Insgesamt ist der Nichtraucherschutz in Europa nach wie vor ein Fleckerlteppich, der von strengen Komplettverboten bis hin zu noch – relativ – moderaten Einschränkungen reicht. Eine einheitliche Regelung wird es vermutlich auch im EU-Raum nie geben. Trotzdem fällt nicht nur am morgigen Weltnichtrauchertag der Begriff der „tabakfreien Generation“ – nach Großbritannien nun auch immer häufiger in der Türkei.
Radikale Vorstöße in Großbritannien und der Türkei
Die Regierungspartei AKP von Langzeitregent Recep Tayyip Erdoğan plant eines der strengsten Anti-Tabak-Gesetze weltweit – das dann auch Touristen aus dem Ausland gleichermaßen betreffen wird. Verboten soll das Rauchen laut Gesetzesentwurf zunächst an nahezu allen öffentlichen Orten sein – von Lokalen (im Innen- und Außenbereich) über Parks, Spielplätzen, Stränden, Sportanlagen bis hin zu Spitälern, Bildungseinrichtungen und Moscheen. Die Regierung setzt bei der nationalen Entwöhnung offenbar auf ein abgestuftes Sanktionssystem. Es soll aber noch radikaler werden: Bis zum Jahr 2040 sollen Import, Herstellung und Verkauf von Tabakprodukten in der Türkei vollständig untersagt sein. Wer nach dem finalen Inkrafttreten als Händler oder Unternehmen dagegen verstößt, dem drohen Strafen von umgerechnet 20.000 bis 200.000 Euro sowie der Verlust der Lizenz. Für Raucher, die dann die Verbote missachten, wäre indes ein Bußgeld von 95 Euro angedacht.
Für ein Land, in dem noch immer rund 19 Millionen Bürgerinnen und Bürger rauchen und jährlich etwa 85.000 Menschen an direkten oder indirekten Folgen des Tabakkonsums sterben, wäre das ein bemerkenswerter Neubeginn. Neben klassischen Zigaretten will man auch E-Zigaretten, Wasserpfeifen, Tabakerhitzer und dergleichen ins Visier nehmen. Für die äußerst populäre Shisha-Tradition der Türkei könnte dies langfristig das Ende bedeuten, auch E-Shishas wären davon betroffen.
Gestützt auf Forderungen und Erkenntnissen des türkischen Gesundheitsministeriums, folgt man in der Türkei damit dem Beispiel Großbritanniens – bekanntlich ebenfalls kein EU-Mitglied: Dort ist ein Gesetz anvisiert, das den Verkauf von Tabakprodukten schrittweise verbieten soll: Jugendliche, die nach dem 1. Jänner 2009 geboren wurden, sollen ihr Leben lang keine Tabakwaren legal erwerben dürfen. Ob die Vorhaben in beiden Ländern halten, bleibt abzuwarten: In Neuseeland wurde das geplante, weltweit strengste Zigarettenverbot für künftige Generationen im Februar 2024 gekippt. Man begründete die Kehrtwende mit fehlenden Fiskaleinnahmen aus dem Tabakverkauf – die man für Steuererleichterungen in anderen Bereichen braucht. Zudem wollte man nicht den ohnehin großen Schwarzmarkt für Tabakprodukte Vorschub leisten.
In EU-Staaten wie Irland, Griechenland, Bulgarien, Malta, Spanien oder Ungarn gilt bislang der strengste Nichtraucherschutz. Hier ist das Rauchen in fast allen geschlossenen öffentlichen Räumen, am Arbeitsplatz sowie in öffentlichen Verkehrsmitteln ausnahmslos verboten. Punktuell nachjustiert wird in Europa fortlaufend: So ist etwa im Europa-Park in Rust in Baden-Württemberg, dem größten Freizeitpark Deutschlands und einem der beliebtesten in Europa, per 1. Juni das Rauchen nur noch in ausgewiesenen Raucherbereichen erlaubt. Diese Regelung umfasst Zigaretten, Zigarren, E-Zigaretten, E-Shishas, Tabakerhitzer sowie Wasserpfeifen und vergleichbare Dampfprodukte.
Frankreich verschärfte seine Regeln massiv und verbot das Rauchen flächendeckend an Stränden, in Parks und Wäldern, aber auch an Bushaltestellen. Italien legt ebenfalls schrittweise nach: In einigen Städten – wie etwa Turin – ist das Rauchen im Freien bereits tabu. Die Einschränkungen werden mehrheitlich von der Bevölkerung unterstützt, sie fallen aber auch nicht so extrem aus wie die Vorhaben in Großbritannien oder der Türkei. In Schweden rauchen nur noch fünf bis acht Prozent der Bevölkerung täglich, während der EU-Durchschnitt aktuell bei etwa 24 Prozent liegt. Damit gilt man offiziell als „rauchfrei“. Es gibt indes ein großes Aber: Konsumenten greifen stattdessen auf den dort sehr beliebten Oraltabak „Snus“ zurück, darunter viele Jugendliche. Dieser wird in einem Beutel unter die Oberlippe geschoben, über die Mundschleimhaut nimmt der Körper das Nikotin dann überaus schnell auf.
Österreich: Tabakbeutel und Tabakerhitzer im Visier
Und Österreich? Konnte sich nach Jahrzehnten untauglicher Lösungen auf ein Rauchverbot in der Gastronomie einigen, das mit 1. November 2019 in Kraft trat. Nachgebessert wird derzeit vor allem bei den sehr beliebten Ersatzprodukten: „Nikotinbeutel“ und E-Liquids für E-Zigaretten dürfen seit 1. April nur noch in den Tabaktrafiken verkauft werden. Dass es derlei nicht mehr an jedem Eck gibt, soll den Jugendschutz stärken. Per 1. Juni dürfen für „Tabakerhitzer“ keine Sticks mit lieblichen Geschmacksaromen wie Vanille mehr verkauft werden.
„Wir sehen klar, dass mit neuen Nikotinprodukten gezielt junge Menschen angesprochen werden – und ich weiß auch, dass viele dieser Produkte gerade im Trend sind. Aber genau deshalb braucht es Verantwortung und klare Regeln: Nicht nur aus Prinzip, sondern weil es um die Gesundheit junger Menschen geht“, betont die Staatssekretärin für Gesundheit Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ) die Dringlichkeit, hier nachzujustieren.