Irgendwann ging gar nichts mehr: „Ich bin daheim gesessen und habe nur mehr geweint. Ich wollte meinem Kind unbedingt helfen, aber ich hab‘ nicht verstanden, was los ist“, erzählt Kristina Rarej-Gleispach. Die Murtalerin ist Mama eines Sohnes, heute elf Jahre alt. Ein blitzgescheites Kind, hochbegabt, aber anders als andere Kinder.
„Die Probleme haben so richtig begonnen, als er in die Schule kam“, erzählt die Elementarpädagogin. Immer öfter sei er weinend nach Hause gekommen, die Lehrer machten sich Sorgen. „Schon kleinste Eindrücke haben bei ihm intensive Reaktionen ausgelöst, das war schon als Baby so“, erzählt Rarej-Gleispach, die mit ihrer Familie in St. Peter ob Judenburg lebt.
Ein zerbrochener Stift? Drama. Ein Urlaub? Horror für die Eltern. „Je mehr wir helfen wollten, desto mehr zog er sich zurück.“ Als ihr Sohn acht Jahre ist, scheint nichts mehr zu gehen. „Wir waren alle verzweifelt.“ Eine lange Suche nach Antworten beginnt, und schließlich wird die Pädagogin fündig. „Mein Sohn ist nicht krank, nicht schwierig. Er ist hochsensibel.“
Überreizung und Burnout
Kristina Rarej-Gleispach beginnt, sich selbst zur Trainerin für hochsensible Kinder ausbilden zu lassen. „Eigentlich um meinem Sohn zu helfen. Aber ich habe in meiner Arbeit im Kindergarten bald gemerkt, dass das Thema viel, viel mehr betrifft. Auch Erwachsene“, sagt die Steirerin. „In der Ausbildung wurde mir klar, dass mein Mann hochsensibel ist. Ich bin es ebenso, aber das ist uns erst jetzt bewusst.“
Doch zurück zu ihrem Sohn. „Im Nachhinein mit dem Wissen um die Hochsensibilität, macht alles Sinn“, schildert die 33-jährige Mama. Ihr Kind sei ein Schreibaby gewesen, sehr anhänglich, gleichzeitig früh entwickelt. „Er mochte keinen Brei, nur Stücke, und alles musste immer perfekt sauber sein.“ Im Kindergarten sei ihm alles zu laut, zu viel gewesen. Nasser Sand, Matsch, klebrige Hände, viel zu viele Eindrücke für das kleine Kind. Keine Kleidung durfte zu eng sein, der Bub reagierte mit Weglaufen oder Verstecken. Die dauerhafte Überreizung führte zu einem kindlichen Burnout.
Kein ADHS, kein Autismus
Immer wieder stößt Kristina Rarej-Gleispach auf die Diagnosen ADHS oder Autismus: „Ich wusste aber, dass das nicht zutrifft.“ Hochsensibilität wiederum ist keine Krankheit: „Viele nennen es eine Modeerscheinung, aber das ist Blödsinn“, klärt die Pädagogin auf. „Es ist eine Gabe, keine Schwäche.“ (Details siehe Interview unten). Hochsensible nehmen Geräusche, Gerüche, Licht und Stimmungen deutlicher wahr als andere Menschen.
Mit dem Wissen über Hochsensibilität kehrte Ruhe in die Familie ein. Heute achten die Eltern auf genügend Pausen für ihren Sohn. Viel Schlaf, Atemtechniken und Übungen helfen, die Überreizung zu mildern. Der Elfjährige besucht das Gymnasium und meistert seinen Alltag.
Aus ihren Erfahrungen heraus hat Kristina Rarej-Gleispach ein Buch geschrieben: „Mit dem Herzen sehen“ soll Mut machen und Verständnis schaffen, zugleich aber Wissen vermitteln und Tipps geben, wie sich der Alltag leichter gestalten lässt. Es enthält auch zwei kindgerechte Geschichten, um Hochsensibilität verständlich zu machen. „Leider werden oft vorschnell Diagnosen gestellt und sogar Medikamente verschrieben. Mir ist es daher besonders wichtig, dass viele Menschen über Hochsensibilität Bescheid wissen“, erklärt Rarej-Gleispach.
Das Buch erscheint in Kürze im Paramon-Verlag und ist im Buchhandel sowie online erhältlich, Lesungen in der Region sind geplant. Kontakt zur Autorin: kristina.rarej.gleispach@gmail.com.