fehlt daher.
Österreichs WM-Generalprobe steigt deshalb zu einem so frühen Zeitpunkt, weil das am 11. Juni in Los Angeles geplante Match gegen Guatemala ersatzlos gestrichen wurde. Sehr zur Freude von Rangnick, weil es lange Busfahrten verhindern und zusätzliche wertvolle Trainingszeit bietet. Als Ersatzprogramm denkt er an ein internes Match: „Wahrscheinlich um den 10. Juni herum, drei Mal 20 Minuten, elf gegen elf, in Trikots und mit Schiedsrichtern.“
Tunesien gastierte übrigens auch Ende Mai 1998 im unmittelbaren Vorfeld von Österreichs letzter WM-Teilnahme zu einem Test in Wien. Den damals vorletzten Probelauf vor Turnierstart entschied Rot-Weiß-Rot vor nur 12.000 Zuschauern im Happel-Oval nach Treffern von Harald Cerny und Arnold Wetl mit 2:1 für sich. Bei Österreichs letzter Verabschiedung zu einem Turnier gab es im Vorfeld der EM 2024 ein 1:1 in der Schweiz. Damals standen bei der Generalprobe übrigens mit Phillipp Mwene, Konrad Laimer, Nicolas Seiwald, Christoph Baumgartner und Michael Gregoritsch lediglich fünf Kräfte in der Startelf, die dies auch bei der Premiere gegen Frankreich taten.